7 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Das politisch brisante Ehepaar Hansen

Sie SPD, er AfD Das politisch brisante Ehepaar Hansen

Die AfD inhaltlich stellen – so lautet das Rezept, mit dem die etablierten Parteien der neuen Konkurrenz von rechts begegnen wollen. SPD-Ortsvorsitzende Kerstin Hansen geht diesen Weg schon lange. Sie ist mit dem örtlichen AfD-Kreisvorsitzenden, Frank Hansen, verheiratet.

Voriger Artikel
Mann macht Feuer und verletzt sich
Nächster Artikel
Sechs Kandidaten für das Amt in Lübeck

Ein ungewöhnliches Ehepaar aus Langballig: Kerstin Hansen ist Ortsvorsitzende der SPD, Frank Hansen ist Kreisvorsitzender der AfD. Hund "Cuba" gibt sich überparteilich.

Quelle: Uwe Paesler

Langballig. Ruhig und idyllisch ist es in Langballig, einer 1400-Einwohner-Gemeinde im Kreis Schleswig-Flensburg. Hier wohnen Kerstin und Frank Hansen. Vor ihrem Haus fällt als erstes die in roter Farbe gesprühte Schrift „Rotsport“ an der Hauswand auf – einer der Anschläge auf das Haus des ungewöhnlichen Politiker-Paares. Ungewöhnlich, weil sie Ortsvorsitzende der SPD in Langballig ist und er Kreisvorsitzender der AfD in Flensburg.

Seit Beginn des schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampfs gab es fünf Anschläge auf das Haus und die Autos der Familie. „Ein Auto hat es komplett zerlegt“, erzählt Kerstin Hansen, „Totalschaden“. Das Auto war demoliert, das Haus mehrmals beschmiert und besprüht worden. Die Polizeidirektion Flensburg bestätigt, dass es auf einer einschlägigen Homepage der linken Szene ein eindeutiges Bekennerschreiben für die Anschläge gab. Zu einem Täter haben die Ermittlungen nicht geführt.

"Eine Ehe ist ja keine politische Arena"

Seit elf Jahren sind die Tierärztin und der Marineoffizier verheiratet, haben drei Kinder, einen Hund und ein 2000 Quadratmeter großes Grundstück in Hanglage. Diskutiert wird viel im Hause Hansen. Dass politische Debatten bei Frühstück, Mittag- und Abendessen nicht Überhand nehmen, liegt an der pragmatischen Trennung, die die beiden zwischen Politik und Privatleben vornehmen. „So eine Ehe ist ja keine politische Arena“, sagt Frank Hansen. „Eine Ehe beruht auf ganz anderen Dingen. Man hat Kinder, man hat ein Vertrauen, man hat etwas miteinander durchgemacht – man ist eine Versorgungsgemeinschaft im Endeffekt.“

Sie will das bedingungslose Einkommen

Kerstin Hansen (45) ist 1995 in die SPD eingetreten, weil, wie sie sagt, soziale Gerechtigkeit schon immer ihr Thema gewesen sei. Das bedingungslose Einkommen liegt ihr besonders am Herzen. „Jeder Mensch, egal was er tut oder was er nicht tut, sollte ein auskömmliches Einkommen haben.“ Das ist eines der Themen, bei denen Frau und Herr Hansen auch nach der tausendsten Diskussion nicht zueinanderkommen. „Da gehen unsere Meinungen sehr weit auseinander“, sagt sie.

Er ist ein "Gegner dieser Sozialklempnerei"

Was war ihre Reaktion, als ihr Mann vor drei Jahren in die AfD eintrat? „Da er von der politischen Richtung her schon immer konservativ war, war das eigentlich gar keine Frage“, antwortet Kerstin Hansen. Ihr Mann hakt ein: „Konservativ war ich vielleicht in meiner Jugend, das ist mir jetzt zu langweilig.“ Er selbst bezeichnet sich als „liberal-libertär“ und erklärt: „Weil ich ja nun lang genug im Staatsdienst bin, muss ich feststellen, dass der Staat oftmals nicht die Lösung des Problems, sondern der Grund des Problems ist“, antwortet Hansen. Der Staat solle sich reduzieren auf die Sicherheit der Bürger, auf eine gewisse Infrastruktur und Grundversorgung. Er sei ein „Gegner dieser Sozialklempnerei“.

