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Pastor Jazz und eine Kirche mit Kultur

Serie zur Nordkirche Pastor Jazz und eine Kirche mit Kultur

Ein Geistlicher an einem „Kultort“ kann gar nicht anders: Er macht sich selbst mit Kultur vertraut. Ein Besuch bei St. Johannis in Hamburg-Altona.

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Michael Schirmer im Kirchgarten von St. Johannis in Altona: Der Pastor macht – in wechselnden Formationen – selbst Musik. „Mich ärgert es, wenn sie nur als Geklingel oder Deko für den Gottesdienst betrachtet wird“, sagt der 52-Jährige.

Quelle: Michael Kaniecki

Hamburg. An der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße in Hamburg herrscht dichter Feierabendverkehr. Über die Sternbrücke donnern die Züge. Direkt darunter, in einem baufälligen Schuppen, ist die Szene-Kneipe „Astra-Stuben“. Die sei „Kult“, sagt Pastor Michael Schirmer (52) und verwahrt sich lächelnd gegen die Bezeichnung „Kaschemme“. Dort sitzen die Leute dicht gedrängt, es wird Musik gemacht – alles, was angesagt ist. Der Geistliche, gekleidet in schwarze Jeans, T-Shirt und dunkles Jackett, ist selbst Jazzer. Er liebt sein neues Umfeld. Vor einem Jahr wechselte Schirmer aus Norderstedt zur Kulturkirche St. Johannis. Hier – im Herzen von Altona – leben wie früher auch noch die „einfachen Leute“, zunehmend aber Künstler, gut betuchte Ärzte und Anwälte. Die Häuser werden saniert, Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt.

 „Ich will keine Kirche nur für die Intellektuellen, nichts Elitäres“, betont Schirmer, der nebenan mit seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Söhnen in einer Art Familien-WG wohnt. „Der Zugang zu Gottesdienst und Kultur muss für alle gewahrt sein.“ Natürlich gilt seine Liebe vor allem der Musik. „Mich ärgert es, wenn sie nur als Geklingel oder Deko für den Gottesdienst betrachtet wird.“ Er halte es mit dem Religionsphilosophen Paul Tillich, der gesagt habe: „Religion ist die Substanz der Kultur, Kultur Ausdrucksform der Religion.“ Der Pastor fügt hinzu: „Ich glaube, dass Musik eine Form des Gottesdienstes ist.“ Was er damit meint, will er im November in seiner Kirche zeigen. Um die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach herum wird er einen Gottesdienst gestalten. „Bach hat in seiner Messe das Kreuz, das Seufzen und die Erlösung in Musik verwandelt“, sagt Schirmer. „Wir möchten den Menschen die Ohren dafür öffnen.“

 Man mag einwenden, seine These treffe vielleicht auf Kirchenmusik zu. Doch wie können Stücke von den Rolling Stones und Bruce Springsteen oder Techno und Heavy Metal Gottesdienst sein? „Nicht jede Musik hat eine religiöse Substanz“, räumt der Theologe ein. „Aber jede Musik, die Angst, Protest, Extase beschreibt, stellt Kontakt zum Religiösen her. In den Psalmen wird geschrien, Jesus hat am Kreuz geschrien.“

 Die Idee für die Kulturkirche wurde aus blanker Not, dem Kostendruck, geboren. „In den 90er-Jahren haben auch wir über eine Kirchenschließung diskutieren müssen“, erzählt die Kirchenälteste Ilse Rüttgerodt-Riechmann (74), Denkmalschützerin und in der Gründungsphase Vorsitzende des Kirchenvorstandes. „Die Frage war, ob man die Kirche verkaufen, verpachten, vermieten oder gar in Würde verfallen lassen sollte.“ Damals habe es oft den Einwand gegeben, man müsse „Geld für Menschen, nicht für Steine“ ausgeben. „Für mich war das ein Totschlagargument“, sagt Rüttgerodt-Riechmann. Die Gemeinde entschied sich für Erhalt und Sanierung. Heute zeigt sich das neogotische Bauwerk von seiner freundlichen Seite. Dank der modernen Fenster, gestaltet von der aus Südkorea stammenden Künstlerin Eun Nim Ro, ist das Innere lichtdurchflutet. Hier, das sieht man, ist die Kultur zu Hause. „Wir wollten die Kirche mit Lebenslust füllen“, erklärt die Denkmalschützerin.

 Inzwischen ist St. Johannis Teil der Gemeinde Altona-Ost, die 2007 durch Fusion dreier Gemeinden ins Leben gerufen wurde und rund 7500 Mitglieder zählt. Das Konzept „Kulturkirche“ hat mehrere Elemente. Erstens: Seit Ende der 90er-Jahre „vermarktet“ eine GmbH das Gotteshaus, vermietet es für private Feiern (Nena lud hierher zu ihrem 50. Geburtstag ein), bietet es auch kommerziellen Veranstaltern (zum Beispiel für Produktpräsentationen) und natürlich Kulturschaffenden sowie kulturellen Einrichtungen an. „Zur Hälfte gehen die Einnahmen an ein Obdachlosenprojekt, zur anderen Hälfte wird das Geld für die Unterhaltung der Kirche verwendet“, erläutert Manager Stefan Kröhnert (50). Zweitens: Die GmbH führt auch eigene Veranstaltungen durch. Das Spektrum reicht von Lesungen und Theater über klassische Musik bis zu Jazz, Rock und Pop. Drittens: Die Kirche selbst macht in Kultur. Dazu gehört etwa der von Schirmer geplante Bach-Gottesdienst, mit dem Musik interpretiert wird.

 Doch nicht jede Rechnung, die die Kulturkirchen-Anhänger gemacht hatten, ging auch auf. Einigen Besuchern gab es in den Anfängen des Projekts wohl einen Kick, bei Partys und Tanzveranstaltungen gegen die ungeschriebenen Regeln zu verstoßen: Biergläser standen auf dem Altar, Rauschwaden zogen durch die Kirche, lärmende Gäste brachten Nachbarn um den Schlaf. Solche Feiern sind inzwischen tabu. Mit Schrecken denken einige auch an den Eklat um die – dann abgesagte – Dessous-Schau zurück. Während etliche in der Hamburger Kirche die von einer großen Firma geplante Veranstaltung als „gotteslästerlich“ empfanden, nahmen viele Gemeindemitglieder eher Anstoß an dem Frauenbild, das dort transportiert werden sollte. „Halbnackte Frauen auf der Kühlerhaube eines teuren Fahrzeugs, Frauen, die leicht bekleidet bei der Küchenarbeit zu sehen sind und sehnsüchtig auf die Heimkehr des Mannes warten – das war einfach dumm“, sagt Rüttgerodt-Riechmann.

 Der diskussionsfreudige Pastor hingegen bedauert, dass er damals – 2001 – noch nicht in St. Johannis war. „Ich hätte den Fall gern zum Anlass genommen, um das Verhältnis von Kirche zu Erotik zu erörtern. Denn anders als viele behaupten, knistert es in der Bibel gewaltig, zum Beispiel im Buch Ruth oder im Hohelied Salomos.“ Doch das ist wieder ein anderes Thema.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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