18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Flüchtlinge stranden am Grenzbahnhof

Schleswig-Holstein Flüchtlinge stranden am Grenzbahnhof

Die Zahl der Migranten, die auf der Durchreise mit dem Zug in Flensburg ankommen, steigt an. Die meisten wollen nach Skandinavien, vor allem nach Schweden. Bei den Polizeikontrollen am Bahnhof geht es ruhig und friedlich zu — zumindest in den meisten Fällen.

Voriger Artikel
Polizei schnappt Werkzeug-Diebesbande
Nächster Artikel
Anwohner müssen weiter auf Rückkehr warten

Die Bahnverbindung in Richtung Norden wird von zahlreichen Flüchtlingen genutzt, um in Skandinavien Asyl zu finden.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Flensburg/Kiel. Die Sonne geht gerade auf in Flensburg, da fährt der Regionalzug aus Kiel ein. Zu dieser frühen Stunde ist er an seinem Zielbahnhof voll besetzt, die Menschen quellen förmlich aus den Waggons hervor. Beamte der Bundespolizei warten schon am Bahnsteig. Sie müssen wie so oft in diesem Sommer damit rechnen, dass Flüchtlinge ohne gültige Papiere ankommen. Oft werden sie schon vorab von Zugbegleitern informiert, denen die Menschen aufgefallen sind.

Die meisten wollen weiter nach Skandinavien, erzählt der Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion Flensburg, Hanspeter Schwartz. In Flensburg müssen sie umsteigen, erklärt er, wegen Bauarbeiten in Dänemark. Schienenersatzverkehr ist nötig. Vorher fuhren die Züge aus Hamburg weiter ins Nachbarland.

Seit Anfang Juli verzeichnet die Bundespolizei in Flensburg einen Anstieg von Migranten, die am Bahnhof ankommen. 140 sogenannte Feststellungen an einem Wochenende, das ist der bisherige Rekord. Mehr als 300 Flüchtlinge sind es Schwartz zufolge seit Anfang Juli, die aber nicht alle unerlaubt unterwegs waren. Häufig kommen sie mit den ersten Zügen des Tages aus Kiel oder Hamburg.

An diesem Morgen gehört eine dunkelhäutige Familie zu den ersten, die aussteigen. Die kleinen Mädchen sind in pink gekleidet, auch die Mutter trägt einen pinken Rucksack. Weitere Reisende werden kontrolliert, eine Frau hat ein schlafendes Kind im Arm, ein junger Mann ist mit Trolley und Kopfhörern unterwegs. Pässe werden kontrolliert, Papiere überprüft. „S, Ypsilon…“ spricht einer der Beamten nach, was ihm ein junger Mann diktiert. Auf Englisch diskutieren andere. Einem Mann hilft ein Beamter mit dem schwergängigen Koffer.

Die Kontrollen laufen schnell, konzentriert und ruhig ab, die Menschen scheinen damit schon gerechnet zu haben. Die meisten haben gültige Papiere und setzen ihre Reise fort. Einen jungen Mann allerdings, der sich die Kapuze seines grauen Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen hat, nehmen die Bundespolizisten mit. Doch er wehrt sich, nicht heftig, die Beamten nehmen ihn in ihre Mitte. Dann führen sie ihn mit festem Griff aus dem Bahnhof und zu einem Wagen der Bundespolizei. Im Bahnhof ist es voller geworden. Jugendliche sitzen auf dem Boden und gucken ebenso neugierig zu wie ein älteres Ehepaar in beiger Sommerkleidung.

Das sei das erste Mal, dass er so etwas wie leichte Gegenwehr erlebt hat, erzählt Schwartz. Sonst bleibe es immer friedlich, eine brenzlige Situation hat er bislang nicht mitbekommen. Aber auch Tränen oder die Bitte, doch einfach weitergelassen zu werden, hat er noch nicht erlebt.

