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Ostsee ist unberechenbarer als die Nordsee

Sturmwarnung Ostsee ist unberechenbarer als die Nordsee

Der Winter lässt auf sich warten, doch die Sturmsaison hat längst begonnen. Am Wochenende sollen orkanartige Böen den Norden wieder ordentlich durchrütteln. Und mit jedem schweren Sturm wird Experten zufolge eine Gefahr an der Ostseeküste unterschätzt: die Sturmfluten.

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Gut festhalten: Auch am Wochenende soll wieder stürmisches Wetter über Schleswig-Holstein und den Schönberger Strand hinwegziehen.

Quelle: Niklas Wieczorek

Kiel/Schönberg. Ein schweres Sturmtief mit Orkanstärke bei Island und ein kräftiges Hochdruckgebiet über dem Mittelmeer; das sind laut Diplom-Meteorologe Christian Paulmann die Zutaten für den Sturm, der Schleswig-Holstein am Wochenende erreichen soll. Am Sonnabend kann er über der Kieler Förde bis zu Windstärke neun erreichen, erst am Sonntagnachmittag soll es allmählich wieder ruhiger werden.

Mit Tief „Jürgen“ kam vor zwei Wochen bereits ein Sturmtief auf den Norden zu. Das sorgte nicht nur dank Schneefalls für Aufsehen. An der Ostseeküste gab es eine Sturmflut, die Wasserstände stiegen bis zu 1,20 Meter über den Normalpegel. Wie können sich Ostseeküstenbewohner eigentlich darüber informieren?

Im Winter werden Stürme getriggert

Zunächst helfen die Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes um Paulmann: „Wenn der Tiefdruck groß ist, ist auch die Vorhersagbarkeit groß“, erklärt der Fachmann von der Abteilung Seewetteramt in Hamburg. „Generell müssen wir im gesamten Winterhalbjahr mit Stürmen rechnen, weil starke Temperaturgegensätze die Stürme triggern.“

In der Vergangenheit habe man angenommen, dass aufgrund des Klimawandels mehr Stürme auf Deutschland zukämen. Tatsächlich verlaufe die „Wetter-Autobahn“ aber auf Norwegen zu. „Wenn Stürme allerdings in unsere Richtung ausbrechen, halten sie sich länger und haben ein stärkeres Zerstörungspotential“, so Paulmann. Gefahrenmeldungen und Pegelangaben kommen dann vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Für den Laien empfehlenswert sei außerdem die Homepage zur Hochwasser- und Sturmflutinformation des Landes, beschreibt Wolfgang Jensen.

Im Sonnenschein und bei lauem Lüftchen auf dem Deich am Schönberger Strand hat er am Freitagvormittag alles im Griff. Der Baubetriebsleiter Ostseeküste des Landesbetriebs für Küstenschutz (LKN) ist für die Landesdeiche an der Ostseeküste zuständig. In Schönberg sieht er gerade die Möglichkeit, eine Küstenschutzvariante zu etablieren, die ein Vorbild für andere werden könnte. Doch nicht jetzt. Gebaut wird im Sommer. Vom 1. November bis 15. April sind Jensen und seine Deiche aber in der Sturmsaison.

Foto: Wolfgang Jensen (LKN) ist auf den Deich am Schönberger Strand besonders stolz.

Wolfgang Jensen (LKN) ist auf den Deich am Schönberger Strand besonders stolz.

Quelle: Niklas Wieczorek

Obwohl sie seiner Ansicht nach allesamt gut vorbereitet sind, sagt Jensen: „Wir können nur abwarten und hoffen.“ Hoffen, dass die Ostsee nicht ihre ganze Kraft ausspielt. Hoffen, dass sie niemanden unvorbereitet trifft. Das Bewusstsein, dass die Menschen Küstenbewohner seien, fehle eben häufig. Das gelte auch für die Akzeptanz seiner Arbeit. Dabei insistiert Jensen fortwährend: „Deichbau ist gelebte Kulturgeschichte.“ Und die Klimaentwicklung mache seine Arbeit stetig dringender.

Zwischen zehn und 15 Zentimeter ist der Meeresspiegel der südlichen Ostsee in den letzten 100 Jahren angestiegen, wie Insa Meinke weiß. Die Leiterin des Norddeutschen Klimabüros im Helmholtz-Zentrum Geesthacht sagt unmissverständlich: „Sowohl Wasser- als auch Lufttemperatur erwärmen sich in der Ostsee und der Winterniederschlag hat zugenommen.“ Sie versucht die meteorologischen Erkenntnisse auf die Küstenforschung anzuwenden: „Diese Entwicklung können wir auch in den Szenarien nachvollziehen.“

Die Sturmflut von 1872 gilt als Maßstab

Eines dieser Szenarien ist eine schwere Sturmflut, wie sie sich an der Ostsee letztmals 1872 ereignet hat. Die Überflutungen trafen die Bevölkerung damals unvorbereitet. Rund 300 Menschen starben. Die Kraft dieser Fluten nehmen Forscher noch heute als Grundlage, um gefährdete Gebiete zu ermitteln.

Die sind im Kartenmaterial Küstenschutzbedarf an der Ostseeküste für jeden verständlich aufbereitet. Wer sich die Wasserhöhen der Sturmflut 1872 anzeigen lässt, sieht welche Gebiete auch heute überflutet wären. Darunter Straßenzüge um den Kieler Hafen, Viertel der Innenstadt bis zum Rathausplatz, und weiter raus, in der Kieler Bucht: Strande oder Friedrichsort. Noch drastischer werden die Auswirkungen, wenn man als Nutzer die prognostizierten Zahlen des Klimawandels bis 2100 mit einrechnen lässt. Dann verschwindet ein großer Teil der Probstei unter einer dunkelgrünen Fläche – gäbe es keinen Küstenschutz.

