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Bundesjugendspiele – auch im Norden umstritten

Online-Petition Bundesjugendspiele – auch im Norden umstritten

Titus fühlt sich durch die Bundesjugendspiele gedemütigt. Die Spiele gehören abgeschafft, findet seine Mutter Christine Finke aus Konstanz. Nachdem sie ihren weinenden Sohn getröstet hatte, startete sie eine Online-Petition. Die spaltet nun die Republik.

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Die Online-Petition von Christine Finke entfachte eine breite Debatte über Bundesjugendspiele.

Quelle: imago (Symbolfoto)

Kiel. Christine Finke, Mutter dreier schulpflichtiger Kinder, begründet ihre Online-Petition so: „Die Bundesjugendspiele sind nicht mehr zeitgemäß: Der Zwang zur Teilnahme und der starke Wettkampfcharakter sorgen bei vielen Schülern für das Gefühl, vor der Peergroup gedemütigt zu werden.“ Die 48-Jährige fordert deshalb, dass die Bundesjugendspiele (Buju) abgeschafft werden. Zumindest sollte die Teilnahme daran freiwillig sein. 14500 Bürger haben diese Petition in wenigen Tagen unterzeichnet.

Viele Unterzeichner berichten dabei von demütigenden eigenen Erfahrungen. So schreibt Oliver Blankenstein, dass er als Schüler auch unter den Bundesjugendspielen gelitten habe: „Heute als 'sportlicher' Kinderarzt kann ich das biologische Setup dieser Einrichtung nicht nachvollziehen.“ Dirk Donning berichtet, dass die Buju in seiner Kindheit „das schlimmste und demütigendste Ereignis des ganzen Jahres gewesen sind“. Und ein Pfarrer bekennt: „Ich habe selbst leidvoll erlebt, dass man ohne eine Urkunde bei den Bundesjugendspielen in der Klasse massiv abgewertet wird. Mit der Zeit war es mir dann genauso gleichgültig wie der Sport selbst. Bis heute meide ich jede organisierte sportliche Betätigung und auch die Berichte darüber in den Medien."

Die Konstanzer Stadträtin Christine Finke sammelt mittels Online-Petition Stimmen für die Abschaffung der Bundesjugendspiele. Foto: dpa

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Doch es formiert sich auch eine Gegenbewegung. Bei einer Umfrage von tagesschau.de sprachen sich 18000 von 30000 Bürger gegen die Petition aus. Auch in den sozialen Netzwerken nehmen die Gegner immer größeren Raum ein.

In Schleswig-Holstein gehen die Meinungen ebenfalls auseinander. „Auch unter Sportlehrern sind die Bundesjugendspiele nicht unumstritten“, sagt GEW-Landesgeschäftsführer Bernd Schauer. Die Verpflichtung für alle Schulen, daran teilnehmen zu müssen, lehnt man daher ab. „Jede Schule hat ein Interesse an der Ausgestaltung von Sportfesten nach ihren Bedingungen und Vorstellungen, aber '3 mal in die Grube hüpfen, 3 mal einen Ball wegschmeißen und 50 oder mehr Meter schnell laufen' und dafür den ganzen Tag mit viel Organisation vorher und hinterher – das kann, muss aber keinen Sinn machen.“ Die GEW plädiert deshalb für ein neues Sportkonzept, bei dem jede Schule Schulsportfeste selbst mit oder ohne Buju ausgestalten kann.

Die Gegenposition vertritt Helmut Siegmon, Landesvorsitzender des Philologenverbandes, der als Sportlehrer selbst Lehrpläne entwickelt und dann im Gymnasium Kronshagen auch umgesetzt hat. „Sich in Bewegung, Sport und Spiel zu messen, gehört fundamental zum Sport dazu. Es gehört aber auch dazu, sich gemeinsam über einen Gewinn zu freuen und sich bei einem schlechten Abschneiden gegenseitig zu trösten. Deshalb muss jeder Wettkampf in eine kluge pädagogische Begleitung eingebettet sein.“


Das sieht auch Benita von Brackel-Schmidt so. Die Mutter und stellvertretende Landeselternbeiratsvorsitzende für Gesamtschulen räumt ein, dass sie selbst die Bundesjugendspiele gehasst hat. „Aber nicht zu den Guten zu gehören, bedeutet nicht, dass man gedemütigt oder vorgeführt wird. Es heißt auch nicht, dass man sich nicht mit anderen messen kann. Sonst wäre jeder Wettbewerb fehl am Platze.“ Für von Brackel-Schmidt können Buju im Gegenteil ein Anreiz sein, sich im Sportunterricht stärker zu engagieren.

Für Achim Rix, Landesvorsitzender des Deutschen Sportlehrerverbandes, müssen die Buju auf jeden Fall durch den Sportunterricht vorbereitet werden. „Sport kann auf sehr direkte, unmittelbare Weise Rückmeldung über die eigene Leistung in Relation zu anderen geben – Sieg oder Niederlage, so wie es Holstein Kiel kürzlich erfahren durfte. Das mag 'brutal' sein, demütigend ist es nicht.“ Denn Demütigung komme als individuelle Empfindung hinzu oder werde von außen hineingetragen. Klar ist für Rix: „Weder die Spieler von Holstein Kiel noch irgendein Kind mit einer Teilnehmerurkunde sind für ihre Leistung zu diskriminieren. Das ist ein no go.“


Und was sagen die Schüler selbst? „Bundesjugendspiele waren doof. Wir saßen fast die ganze Zeit nur herum. Ich hätte lieber Fußball gespielt“, sagt der 9-jährige Jan aus Kiel. Die 14-jährige Jenny aus Neumünster erzählt, dass viele in ihrer Klasse Angst vor den Bundesjugendspielen haben „weil man da manchmal von den anderen ausgelacht wird. Ich hätte nichts dagegen, wenn man die abschafft und stattdessen lieber mal andere Sportarten ausprobieren kann, die man noch nicht kennt. “

Jana Jöhnk (18) vom Helene-Lange-Gymnasium in Rendsburg findet hingegen: „Die Buju können eine gute Unterbrechung im Unterrichtsalltag sein. Ich fände es albern, wenn 95 Prozent, die gerne mitmachen, dies nicht mehr dürften, weil einige wenige sich öffentlich bloßgestellt fühlen. Da sollte man andere Wege finden.“ Simon Becker (18) vom Gymnasium Altenholz, hat die Erfahrung gemacht, dass viele Schüler die Bundesjugendspiele „meganervig“ finden, weil die Disziplinen Schwimmen, Leichtathletik und Turnen nicht unbedingt die Stärken des Einzelnen treffen. „Die Kritik ist also nicht ganz unberechtigt. Abschaffen würde ich die Spiele deshalb nicht. Sport hat nun mal Wettbewerbscharakter. Aber man könnte sie so erweitern, dass jeder die faire Chance hat, sich in seinen Stärken zu messen.“


Die Buju abzuschaffen, ist zurzeit auch im Bildungsministerium Schleswig-Holstein kein Thema. Schließlich könnten die Buju heute auch als spielerischer Mehrkampf oder Wettkampf durchgeführt werden, sagt Staatssekretär Dirk Loßack: „Sie sind auf jeden Fall ein Sportfest für alle mit stark inklusivem Charakter. Jeder kann, darf und sollte mitmachen. Wenn es Einzelfälle geben sollte, in denen Schulen mit Niederlagen nicht gut pädagogisch umgehen, muss man diese Einzelfälle in dem beschriebenen Sinne pädagogisch aufarbeiten.“

Hier gelangen Sie zur Online Petition ...

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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