Auf der Dienststelle sei die Lage dann „super entspannt“. Die oft von der Reise erschöpften Menschen könnten sich hinlegen, für Babys halte die Inspektion Windeln, für Kinder Spielzeug bereit. Auch Kleidung sei vorrätig, falls verschmutzte Sachen gewechselt werden müssen. Für einen kleinen Jungen wird an diesem Tag ein Brei zubereitet. Ebenso werden für die Erwachsenen Essen und Getränke bereitgestellt.

Die Beamten bemühen sich, die Migranten ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen, „weil wir wissen, dass sie eine lange Reise hinter sich haben“. Das würden auch die Flüchtlinge anerkennen. „Wir hören auch schon mal: „Good cops“ (gute Polizisten)“, erzählt Schwartz. Das eigentliche Ziel der Beamten sind die Schleuser: „Wir wollen auch an die Hintermänner ran.“

Vor dem Bahnhof wartet der Kleinbus der Bundespolizei. Neun Menschen nehmen sie an diesem Tag mit. Ein Mann und ein Junge mit Hut, kurzer Hose und Flip Flops stehen vor dem Wagen. „You have to wait (Sie müssen warten)“, erklärt einer der Beamten. Der Junge zittert in der Morgenkühle. „Ich gehe mit ihnen mal rein, die frieren mir hier zu doll“, sagt einer der Bundespolizisten und führt die beiden wieder in die Bahnhofshalle.

Auch dort haben die Beamten einige Flüchtlinge entdeckt, die sie mitnehmen. Bei einer späteren Kontrolle kommen laut Schwartz vier weitere hinzu, die bereits „Anlaufbescheinigungen“ haben und nun eine Ausreiseuntersagung erhalten. Afghanistan, Syrien, Eritrea — diese Hauptherkunftsländer der vergangenen Wochen zählt Schwartz auf. Familien seien darunter, „jetzt vermehrt große Gruppen“.

In Süddeutschland ist die Zahl der Aufgegriffenen noch höher, täglich sind es Hunderte, rechnet Schwartz vor. Diejenigen, die in Flensburg ankommen, wollen in der Regel jedoch nicht bleiben. „Die wollen überwiegend nach Schweden“, sagt Schwartz. Gründe sind etwa bessere Asylbedingungen oder weil die Familie schon dort lebt. Manche zieht es auch nach Dänemark, doch dort hat die neue Regierung Anfang Juli angekündigt, umgerechnet etwa 134 Millionen Euro in der Ausländerpolitik einsparen zu wollen. Unter anderem sollen Hilfen für Asylbewerber gekürzt werden.

Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner war Schweden im vergangenen Jahr das EU-Land, das im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Asylbewerber aufnahm. Dänemark lag mit 2,6 Bewerbern deutlich dahinter, aber noch knapp vor Deutschland mit 2,5. Die Zahlen wurden von Eurostat mitgeteilt, das sich auf Angaben von Justiz- und Innenministerien oder Einwanderungsagenturen in den EU-Ländern stützt.

Flensburg jedenfalls bleibt zunächst eine Durchgangsstation. Im Laufe des Tages kommen die Migranten, die in der Polizeistation registriert wurden, schließlich in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Neumünster.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Das THW-Magazin

Erfahren Sie mehr!
Einblicke hinter die
Kulissen des THW-Kiel

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Flüchtlinge
Foto: Doppelstockbett, Schrank, Tisch: Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe in einer Wohnbox für Flüchtlinge in der Betriebssporthalle des Stadtverkehrs. In Messebau-Technik sind hier 25 Kabinen mit einer Größe von 25 Quadratmetern für jeweils vier Personen entstanden.

Die Unterbringung von Flüchtlingen stellt Städte und Gemeinden in Schleswig-Holstein vor immer größere Herausforderungen. In Lübeck müssen jetzt bis zu hundert Hilfesuchende in der Sporthalle des Stadtverkehrs untergebracht werden. „Wir finden keine anderen Möglichkeiten mehr“, sagt Bürgermeister Bernd Saxe.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3