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16 Einsprüche und wenig Begeisterung

Start Pflicht-Wehr 16 Einsprüche und wenig Begeisterung

Im nordfriesischen Friedrichstadt sind erstmals die Mitglieder der neuen „Pflicht“-Feuerwehr zusammengekommen. Neben 21 Altgedienten hätten auch 32 Neulinge ihre Verpflichtung bekommen, sagte Wolfgang Clasen vom Kreisfeuerwehrverband. Viele von ihnen zeigten für ihr neues „Ehrenamt“ zunächst nur mäßige Begeisterung.

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32 Neulinge haben ihre Verpflichtung bekommen.

Quelle: dpa

Friedrichstadt . Es ist Montagabend, die Sonne lacht vom Himmel, und die Gesichter von 21 Feuerwehrleuten im nordfriesischen Friedrichstadt strahlen ebenfalls: Sie sind dabei. Bislang löschten sie in der Freiwilligen Feuerwehr die Brände ihrer Heimatstadt. Die Freiwillige Feuerwehr gibt es in dem Holländerstädtchen jedoch nicht mehr. Weil sich immer weniger Ehrenamtler für diese Aufgabe begeisterten, musste sie aufgelöst und durch eine „Pflicht“-Feuerwehr ersetzt werden. So treffen sich nicht nur die „Altgedienten“ am Feuerwehrgerätehaus, sondern erstmals auch die „Neulinge“: 32 Männer und Frauen — zumeist eher wenig begeistert, als ein Bote ihnen in den vergangenen Tagen Post brachte: Nach Paragraph 19 der Gemeindeordnung ist jeder Schleswig-Holsteiner verpflichtet, Ehrenämter und ehrenamtliche Tätigkeiten für die Gemeinde zu übernehmen und auszuüben.

„Die große Frage, die sich jeder stellt: Warum gerade ich“, meint Friedrichstadts Bürgermeister Eggert Vogt. Dem kann Arne Stier nur zustimmen: „Wenn ich in die Feuerwehr gewollt hätte, wäre ich vorher schon eingetreten“, schimpft der 30-Jährige. „Aber ich kann das nicht“, erklärt er. „Unfälle und Blut sind einfach nicht mein Ding.“

Für Kreiswehrführer Christian Albertsen kommen solche Ängste nicht unerwartet. „Viele sagen, Kopf ab und viel Blut kann ich nicht.“ Denen erkläre er immer: „Feuerwehrleute sind keine Supermänner. Das sind Menschen wie du und ich, die einfach nur bereit sind, die Hand auszustrecken und anderen Leuten zu helfen.“ Es werde niemand gezwungen, bei einem Unfall ganz vorne in erster Reihe zu stehen. „Wenn ich von weitem sehe, es ist ein schwerer Verkehrsunfall, dann schnapp ich mir ‘ne Kelle und sperre die Straße.“

Bei Bränden gebe es Feuerwehrleute, die keine Atemschutzträger sind. Andere können den Verwesungsgeruch von Leichen nicht ertragen. „Doch im hinteren Bereich gibt es auch genug zu tun, wir haben für alle genug Arbeit in der Feuerwehr“, sagt Albertsen.

Eine 40 Jahre alte Frau freut sich schon auf die neue Aufgabe. Sie war früher im THW aktiv, nach ihrem Umzug nach Friedrichstadt sei die Verpflichtung einem freiwilligen Eintritt zuvor gekommen, erklärt die Zolldeklarantin: „Ich denke, es ist wichtig, dass man für seine Stadt auch etwas tut.“

Doch nicht alle zeigen für ihr unfreiwilliges „Ehrenamt“ solche Begeisterung. Bis Montagabend waren nach Angaben von Bürgermeister Eggert Vogt insgesamt 16 Einsprüche gegen die Verpflichtung bei den Ämtern eingegangen. Einer von denen, die nicht wollen, ist Vladimir Hermann. Sein Arbeitsumfeld liege in einem 300-Kilometer-Umkreis um Heide mit 24 Stunden Notdienst. „Feuerwehr geht da nicht“, sagt er. Auch Alexander Bruch (30) ist nicht begeistert von der Verpflichtung. Er sei Alleinverdiener in der Familie, könne für einen Einsatz nicht einfach seine Arbeit liegen lassen, sagt er.

Die sogenannte Pflichtfeuerwehr wurde nötig, da Austritte von Feuerwehrleuten und Umzüge dazu geführt hatten, dass nicht mehr genügend Menschen in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv waren. In Friedrichstadt müssen nach den Vorschriften des Landes-Brandschutzgesetzes mindestens 50 Feuerwehrleute Dienst tun. Zuletzt hatte die Wehr den Angaben zufolge aber nur noch einen Personalbestand von 23 Feuerwehrleuten.

Bevor die „Neuen“ jedoch mit Blaulicht und Martinshorn zu ihrem ersten Einsatz ausrücken dürfen, müssen sie noch viel lernen. Während der so genannten Grundausbildung werden sie sich bis zu dreimal pro Woche treffen, erklärt Wolfgang Clasen vom Kreisfeuerwehrverband. „Um zu lernen, was ist ein Schlauch, wie lang ist er, was kuppel ich vorne dran, und — ganz wichtig — wo liegt das alles im Auto.“ Er schätzt, dass Friedrichstadt in etwa acht Wochen wieder eine einsatzfähige Feuerwehrtruppe hat.

„Es wird dann was Neues sein, nicht so wie vorher“, sagt Ronny Köth. Der Hauptfeuerwehrmann ist seit 1988 dabei und daher einer der „alten Hasen“. „Ein interessanter Mix, der ein guter Mix werden kann“, gibt er sich beim Blick über die Köpfe seiner neuen Kameraden optimistisch.

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