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Sturm lässt 225-Meter-Frachter stranden

Zugverkehr liegt bis Montag lahm Sturm lässt 225-Meter-Frachter stranden

Herbststurm "Herwart" hatte den deutschen Norden fest im Griff. Zwei Menschen starben. Die Leitstellen in Schleswig-Holstein berichteten von umgekippten Bäumen und eingestürzten Baugerüsten. Der Zugverkehr liegt bis Montag lahm. Ein 225-Meter-Frachter lief vor Langeoog auf Grund.

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Der 225m-Frachter ist auf Grund gelaufen.

Quelle: dpa

Kiel. Hier haben wir zusammengefasst, wie man sich bei Sturm am besten verhält.

+++Frachter gestrandet+++

Die „Glory Amsterdam“ ist gestrandet. Das Havariekommando hat das Scheitern des letzten Schleppversuchs bekanntgegeben

+++Weitere Tote nach Sturmtief+++

In Mecklenburg-Vorpommern ist ein Motorboot mit drei Menschen an Bord gekentert. Die Urlauber aus Sachsen waren trotz Sturmwarnung auf dem Peenestrom unterwegs. Eine Frau starb nach der Bergung im Krankenhaus. Ein weiterer Mann wird nach der mehrstündigen Suche nach wie vor vermisst.

+++Frachter droht auf Wangerooge zu stranden+++

Ein 225 Meter langer Massengutfrachter droht am Strand der Nordseeinsel Langeoog zu stranden. Die in Panama registrierte „Glory Amsterdam“ hatte auf einer Ankerposition in der Deutschen Bucht gelegen. Obwohl beide Anker ausgebracht wurden, gelang es der Besatzung nicht, das Schiff auf der Position westlich von Helgoland im Sturm zu halten.  Im Laufe des Sonntags driftete das Schiff mit ausgebrachten Ankern südwärts in Richtung Langeoog und  war am Sonntagabend nur noch zwei Meilen vom Strand der friesischen Insel entfernt. Das Schiff hat einen Tiefgang von sieben Metern und könnte während der Nacht stranden.

Wie das Havariekommando in Cuxhaven mitteilte, hatte der Hochseeschlepper „Nordic“ im Laufe des Tages zwar mehrfach eine Notschleppverbindung zum Havaristen hergestellt. Diese Leinenverbindungen waren jedoch im Sturm bei den bis zu sieben Meter hohen Wellen immer wieder gebrochen.

Das Havariekommando hat deshalb zusätzlich das Mehrzweckschiff „Mellum“ zu dem Havaristen geschickt. Ein Boardingteam mit Spezialisten für das Herstellen von Schleppverbindungen wurde mit einem Hubschrauber auf der  „Glory Amsterdam“ abgesetzt. Im Seegebiet herrschen 8 bis 9 Windstärken mit einer Wellenhöhe von bis zu sieben Metern.

Der Havarist versucht aus eigener Kraft die Position vor dem Strand zu halten und einen weiteren Schleppversuch herzustellen. Drei Schlepper sollen außerdem die „Nordic“ dabei unterstützen, den Frachter vor der Strandung zu retten.  Die „Glory Amsterdam“ ist nicht beladen und fährt mit Ballast. Nach bisherigen Erkenntnissen des Havariekommandos sind 22 Besatzungsmitglieder an Bord. Besondere Sorgen bereitet den Experten, dass der Frachter gut 1800 Tonnen Schweröl sowie 140 Tonnen Marinedieselöl als Betriebsstoffe in den Tanks an Bord hat.

+++Böen bis zu 140 km/h+++

Die starken Böen erreichten im Norden Geschwindigkeiten von 140 Kilometern pro Stunde auf Sylt und Hiddensee, 130 km/h auf Fehmarn, 120 km/h in Warnemünde und auf Helgoland sowie 100 km/h in Hamburg.

+++Schwimmende Kuh gerettet+++

Einen ganz besonderen Einsatz hatte die Feuerwehr im Stadtteil Neuengamme: Dort retteten die Einsatzkräfte sieben Kühe, die von der Flut eingeschlossen worden waren. Die Feuerwehrleute trieben die Tiere von Booten aus an Land. Die Aktion im Elbvorland dauerte fast drei Stunden.

+++Überflutung in Hamburg+++

Allein in Hamburg musste die Feuerwehr bis zum Nachmittag mehr als 900 Mal ausrücken. Die Einsatzkräfte hätten sich vor allem um umgestürzte Bäume, Baugerüste und Dachteile gekümmert, sagte ein Sprecher. Die Höhe des Sachschadens liege vermutlich im Millionenbereich.

