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Habeck im KN-Streitgespräch mit Bauern

Serie: Bauern in Not Habeck im KN-Streitgespräch mit Bauern

Schleswig-Holstein droht eine neue Welle des Höfesterbens. Zum Abschluss unserer Serie „Bauern in Not“ wirbt Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck für eine Wende in der Agrarpolitik. Der Grüne erntet dafür im KN-Streitgespräch mit Bauern nicht nur Beifall.

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Engagierte Gesprächsrunde: Hans Stephan Lütje, Minister Robert Habeck, Kirsten Wosnitza und Heiko Strüven, flankiert von den KN-Redakteuren Ulf B. Christen (li.) und Gerhard Müller.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Frau Wosnitza, Sie sind Milchbäuerin. Wie laufen die Geschäfte?

Wosnitza : Unser Betrieb ist natürlich von der Milchkrise betroffen. Unsere Meierei in Viöl zahlt 20 Cent je Liter. Um nachhaltig wirtschaften zu können, bräuchten wir jedoch 40 Cent. Meinem Mann und mir geht es aber noch besser als anderen Milchbauern. Wir haben keine Kinder, damit auch keine Sorge um die Hofnachfolger. Aber wir knabbern wegen der Krise momentan unsere Altersvorsoge an. Das beunruhigt uns natürlich.

Sie kommen viel im Land herum. Wie ist die Stimmung bei den Milchbauern?

Wosnitza : Schlecht. Einige Familien sind psychisch und physisch an der Leistungsgrenze. Um es salopp zu sagen: Die Frauen weinen und die Männer werden immer stiller. Man dreht jeden Euro zweimal um. Das gilt auch für mich. Wir haben auf unserem Hof sehr alte Kühe, die natürlich auch wegen des höheren Betreuungsaufwandes teurer sind. Jetzt entscheiden wir uns viel schneller, uns von diesen Kühen zu trennen.

Herr Strüven, Sie haben ebenfalls einen Milchviehbetrieb. Wie schätzen Sie die Lage in der Branche ein?

Strüven : Die Stimmung ist sehr depressiv. Einige Betriebe haben viel investiert. Sie haben die größten Probleme. Andere Milchbauern sagen, bis Weihnachten halte ich noch aus, aber der Melkstand ist alt, die Spalten müssen raus und eigentlich bräuchte ich einen neuen Stall. Diese Bauern fragen sich, ob sie überhaupt noch weitermachen wollen. Diese Fälle werden immer mehr.

Herr Lütje, Sie wissen als Schweinemäster, was Krise ist. Wie geht es Ihrem Betrieb?

Lütje : Ich habe wie alle Schweinemäster zwei schwere Jahre hinter mir, in denen ich nichts verdient habe. Der Schlachtpreis war auf bis zu 1,25 Euro je Kilo gefallen. Jetzt springt der Schweinemarkt auch dank der Grillsaison und der Fußball-EM langsam an. Zudem wächst die Nachfrage aus Asien. Wir bekommen jetzt mehr als 1,60 Euro je Kilo. Was mir Sorgen macht, ist der Nachwuchs. Ich habe einen Ausbildungsbetrieb und beobachte bei den jungen Leuten eine wachsende Resignation.

Herr Minister Habeck, können Sie die Sorgen und Nöte vieler Landwirte verstehen?

Habeck : Nicht nur verstehen. Sie sind für mich ein politischer Auftrag. Die Lage auf vielen Höfen ist existenzbedrohend. Verantwortlich dafür ist auch die bisherige Agrarpolitik, die nur eine Antwort kennt: produziere billiger und mehr, der Markt wird schon alles richten. Aber er richtet eben auch hin. Die Landwirte stehen am Ende der Kette. Sie haben faktisch keine Verhandlungsmacht. Die Preise werden ihnen diktiert. In diesem System leiden am Ende alle. Die Umwelt, die Tiere und die Bauern auch. Deshalb werbe ich für eine Wende in der Agrarpolitik.

Wie könnte so eine Wende aussehen?

Habeck : Bei der Milch halte ich eine Marktintervention der EU für notwendig. Die Milchmenge muss reduziert werden, damit die Preise steigen. Geschieht das nicht, wird sich der Strukturwandel in der Landwirtschaft dramatisch beschleunigen, und zum Schluss bleiben wenige Betriebe übrig, die industriell Milch, Fleisch oder Getreide erzeugen. Zu einer Wende gehört auch, dass sich die Landwirtschaft breiter aufstellt. Das kann auch Teil einer Risikoabsicherung für die Betriebe sein. Früher gab es auf einem Bauernhof Rinder, Schweine und Geflügel. Heute kann kein Milchbetrieb nebenbei Schweine mästen und ein Mastbetrieb noch nicht mal mehr seine Ferkel aufziehen. Das ist die verkehrte Richtung.

Viele Bauern sehen das anders.

Habeck : Ich weiß. Die Landwirte sind darauf getrimmt, einen Markt zu bedienen, der sich immer mehr an anderen Industrien orientiert. Aber neben der Frage der Abhängigkeit sollten wir nicht vergessen, dass wir es in der Landwirtschaft mit Tieren und damit Lebewesen zu tun haben. Für sie darf nicht dieselbe Marktlogik gelten wie etwa für Autos.