Foto: Vor der Haustür: Diese interaktive Karte zeigt, wo Küstenschutzbedarf an der Ostseeküste besteht.

Vor der Haustür: Diese interaktive Karte zeigt, wo Küstenschutzbedarf an der Ostseeküste besteht.

Quelle: Screenshot: kuestenschutzbedarf.de

Die Gefahr ist vergleichbar

Natürlich ist dieses Wissen auch dem Land zwischen den Meeren nicht verborgen geblieben: „Wir setzen für Landesschutzdeiche den gleichen Sicherheitsstandard an der Ostsee- wie an der Nordseeküste an“, sagt Birgit Matelski, LKN-Geschäftsbereichsleiterin für Vorarbeiten. „Die Ostsee ist immer noch unberechenbarer als die Nordsee.“ Jeder weiß um die bei Sturmfluten von der Außenwelt abgeschnittenen Halligen vor der nordfriesischen Küste. Doch sie räumt ein: „Das Wissen, dass es Sturmfluten geben könnte, ist an der Ostsee nicht so sehr vorhanden.“

Um deren Folgen zu verhindern, ist Wolfgang Jensen im Einsatz. Fachmännisch schreitet er den Deich am Schönberger Strand ab, kann von Buhne über Bepflanzung bis zur Grassorte alles erklären. „Jawoll“, bekräftigt er, „eine Sturmflut ist an der Ostsee genau so gefährlich wie an der Nordsee.“

Von einer Sturmflut spricht man in der Ostsee ab einem Meter über Normalpegel. Im von Jensen geschilderten Szenario kann die einen frappierenden Verlauf nehmen: Zunächst bläst der Wind stark Richtung Nordwesten, pustet das Meer in den Bottnischen und Finnischen Meerbusen. An der deutschen Ostseeküste herrscht dann extremes Niedrigwasser. In dieser Situation kann über das Kattegat Nordseewasser nachströmen. Dreht der Wind und drückt die Ostsee wieder Richtung Südwesten, können die Pegel überraschend schnell steigen – das gelte laut Jensen vor allem für die „Flaschenhälse“ wie Lübecker Bucht, Eckernförder Bucht und Schlei.

"Wir können Deiche nur von innen verteidigen"

2006 gab es die letzte starke Sturmflut dieser Art, in Heiligenhafen hat Jensen damals beobachtet, wie der Pegel innerhalb von 14 Stunden um 2,8 Meter stieg. Das Fatale an Ostseefluten ist: Hier gibt es kaum Tidenhub wie an der Nordsee, der Wasserstand bleibt hoch, bis zu vier Tage lang. „Wir müssen die Sturmflut aushalten, solange sie anhält“, beschreibt Jensen. „Und wir können die Deiche nur von innen verteidigen.“

Foto: Er kennt seinen Deich am Schönberger Strand in- und auswendig: Wolfgang Jensen vom LKN.

Er kennt seinen Deich am Schönberger Strand in- und auswendig: Wolfgang Jensen vom LKN.

Quelle: Niklas Wieczorek

Deswegen bereitet er sich und möglichst viele andere durchgängig auf solch ein Katastrophenszenario vor. Seit 2006 schult er bei Feuerwehren und Technischen Hilfswerken den Notfall. Hunderte Helfer hat er so bereits informiert. „Wir haben hier nicht die Personalstärke wie an der Nordsee“, erläutert Jensen. Breites Wissen helfe dann, damit im Ernstfall keine Panik ausbreche.

Küstenschutz ist seiner Ansicht nach fast missverständlich: „Die Küste braucht keinen Schutz“, weiß Jensen, „wenn Menschen hier nicht leben und wirtschaften wollten.“ Und so ist er stetig im Einsatz, die Küstenlinien an der Ostsee zu stabilisieren. Der flache und weitläufige Deich am Schönberger Strand ist dafür da, dass sich „die Welle tot läuft“, Kraft mit dem Weg verliert, den sie zurücklegen muss. Und nicht überall gebe es so viel Platz wie hier.

Dann braucht man andere Lösungen wie eine im Deichkörper angelegte Umkehrmauer, welche die Welle wieder zurücklenkt. Besonders stolz ist Jensen auf das Projekt, das nun vor dem Schönberger Strand geplant ist: Sand aus der Fahrrinne vor der Marina Wendtorf soll an den Strand gespült werden. Die Gemeinde muss dann nicht mehr den an Buhnen angelagerten Sand entnehmen, um die Strände aufzufüllen. Das sorge nämlich stets für Destabilisierung, so Jensen.

Foto: Hier greift der Küstenschutz: Wolfgang Jensen vom LKN zeigt eine Buhne, an der Sandanspülungen künftig verbleiben könnten.

Hier greift der Küstenschutz: Wolfgang Jensen vom LKN zeigt eine Buhne, an der Sandanspülungen künftig verbleiben könnten.

Quelle: Niklas Wieczorek

Diese Lösung sei vielmehr vorbildlich, um den Widerstand zwischen touristischen Anforderungen und Küstenschutz aufzulösen. Weil die letzte dramatische Sturmflut bereits über ein Jahrhundert zurückliegt, fehlten Bewohnern und Tourismusvertretern schlicht Erfahrungswerte mit der Kraft der Ostsee. „Wichtig ist, dass die Bevölkerung sich informiert. Jeder muss einen Teil der Gefahren kompensieren.“ Unerheblich, ob die Ostsee-Sturmflut 1872 ein Jahrhundert- oder ein Jahrtausendereignis war, Jensen ist sich sicher: „Nach einer Sturmflut ist vor einer Sturmflut.“

Diese Sturmflut-Gefahrenlagen an der Ostseeküste sind in Erinnerung geblieben:

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