Im Hamburger Hafen beschäftigte eine schwere Sturmflut die Feuerwehrleute. So lief eine Tiefgarage in der Nähe der Elbphilharmonie voll. Das Wasser stieg teils auf einen Stand von 1,50 Meter an, weil gleich mehrere Flutschutztore nicht geschlossen worden waren. Ob sich in der Garage Autos befanden, war zunächst unklar. Am überfluteten Fischmarkt und an der Strandallee im Stadtteil Blankenese mussten mehrere Autos geborgen werden.

+++Sturm stoppte Stena-Fähre+++

Der schwere Sturm hat auf der Ostsee einige Fähren gestoppt. In der Nacht zum Sonntag musste in der Lübecker Bucht die Fähre „Urd“ der Stena Line die Fahrt nach Lettland abbrechen und am Sonntag nach Travemünde zurückkehren. Am Sonntagmittag machte die „Urd“ wieder am Skandinavienkai fest. Wann das Schiff seine Reise nach Lettland erneut starten kann, stand am Sonntagnachmittag noch nicht fest.

In Kiel blieb die Fähre „Victoria Seaways“ der Reederei DFDS im Hafen. Die Abfahrt am Sonnabend nach Klaipeda in Litauen wurde abgesagt. Im Hafen blieben an dem ganzen Wochenende auch die Fähren „Berlin“ und „Gedser“ der Route Rostock-Gedser.

Die Fähren der Vogelfluglinie sowie die großen Schiffe der Routen Travemünde-Trellenorg, Kiel-Göteborg und Kiel-Oslo verkehrten trotz des starken Windes aber ohne größere Probleme.  

In der Nordsee gab es zwei Zwischenfälle vor der niederländischen Küste. Der Containerfrachter „MSC Eyra“ geriet 20 Seemeilen nordwestlich von Den Helder in eine kritische Situation. Das Schiff war auf dem Weg in die Ostsee. Bei hohem Wellengang ging mindestens ein Container über Bord. Ein verletztes Besatzungsmitglied musste am Morgen von einem Hubschrauber abgeborgen werden. Der niederländische Notfallschlepper „Guardian“ musste unweit davon anrücken und das in Seenot geratene Offshore-Schiff „Drifa“  abschleppen. 

+++Erster Toter durch Sturmtief+++

Ein 63-Jähriger ist am Ufer des Jadebusens im Kreis Wesermarsch von der Sturmflut überrascht worden und ertrunken. Der Mann habe mit seinem Bruder auf einem Campingplatz am Strandbad Sehestedt in einem Bulli übernachten und sich beim Herannahen des Wassers zu Fuß in Sicherheit bringen wollen, teilte die Polizei am Sonntag mit.

+++Züge fahren erst wieder ab Montag+++

Die Deutsche Bahn hat angegeben, dass der Bahnverkehr im Norden erst wieder ab Montag laufen soll. Derzeit wird der größte Teil des Ersatzverkehrs durch Busse bestritten.

+++Warnung für Nordseeküste aufgehoben+++

Die Sturmwarnung für die Nordseeküste wurde mittlerweile aufgehoben, dafür gilt jetzt die Unwetterwarnung für die Ostseeküste.

+++Warnung des Deutschen Wetterdienstes+++

Für die Deutsche Nordseeküste besteht die Gefahr einer schweren Sturmflut.
Am Sonntag werden das Morgen-Hochwasser bzw. das Vormittag-Hochwasser an der deutschen Nordseeküste 1,5 bis 2 Meter höher als das mittlere Hochwasser eintreten, im Weser- und Elbegebiet 2,5 bis 3 Meter höher als das mittlere Hochwasser eintreten und im Hamburger Elbegebiet etwa 3 m höher als das mittlere Hochwasser eintreten.

Am Sonntag werden an der gesamten Ostseeküste Wasserstände um 1m über dem mittleren Wasserstand erwartet.

