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Zusammen isst man weniger allein

„Schleswig-Holstein Gourmet Festival“ Zusammen isst man weniger allein

Wie sieht ein einsamer Feinschmecker aus? Wer den Blick am Sonntagmorgen durch die Eingangshalle des Kieler Kaufmanns schweifen lässt, könnte meinen: gepflegt, im besten Alter und tendenziell weiblich.

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Gemeinsam essen bei der „Tour de Gourmet Solitaire“: In den Hauptgängen treffen sich Kalb und Makrele.

Quelle: Oliver Stenzel

Kiel. Es ist ein illustres Grüppchen, dass sich dort zur „Tour de Gourmet Solitaire“ eingefunden hat, mit der das „Schleswig-Holstein Gourmet Festival“ seine 30. Saison ausklingen lässt.

 Anlass ist der steigende Anteil alleinreisender Festivalbesucher, die für die Tour zu einer Gruppe zusammengefasst werden. Beim Restaurant-Hopping sollen sie einen „Sonntag voller kulinarischer Highlights und neuer Bekanntschaften“ genießen. Das klingt einladend, aber auch ein wenig vage. Worauf dürfen die Gäste bei solch einer Tour alles Appetit haben?

 In jedem Fall auf ein bisschen Kennenlernen. Während der Chauffeur den Audi A8 von Kiel nach Friedrichstadt lenkt, präsentieren sich die Zahnärztin und der Kommunikationschef schlaglichtartig ihre Biografien: Gibt es Kinder und was machen sie? Beruf? Hobbys? Und wie ist überhaupt die Idee entstanden, mitzufahren? Dann hat der Konvoi auch schon die Holländische Stube erreicht. War die Fahrt nur eine Landpartie oder schon ein Dating-Spiel?

 Es gehe bei dieser Reise keinesfalls ums „Verkuppeln“, betont Susanne Plaß vom Festival zwischen Champagner und Lachstatar. Nicht jeder der 37 geshuttelten Gäste schaut bei diesen Worten so, als sei ihm das klar gewesen. „Ich war schon irritiert, als sie das vorhin gesagt hat“, wird die Hörgeräteakustikerin wenig später beim Hauptgang im Schleswiger Waldschlösschen betonen. „Wozu soll eine solche Veranstaltung denn sonst gut sein?“ Zum Beispiel, um als Single nicht am Katzentisch zu landen. Jede der Frauen weiß von dem seltsamen Gefühl zu berichten, wenn sie allein ins Restaurant, Theater oder Kino geht, obwohl es das Normalste von der Welt sein sollte. Rund 15,9 Millionen Menschen in Deutschland leben allein, davon seien 40 Prozent Singles, führt der Werbetext zur „Tour de Gourmet Solitaire“ aus. Und zusammen isst man bekanntlich weniger allein. In den Hauptgängen treffen sich Kalb und Makrele. Wer wird sich hier sonst noch finden?

 „Die Strenge, neben der Sie vorhin gesessen haben, die will ich unbedingt noch kennenlernen!“, stellt der Stromableser in Aussicht, als die Reise wieder in Richtung Kaufmann geht. Vielleicht gerade, weil er auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, will er seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. „Von mir aus hätten noch ein paar mehr knackige Vierzigjährige dabei sein können“, urteilt er unumwunden, und meldet sich gleich für die nächste Tour an.

 Bei der Dessertparty hat er keine Mühe, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Bei einer Art Sanddorn-Ziegenmilch-Magnum am Stiel schmilzt das Eis zwischen der Strengen und dem Strommann.

 Am Ende des Nachmittags wird er sich nichtsdestotrotz solo auf den Heimweg machen. Aber ein Solitär kann schließlich auch allein funkeln.

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