Erst "Junge Union", dann "Bund freier Bürger", jetzt "AfD"

In seiner frühen Jugend war Frank Hansen (47) Mitglied der Jungen Union, trat Ende der 1980er Jahre aber aus, „weil die CDU keine Wiedervereinigungspolitik betrieben hat“. Während seines Studiums (Staats-und Sozialwissenschaften) war er Mitglied beim Bund freier Bürger. „Das war damals die Partei, die sich gegen die Einführung des Euro gewehrt hat. Also im Prinzip war ich schon vor der AfD auf gewisse Problemlagen sensibilisiert.“

Den Erfolg der AfD findet auch Kerstin Hansen „folgerichtig“. „Ich komme ja aus Bayern, da gibt es eine starke CSU. Ich denke, dass in Restdeutschland ein konservatives Gegengewicht zu den Linksparteien gefehlt hat.“ Die AfD sei „eine demokratische Partei wie jede andere auch“. Das sehen die meisten Genossen anders. Und das bekommt Kerstin Hansen oft zu spüren. „Aus Parteikreisen wurde mir nahegelegt, mich scheiden zu lassen“, erzählt sie. Hat sie das enttäuscht? „Ich fand es eher erschreckend.“

Das Ehepaar Hansen vereint in sich, was auf politischem Parkett unvereinbar scheint. Wie geht Kerstin Hansen damit um, dass ihre Partei und viele andere nach einem „Rezept“ gegen die Partei ihres Mannes suchen? „Ich finde es ehrlich gesagt eigenartig“, antwortet sie seufzend. „Die Partei ist nicht verboten, ich verstehe nicht, warum der Umgang nicht möglich sein soll.“ Frank Hansen: „Darf ich auch ein bisschen beleidigt sein? Ich bin Bürger dieses Landes und werde, weil ich mich politisch betätige, behandelt wie ein Aussätziger.“ Seine Frau nickt zustimmend.

Alexander Gauland? „Ein sehr erfahrener politischer Geist“

Wie gehen die beiden mit nationalen Tönen von AfD-Spitzen wie dem Thüringer Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke um? Kerstin Hansen: „Wenn ich dem zuhöre, wird mir, gelinde gesagt, übel.“ Und Frank Hansen? „Jetzt muss ich mir eine diplomatische Antwort ausdenken“, beginnt er und schmunzelt. „Ich stehe dafür, dass die AfD ein Erfolgsprojekt wird, und alles, was diesem Erfolg schadet, dagegen wende ich mich natürlich.“ Hie und da sei der Ton vielleicht der falsche, nicht aber der Inhalt. Alexander Gauland? „Ein sehr erfahrener politischer Geist“, so Frank Hansen.

Die "Parteienstaatskritik" teilen beide

Kommt es vor, dass sie ihren Mann auf Aussagen seiner Parteifreunde anspricht? „Also ich frage ihn schon: Deckt sich das, was der gerade sagt, eigentlich mit dem Parteiprogramm? Oder ist das die Privatmeinung von Irgendjemanden? Gar keine Frage, da reden wir drüber.“ Und die „Parteienstaatskritik“ ihres Mannes kann auch sie verstehen: Auch in ihrer Partei gebe es zu viel Bevormundung. Sie finde es „schrecklich“, wenn Ideen verurteilt werden, nur weil sie von einer anderen Partei kommen. „Das geht nicht. Wenn jemand eine gute Idee hat, dann kann das kommen, vom wem es will, dann ist die gut.“ Und sie findet auch: Muslime und Deutschland, das sei „wenig kompatibel“.

Im Hause Hansen scheint die Koalition aus SPD und AfD zu funktionieren. Aber im Hause Hansen gelten auch die Regeln einer Ehe, nicht die der Politik.

Die AfD inhaltlich stellen – so lautet das Rezept, mit dem die etablierten Parteien der neuen Konkurrenz von rechts begegnen wollen. Eine SPD-Ortsvorsitzende aus dem hohen Norden geht diesen Weg schon lange. Sie muss sich jeden Tag mit dem örtlichen AfD-Kreisvorsitzenden auseinandersetzen – denn sie ist mit ihm verheiratet. Ein Hausbesuch.

Zur Bildergalerie
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Alev Doğan
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3