+++Bahnen fahren seit der Nacht nicht+++

Wegen der schweren Schäden durch Sturm "Herwart" kann die Deutsche Bahn den Betrieb wichtiger Strecken im Fernverkehr erst am Montag wieder aufnehmen. Berlin, Hamburg, Hannover, Bremen und Kiel seien zurzeit nicht ans Fernnetz angeschlossen. Unter anderem bleiben bis zum Montag aufgrund der Sturmschäden unter anderem die Verbindungen Hamburg - Kiel und Hamburg - Lübeck - Puttgarden gesperrt. Der Bahnverkehr ist in Schleswig-Holstein seit der Nacht eingestellt. In Kiel-Elmschenhagen räumte die Feuerwehr Bäume von den Gleisen. Aber auch im Kreis Rendsburg-Eckernförde und an der Westküste sind viele Bahnstrecken gesperrt. Der Verkehr nach Sylt ist auf unbestimmte Zeit eingestellt.

Vor allem in Nord- und Ostdeutschland hatte "Herwart" zahlreiche Bäume entwurzelt. Aus Sicherheitsgründen hatte die Bahn den Verkehr daher in Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Teilen Schleswig-Holsteins bereits seit dem Morgen in weiten Teilen eingestellt. "Das wirkt sich bundesweit auf den Fernverkehr aus", hieß es.

+++Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz+++

Die Kieler Feuerwehr hatte bis zum Sonntagvormittag über 20 Einsätze abzuarbeiten. "Momentan fahren wir sehr viele Einsätze, wenn es hell wird, sehen die Leute erst die Schäden", sagt Edgar Pahlke von der Feuerwehr Kiel. Meist waren es Bäume oder Baustellenabsperrungen, die umgeweht waren. Am Rathausturm hatten sich Teile der Plane von einem Gerüst gelöst. In Holtenau war ein Baum auf ein Haus gefallen. In der Schwentinemündung musste die Feuerwehr außerdem am Abend ausrücken: Aus einem gesunkenen Motorboot lief Öl aus. Die Feuerwehr bekämpfte den Ölfilm mit speziellen Saugtüchern.

Die Feuerwehr birgt das gesunkene Motorboot

Gegen neun Uhr wurden alleine im Kreis Pinneberg rund 100 unwetterbedingte Einsätze von den ehrenamtlichen Helfern der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks abgearbeitet. Durch den Sturm sind zahlreiche Bäume auf Straßen, Wege, Fahrzeuge und Häuser gestürzt. Verletzt wurde dabei zum Glück niemand.

Sturm Herwart hielt auch die Neumünsteraner Feuerwehr in Atem. Größere Einsätze gab es allerdings nicht. Von Sonnabend 20 Uhr bis Sonntagmittag gab es knapp 40 Einsätze, bei denen Bäume gefällt werden mussten, die umzukippen drohten. Äste wurden abgesägt. Ungewöhnlich viele Dixie-Toiletten hielten dem Wind nicht stand. Wie Einsatzleiter Marc Kutyniok von der Berufsfeuerwehr mitteilte, mussten im gesamten Stadtgebiet mehrere dieser Kabinen wieder aufgerichtet werden. "Die wiegen nicht viel, ein Kasten Bier dürfte schwerer sein“, sagte er. Wenn möglich wurden die Dixie-Toiletten verzurrt. Verletzt wurde durch den Sturm in Neumünster niemand. Bis zum Sonntagmittag waren neben der Berufsfeuerwehr auch vier freiwillige Wehren im Einsatz: Neumünster-Mitte, Wittorf, Gadeland und Tungendorf-Stadt rückten mit aus. „Wenn jetzt noch Einsätze kommen, werden auch Tungendorf-Dorf und Einfeld mit alarmiert", so Kutyniok.

Laut Einsatzleitstelle sind im Kreisteil Eckernförde mehrere Bäume aufgrund der starken Böen umgefallen. Verletzt wurde aber niemand. Die Freiwillige Feuerwehr Eckernförde war am Sonntag seit 4.40 Uhr in der Frühe im Einsatz. Sie beseitigte drei abgeknickte Bäume in der Kurt-Pohle-Straße und der Friedrich-Ebert-Straße. Weiter kam nach Angaben von Wehrführer Meint Behrmann in Revensdorf/Lindau die Drehleiter zum Einsatz, um einen durch Winddruck aufgesplitteten Baum in 15 Metern Höhe abzusägen. Gegen Mittag musste dann noch ein Baum am Südstrand beseitigt werden, der auf den Fuß- und Radweg an der B76 gekippt war.