Lütje : Unsere Agrarpolitik wird in Brüssel gemacht. Wir können nicht regional gegen den Strom schwimmen. Es gibt vielleicht zehn bis 15 Prozent der Verbraucher, die Rücksicht auf regionale Produkte nehmen. Eine solche Nischenproduktion ist für den einen oder anderen Bauern eine Alternative. Für die Masse ist das aber keine Lösung. Und es ist ja nicht so, dass wir alles falsch gemacht haben. Die Betriebe, die sich seit Jahren am Markt orientieren, behaupten sich.

Wosnitza : Widerspruch! Wir haben in der Agrarpolitik eine Menge falsch gemacht und es ist höchste Zeit, es besser zu machen. Wir haben in der Milchviehhaltung einen Strukturwandel von zwei, drei Prozent im Jahr gehabt. Die Zahl der Hofaufgaben wird jetzt aber massiv steigen. Es gibt Prognosen, dass in diesem Jahr zehn bis 20 Prozent der 4000 Milcherzeuger in Schleswig-Holstein aufgeben. Das ist ein totales Desaster.

Ihre Lösung, Frau Wosnitza?

Wosnitza : Ich bin dafür, dass Brüssel eingreift. Es gilt, so schwere Krisen wie jetzt bei der Milch zu verhindern. Eine Rückkehr zur Milchquote wird politisch nicht durchsetzbar sein. Es muss aber ein Präventionssystem geben.

Lütje : Wie soll das dann gehen? Wir können doch keine Verhältnisse wie in der DDR einführen, wo alles gesteuert wurde.

Wosnitza : Planwirtschaft wäre es, wenn wir alle in Supermärkten zehn Cent mehr für einen Liter Milch zahlen müssten. Ich setze auf den Markt, aber auf einen, auf dem es einen funktionierenden Wettbewerb gibt. Derzeit haben wir Bauern keine Möglichkeit, auf die Preise Einfluss zu nehmen.

Strüven : Wenn die Milch im Tankwagen ist, dann ist sie weg. Und unser Einfluss ist dann auch weg.

Habeck : Natürlich wäre es klug, wenn sich alle Meiereien auf einen auskömmlichen Mindestpreis für Milch verständigen würden. In der realen Welt konkurrieren sie aber und unterbieten sich. Und den Verbrauchern allein die Verantwortung zuzuschieben, nach dem Motto „dann zahle doch mehr“ funktioniert genau deshalb auch nicht. Wir sind alle keine Engel, die nur noch faire Milch und faires Schwein kaufen. Als Verbraucher sind wir verführbar, vielleicht geizig, greifen eben doch zum billigsten Angebot. Aber als Bürger können wir besser sein und anderes wollen. Das ist der Grund, warum die Politik eingreifen muss.

Wie wollen Sie eine Agrarwende finanzieren?

Habeck : Die Hälfte der Betriebseinkommen sind Subventionen fürs Vorhalten der Fläche, was mittelbar vor allem den Bodenbesitzern dient. Dieses Geld müssen wir zielgerichteter ausgeben, etwa für Angebote, um aus der engen Produktionsspur herauszukommen. Bisher ist der Bauer der Dumme, der seine Kühe auf die Weide stellt, und der der Kluge, der mit Kraftfutter im Stall mehr Milch produzieren kann. Ohne Gegensteuern wird sich die Zahl der noch gut 13000 Betriebe in Schleswig-Holstein dramatisch reduzieren.

Lütje : Das Allerwichtigste ist, dass am Ende der Preis stimmt, dass sich eine Investition für einen Landwirt rechnet. Der Strukturwandel lässt sich nicht aufhalten. Und mit Verlaub, Herr Minister: Bei aller berechtigten Kritik an der Agrarpolitik dürfen wir nicht in Wohlstandsgelaber verfallen. Ich kann etwa niemanden ernst nehmen, der mit einem Porsche Cayenne mit Hybrid-Antrieb zum Bio-Wochenmarkt fährt.

Habeck : Wertedebatten setzen oft einen gewissen Wohlstand voraus. Das spricht nicht gegen die Werte und nicht gegen die Debatte. Porschefahrer kaufen übrigens nicht nur auf dem Bio-Markt, sondern auch bei Aldi und Lidl. Eine reiche Gesellschaft wie unsere muss nicht akzeptieren, dass Lebensmittel verramscht werden, dass Bauern, Tiere und Umwelt darunter leiden. Ich rede nicht davon, dass alles dreimal so teuer wird. Es geht um Centbeträge und etwa darum, dass Supermärkte aufhören, mit Hilfe von Dumpingangeboten für Fleisch ihre Windeln loszuwerden. Das gehört sich nicht. Das ist unethisch.

Mit Bitte um eine kurze Antwort. Wie kann der Verbraucher unseren Bauern helfen?

Habeck : Er sollte regionale, saisonale Produkte kaufen.

Wosnitza : Ich wünsche mir, dass der Verbraucher nicht nur konsumiert, sondern auch politisch aktiv wird.

Lütje : Wir müssen den Menschen bewusster machen, wie ihre Lebensmittel entstehen. Und: Ob Grün, Schwarz oder Rot, wir sollten bei allen Differenzen die Probleme in der Landwirtschaft gemeinsam angehen. Die Lebensmittel haben einen höheren Wert als wir im Moment auspreisen.

 Das Gespräch moderierten Ulf B. Christen und Gerhard Müller

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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