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Der unterschätzte Küstenvogel

Möwen-Forschung Der unterschätzte Küstenvogel

Sie rupfen Passanten das Fischbrötchen aus der Hand, reißen gelbe Säcke auf, besetzen Flachdächer mit ihrer Brut und machen auch noch tierisch viel Dreck: Möwen haben in Küstenstädten derzeit nicht den besten Ruf. Zu Unrecht, sagt Dr. Sönke Martens.

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Möwenforscher Sönke Martens in seinem Element: Die Beringung der jungen Heringsmöwe ermöglicht ein späteres Wiedererkennen. Schon in seiner Jugend fing der Itzehoer an, sich für die Vögel zu interessieren.

Quelle: privat

Kiel/Itzehoe. Der 52-jährige Internist und Medizin-Controller am Klinikum Itzehoe erforscht seit Jahrzehnten das Verhalten der schlauen Küstenvögel. Seine Mission: „Ich will zeigen, wie spannend und exotisch Möwen sind.“ Als Leiter der Möwenforschungsgruppe Schleswig-Holstein zieht Sönke Martens in seiner Freizeit nicht nur in die Natur, um Möwen zu beringen, sondern er sammelt und verwaltet auch ehrenamtlich die Daten von Tausenden von Möwen an Nord- und Ostsee. „Auf dem ersten Foto, auf dem ich einen beringten Vogel in der Hand halte, bin ich ein Jahr alt“, erzählt Martens, nicht ohne Stolz. Die Leidenschaft für Vögel, für ihr Verhalten und ihren Zug ist dem Itzehoer in die Wiege gelegt worden. Schon seine Eltern waren als Beringer aktiv, er selbst hat mit 17 Jahren angefangen. Durch das Beringen kann das Verhalten von einzelnen Vögeln über einen langen Zeitraum verfolgt werden.

 Ob Vogelzug, Lebensdauer oder Ernährung – der „tierische Personalausweis“ mit individueller Kennung und Kontaktadresse verrät Ornithologen eine Menge über seinen gefiederten Träger, aber auch über Veränderungen von Natur und Umwelt. So hat Martens beispielsweise herausgefunden, dass viele Möwen gar nicht in Kiel bleiben, sondern die Stadt als eine Art Umschlagplatz auf dem Weg Richtung Norden nutzen. „Wir sehen an der Farbberingung, welche Möwen das sind.“ Eine Silbermöwe, die Martens auf dem Dach des Möbelhauses Ikea in Kiel beringt hat, ist in Holland gefunden worden. Eine Heringsmöwe zog es sogar von Kiel aus bis in die Westsahara.

 Acht bis neun Möwenarten leben in Schleswig-Holstein, darunter Silbermöwe, Lachmöwe, Schwarzkopfmöwe, Heringsmöwe, Sturmmöwe und Mantelmöwe. „Möwe ist nicht gleich Möwe“, betont der Experte, der jeden Vogel als Individuum sieht. So seien die Lachmöwen völlig „unproblematisch und lieb“, während die Silbermöwen oft „strategisch bis rabiat“ agierten. Allen gemeinsam ist laut Martens ein hoch entwickeltes Sozialverhalten sowie ihre intelligente, neugierige und anpassungsfähige Art.

 So haben sie auch die Dächer als Brutplätze für sich entdeckt. Durch veränderte Umweltbedingungen gibt es immer weniger Nahrungsangebote und Möweninseln, gleichzeitig aber immer mehr Beutefänger wie Füchse, Wanderratten und Marderhunde. „Deshalb sind die Dachkolonien so wichtig“, betont Martens. „Sie wirken aus Sicht der Möwen wie eine Hallig.“ Dass es sich bei den „Halligen“ um Baumärkte, Möbelhäuser und Schulen handelt, ist den Möwen egal - den Hausherren meistens weniger. Sie müssen mit Geschrei, Attacken und Dreck auf ihren Dächern leben.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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