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„Ich schäme mich, dass Syrer so etwas tun“

Terroranschläge „Ich schäme mich, dass Syrer so etwas tun“

Es war eine Woche der blutigen Gewalt: Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach. An drei der vier Taten waren Flüchtlinge beteiligt, zweimal Syrer. Der Journalist Fadi Shalhoub (31) aus Damaskus lebt seit anderthalb Jahren als anerkannter Flüchtling in Kiel. Die neue Gewalt macht dem Syrer Angst.

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Er liest täglich die Nachrichten und ist erschüttert über die Gewalt in Deutschland: Fadi Shalhoub (31) arbeitete in Syrien als Video-Journalist und lebt nun mit Frau und Sohn in Kiel.

Quelle: Frank Peter

 Wie geht es Ihnen nach dieser Woche?

 Fadi Shalhoub: Ich habe Angst. Und so geht es den meisten Flüchtlingen, die ich kenne. Wir sind eine Millionen Menschen, die vor Gewalt geflohen sind. Jetzt gibt es unter uns zwei, drei Täter, und schon sagen viele Deutsche, wir alle seien schuld an dem Terror. Das ist sehr schwer für uns.

 Wovor haben Sie genau Angst?

 Wir haben Angst, dass wir wieder zurückgeschickt werden. Dort herrscht schließlich Krieg. Wir haben auch Angst vor radikalen Deutschen, die gegen Migranten sind. Ich wohne zum Glück in Kiel und vermute, dass es hier nicht so viele Rechte gibt. Ich habe persönlich nach den Anschlägen noch nichts Negatives erlebt. Aber ich habe Angst davor, dass es auch in Kiel zu Anschlägen kommt, und ich selbst Opfer sein könnte.

  Haben Sie Verständnis für Deutsche, die sich durch Flüchtlinge bedroht fühlen?

 Ja, selbstverständlich. Aber die Angst ist unbegründet. Ich habe eine Facebook-Seite mit 4500 Mitgliedern, die meisten sind Flüchtlinge in Kiel. Viele glauben, dass die Anschläge gar nicht von Syrern verübt wurden. Sie können sich das nicht vorstellen, dass es Landsleute waren, und glauben, dass sei von den Medien so verbreitet, um Stimmung gegen uns zu machen.

 Teilen Sie die Meinung?

 Nein, ich bin Journalist. Ich glaube den Medien. Aber ich schäme mich, dass Syrer so etwas tun. Ich wollte immer stolz auf mein Volk, auf mein Land sein.

  Haben Sie denn durch ihre Flucht oder ihre Gemeinschaft Hinweise darauf, dass Terroristen unter den Flüchtlingen sind?

 Ich weiß es nicht. Aber wir würden gerne helfen, das herauszufinden. Ich kenne einige, die gern für den deutschen Geheimdienst arbeiten oder der Polizei Hinweise geben würden. Wir möchten etwas tun, damit es nicht zu noch mehr Anschlägen kommt. Aber wir wissen nicht, wie. Niemand fragt uns.

 In diesen Zeiten sind ja alle Deutschen aufgefordert, sehr aufmerksam zu sein, ob sich zum Beispiel jemand im Umfeld radikalisiert. Können nicht Sie als Flüchtlinge auch untereinander beobachten, ob sich jemand auffällig verhält?

 Die meisten Flüchtlinge sind zu sehr mit der deutschen Bürokratie beschäftigt und haben nicht den Kopf frei, sich darum zu kümmern. Außerdem ist es schwer festzustellen, wer radikal ist. Es gibt viele Muslime, die streng gläubig sind, für sie sind alle Andersgläubigen Heiden. Sind diese Menschen Terroristen? Es verrät ja keiner, wenn er einen Anschlag plant.

 Was müsste Ihrer Ansicht nach getan werden, um in Deutschland die Terrorgefahr zu reduzieren?

 Deutschland hat kein Integrations-Programm. Es gibt viele Flüchtlinge, die hier seit einem Jahr sind und nicht wissen, welcher Weg für Fahrräder ist und welcher für Fußgänger. Sie haben kaum Kontakt zu Deutschen, können die Sprache nicht und kennen sich nicht aus mit der Kultur. Sie sind isoliert und glauben, viele Deutsche hassen sie. So sind sie empfänglich für die Ideen der Terroristen. Mehr Integration würde den Terroristen das Leben schwer machen. Fast alle von uns glauben übrigens auch, dass Deutschland zu tolerant ist. Wir meinen, man sollte kriminelle Flüchtlinge sofort ausweisen. Das würde nicht nur das Land für die Deutschen sicherer machen, sondern wäre auch gut für alle friedlichen Flüchtlinge.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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