16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Wenn nur noch ein Foto übrig bleibt

Projekt „Sternenkinder“ Wenn nur noch ein Foto übrig bleibt

Jedes Jahr sterben 3000 Babys deutschlandweit vor der Geburt. Nochmal so viele kurz nach der Geburt. Oft bleibt den Eltern nichts, was sie an das Kind erinnert. Das Projekt „Sternenkinder“ besteht aus ehrenamtlichen Fotografen, die dies ändern wollen. Sie machen Fotos von den toten Kindern.

Voriger Artikel
A7 bei Kaltenkirchen wieder freigegeben
Nächster Artikel
Glätte und Sperrungen verursachen Verkehrsstörungen

Abschiednehmen: Nur ein Zwilling lebt. Die Hände können die Geschwister noch nicht voneinander lassen. Beim Projekt „Sternenkinder“ halten Fotografen schwere Momente fest.

Quelle: Sternenkinder

Schwentinental/Altenholz. Manchmal währt das Glück nur ganz kurz. Als Anna und Björn Berger (Namen geändert) die Bestätigung bekommen, dass sie im November ein Kind erwarten, ist ihre Freude grenzenlos. Endlich! Der langersehnte Nachwuchs kündigt sich an. Doch dann kommt alles ganz anders. Am 18. September kann die Frauenärztin beim Routinetermin keine Herztöne mehr hören. Kurz danach ist klar: Das Kind ist im Mutterleib gestorben. Drei Tage später bringt Anna Berger unter großen Schmerzen das tote Baby auf die Welt. Ein Trauma, das sie nie vergessen wird. Durch Zufall hören die Eltern von dem Projekt „Sternenkinder“ und holen sich die Altenholzer Fotografin Silke Hartmann an das Krankenbett. Sie brauchen einen Beweis, dass ihr Kind, das sie Gemma-Marie nennen, existierte.

Bilder für die Erinnerung

400 „Sternenkinder“-Fotografen helfen deutschlandweit, wenn Eltern vor oder kurz nach der Geburt ihr Kind verlieren. Mit ihren Bildern sorgen sie dafür, dass die Erinnerungen an das verlorene Kind ein Teil von ihnen bleiben. Zwei Stunden ist Silke Hartmann bei der kleinen Familie im Krankenzimmer. „Das Mädchen war wunderschön“, sagt die 37-jährige Rettungsassistentin, die wegen ihrer Söhne Paul (6) und Erik (2) mit der Kinderfotografie begann. Behutsam nähern sich alle an. Es wird geweint, geredet, auch nur ganz still das kleine, zarte Kind betrachtet. Rund 50 Fotos macht Silke Hartmann. Mal sind es nur die Füße der Kleinen, mal nur große und kleine Hände, die sich berühren, mal ist es die ganze Familie. Bei vielen Fotos erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass es sich um ein totes Kind handelt.

Auch Silke Hartmann stieß nur durch einen Zufall auf die „Sternenkinder“. „Ich habe lange überlegt, ob ich mich bewerben soll, ob meine Fotos gut genug sind“, sagt sie. Als sie schließlich Bilder einschickt, bekommt Silke Hartmann wenig später die Zusage. Ähnlich ging es Tanja von Rohden (43) aus Schwentinental. Die Mutter eines 16-jährigen Sohnes arbeitet in einer Bank, vor drei Jahren meldete sie ein Nebengewerbe für ein Fotostudio an. Ihr Spezialgebiet: Fotos von Neugeborenen. Als die Initiatoren ihre Homepage sehen, sagen sie sofort zu.

Paare in Extremsituationen

„Mein erster ,Einsatz’ war bei meinem Großneffen Noah, der im fünften Monat still geboren wurde“, berichtet Tanja von Rohden. „Die Eltern haben andere Dinge im Kopf, als Fotos zu machen. Sie durchleben gerade jede Gefühlsregung, die man sich nur vorstellen kann.“ Als sie den Anruf bekommt, dass Noah da ist, steigt sie zitternd ins Auto. „Aber während der Fahrt legte es sich. Und dort angekommen, wusste ich: Es ist genau richtig, dass ich hier bin. Dass ich den Eltern diese Bilder schenken darf.“ Im Nachhinein wundert sie sich selber über ihre Ruhe. „Wenn in solchen Momenten die Kamera versagt, wäre das katastrophal. Du hast nur diese eine Chance.“

Wie geht man als Eltern damit um, wenn plötzlich das tote Kind im Arm liegt? Wenn der Körper mit allen Sinnen auf den Nachwuchs eingestellt ist, aber kein Nachwuchs da ist? Wenn die Gefühle und Hormone Achterbahn fahren? Wie schafft man es, all seine Hoffnungen und Träume plötzlich zu begraben? Was passiert im Kopf, wenn man Wochen zuvor noch per Ultraschall dem Herzschlag des Babys gelauscht hat und nun nichts mehr hört? Wenn man zugucken konnte, wie es im Bauch am Daumen nuckelte und sich jetzt nichts mehr bewegt? Die beiden Fotografinnen erleben die Paare in einer Extremsituation. Und sie hoffen, ein wenig helfen zu können, den Betroffenen beizustehen. Das ist ihr Antrieb. Ihr Lohn ist große Dankbarkeit.

Die gemeinsame Zeit festhalten

Die beiden Frauen machen die Aufnahmen in ihrer Freizeit und komplett unentgeltlich. Die Familien bekommen Abzüge und CDs – meist bearbeitet. „Nicht jede Hautablösung, nicht jede offene Stelle muss man sehen“, sagt Tanja von Rohden. Ins Krankenhaus bringen sie oft bunte Schlafsäckchen mit – von klitzeklein bis babygroß. „Viele Eltern finden ihr Kind so nackt“, berichtet Tanja von Rohden. „Diese Kuschelsäckchen machen unsere Arbeit ein wenig leichter.“ Beide wünschen sich, dass noch mehr Fotografen mitmachen und mehr Kliniken auf das Angebot hinweisen. Anna und Björn Berger haben ein Foto von Gemma-Marie im Flur aufgehängt. Björn Berger: „Was übrig bleibt, ist Wut und tiefe Trauer. Aber auch ein wenig Hoffnung, dass wir vielleicht noch einmal die Chance haben. Und gleichzeitig das Gefühl: Wir sind Eltern, und wir haben eine Tochter, mit der wir einen Tag verbringen durften. Mit den wunderschönen Bildern können wir unsere kurze gemeinsame Zeit festhalten.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3