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Schleswig-Holstein bekommt neues Wolfsmanagement

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Schleswig-Holstein hat sein Wolfsmanagement gemeinsam mit Schafhaltern, Jägern und Naturschützern überarbeitet. Neben einer behördlichen Basis gehören mehr Wolfsbetreuer, neue Regeln bei der Entschädigung und Lösungen beim Umgang mit verletzten Wölfen zu den Kernpunkten.

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Bis heute gibt es keinen Nachweis für einen dauerhaft in Schleswig-Holstein lebenden Wolfs.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel/Flintbek. Groß und gefährlich sei dieses Tier, aber irgendwie auch faszinierend – eine mythische Figur, die Ängste hervorruft. „Und Ängste sind subjektive Wahrheiten“, stellte Robert Habeck fest. Am Freitag stellte Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister gemeinsam mit Vertretern von Schafhaltern, Jägern und Naturschutz ein neues Wolfsmanagement vor. Viermal hatte dazu in den vergangenen Monaten ein Runder Tisch getagt und sich im Wesentlichen auf diese Punkte geeinigt: Die Anzahl der ehrenamtlichen Wolfsbetreuer wird im Land von 40 auf 70 erhöht. Für Entschädigungszahlungen gelten neue Regeln. Um einen schwer verletzten Wolf notfalls zu töten, erhalten Polizei und Tierärzte Ausnahmegenehmigungen. Und für das Gesamtpaket stellt das Ministerium 100.000 Euro in den Haushalt ein.

Das Unbehagen der Schafzüchter bleibt allerdings vorerst bestehen. Kaum war die Pressekonferenz zu Ende, zog die Geschäftsführerin des Landesverbands der Schafs- und Ziegenzüchter, Janine Bruser, draußen im Treppenhaus des Umweltministeriums diesen Vergleich: „Es ist wie die Angst vor einem Brandstifter, wenn man abends nach Hause kommt und das Haus ist nicht mehr da“, sagte sie vor laufender Kamera. „Wir schreien noch immer nicht ’Hallo, Wolf!’“ In den kommenden Monaten müsse die Frage der Prävention beantwortet werden. Aber so bedrohlich wie in der Lausitz empfinde ihre Branche die Situation im Norden nicht. Und die Entschädigungsleistungen würden durch die Einigung eine gerechtfertigte Höhe erreichen.

Bisher hatte das EU-Wettbewerbsrecht die Zahlungen auf maximal 15.000 Euro innerhalb von drei Jahren pro Betrieb begrenzt. Das Kieler Umweltministerium will in Brüssel eine Aufhebung dieser Grenze beantragen. Der Wert eines gerissenen Schafes soll anhand der aktuellen Fleischpreise, aber auch von Zucht- und Rassewerten berechnet werden. Angelehnt an den Tierseuchenfonds soll es im Durchschnitt pro Lamm 160 Euro und pro Mutterschaf 215 Euro geben. Habeck wies darauf hin, dass Tierarztkosten nach einem Wolfsübergriff nur noch zu 80 Prozent durch das Land ersetzt werden können. „Aber alles in allem ist es aus Sicht der Beteiligten beim Runden Tisch dennoch die bessere Lösung.“

29 Tiere 2007 nachgewiesen

Erst im Juli hatte ein Jäger im Kreis Pinneberg einen Wolf gesichtet, der aus einem Maisfeld bei Bokholt-Hanredder auf Grünland lief. Somit wurden seit 2007 im ganzen Land 29 Tiere nachgewiesen. Zudem bestand in 108 Fällen zumindest der Verdacht, dass Wölfe Nutztiere gerissen hatten. In neun dieser Fälle war das eindeutig der Fall - und in weiteren 22 Fällen konnte man dies nicht sicher ausschließen. Künftig wird es auch dann Geld geben. Nach Ministeriumsangaben zahlte das Land in den vergangenen Jahren rund 36.000 Euro für Entschädigungen, wobei der größte Teil an zwei einzelne Schafhalter floss. Für die Prävention von Schäden durch Herdenschutzmaßnahmen lagen die Kosten bei 216.000 Euro. Nach Angaben der Fachleute wurden allerdings bisher nur buchstäblich einsame Wölfe gesichtet. Familienverbände gebe es hier keine. Wer die Entwicklung prognostizieren wolle, müsse in die Glaskugel blicken, sagte Habeck. „Die Natur ist anpassungsfähiger, als man glaubt.“ Er gehe nicht von einer Ansiedlung aus. „Aber ausschließen kann ich das auch nicht.“

Nach Angaben von Jens Matzen, Landeskoordinator der Wolfsbetreuer, verläuft die Bewegung aus dem Raum Sachsen und polnischer Grenze in Richtung Nordwesten, „sozusagen fast immer an der Elbe entlang“ und weniger Richtung Süden oder Westen. Der nächste Familienverband befinde sich in Lübtheen bei Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern, etwa 180 Kilometer von Kiel entfernt. „Es wandern die reiferen Jungtiere“, sagte er. „Für die ist das keine Entfernung.“ Ein Revier sei zwischen 150 und 250 Quadratkilometer groß. Am Nachmittag lobte der Grünen-Abgeordnete Bernd Voß seinen Umweltminister. „Das Ergebnis des Runden Tisches ist ein weiterer wichtiger Schritt, um mit einem Ausgleich der Interessen ein erfolgreiches Wolfsmanagement umzusetzen.“

Dagegen bezeichnete Hauke Göttsch (CDU) das Konzept als unausgegoren. „Muss der Halter Herdenschutzmaßnahmen ergreifen? Und wenn ja: Welche? Dazu schweigt der Minister und lässt die Tierhalter im Unklaren.“

Hier wurden in Schleswig-Holstein Wölfe gesehen

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Kommentar

Könnte es doch immer so gut funktionieren. Umweltminister Robert Habeck hat sich mit Vertretern von Behörden, Land- und Forstwirtschaft sowie Natur- und Tierschutzverbänden an einen Tisch gesetzt und ein Thema diskutiert, das hochemotional ist.

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