Bad Bramstedts Feuerwehr war bis Sonntagmittag zu 15 Einsätzen ausgerückt. "Es waren alles nur abgeknickte oder umgestürzte Bäume, die wir entfernt haben", erklärte Wehrführer Kai Harms. Zweimal musste auch der AKN-Zugverkehr gestoppt werden, weil Bäume auf das Gleis gefallen waren. Größere Schäden seien nicht angerichtet worden, so Harms. Insgesamt 40 Helfer hatte er im Einsatz. In der Hauptstraße kippten in der Nacht zu Sonntag mehrere Linden samt ihres riesigen Wurzelballens um und rissen dabei große Teile der Straße heraus. Die Hauptstraße wird wohl mit erheblichem Aufwand saniert werden müssen.

In Oldenswort (Kreis Nordfriesland) fiel die historische Mühle "Catharina" Sturm "Herwart" zum Opfer: In der Mühle befand sich eine Ferienwohnung, die aktuell von einem Ehepaar aus Bayern gemietet wurde, wie der NDR berichtet. Nachts deckte der Sturm das Dach ab und riss samt Flügel mit. Verletzt wurde niemand.

Der komplette Dachkopf mit den Mühlenflügeln stürzte runter.

Der komplette Dachkopf mit den Mühlenflügeln stürzte runter.

+++Auch den Schiffen macht der Sturm zu schaffen+++

Ruhig wurde es auch auf dem Nord-Ostsee-Kanal. Die Schleusen Brunsbüttel mussten um vier Uhr für den Schiffsverkehr gesperrt werden. Grund war Hochwasser und der starke Wellenschlag, der die elbseitigen Schleusentore gefährdete. Deshalb blieben die Tore bis in den Sonntagvormittag gesperrt. Auf der Elbmündung zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel und in der Kieler Bucht hatten am Sonntagmorgen mehr als 30 Schiffe Schutz vor dem Sturm gesucht. Die Lotsenversetzposition "Elbe 1" vor der Elbmündung wurde bis nach Cuxhaven in geschütztes Gewässer zurück verlegt. Vor Helgoland warten derzeit über 20 Schiffe auf die Möglichkeit zum Einlaufen in die Elbe, darunter mehrere Großcontainerschiffe und der 345 Meter lange Luxusliner "Queen Mary 2" mit über 2000 Passagieren an Bord.

+++Sturmflut und Orkanböen+++

In Hamburg wird am Vormittag eine schwere Sturmflut mit einem Pegel von 2,5 Metern über dem mittleren Hochwasser erwartet. "Die Behörden sind vorbereitet, voraussichtlich müssen einige Straßen und der Fischmarkt gesperrt werden", erklärte eine Wissenschaftlerin des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Die Hamburger Feuerwehr rückte bis zum Morgen 170 Mal aus.

Die Fischauktionshalle am Hamburger Fischmarkt steht - wieder einmal - unter Wasser.

Die Fischauktionshalle am Hamburger Fischmarkt steht - wieder einmal - unter Wasser.

Bei den Einsätzen handele es sich im Wesentlichen um Bäume und Äste auf Straßen, aber auch auf Autos und Häusern. Ein Baum musste von den Gleisen der U-Bahn geborgen werden.

Die Elbe erreichte am Vormittag vorübergehend einen Höchststand von mehr als drei Metern über dem mittleren Hochwasser, wie das Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie mitteilte.

An der Nordsee und im höheren Bergland müsse gar mit Orkanböen gerechnet werden, warnten die Meteorologen am Sonnabend. So werden an der Nordsee Windgeschwindigkeiten von 120 Kilometern in der Stunde erwartet. Landesweit wird mit schauerartigem und teilweise gewittrigem Regen gerechnet.

+++"Herwart" vermutlich schwächer als "Xavier"+++

Voraussichtlich fällt "Herwart" nicht ganz so stark aus wie "Xavier" Anfang Oktober. Das Fortschreiten des Herbstes könnte zudem dazu beitragen, dass er weniger zerstörerisch wirkt als sein Vorgänger: Die Bäume tragen weniger Laub als vor vier Wochen und bieten damit weniger Angriffsfläche. Vor allem im Norden und Osten Deutschlands sind Spaziergänge oder Frühsport im Wald dennoch gefährlich.

Die Deutsche Bahn teilte am Samstag mit, es könne ab dem frühen Sonntagmorgen zu Einschränkungen in den vom Sturm betroffenen Gebieten kommen. Alle für Sonntag gekauften Tickets könnten binnen 4 Wochen kostenlos storniert oder umgetauscht werde.

Mit Material von dpa, Frank Behling und Frida Kammerer

Von KN-online

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