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Bitterkeit statt süßer Freuden

Tortendesignerin ist insolvent Bitterkeit statt süßer Freuden

Der bizarre Streit zwischen der Lübecker Tortendesignerin Sylvia Zenz und der Handwerkskammer machte im Frühjahr 2015 Schlagzeilen. Vor Gericht errang die 49-Jährige einen Sieg. Ein Jahr später sieht alles ganz anders aus.

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Da schien die Welt noch in Ordnung: Sylvia Zenz im Juni vergangenen Jahres im Cup’n Cake in Lübeck.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. „Der Rechtsstreit hat meine berufliche Existenz vernichtet.“ Zehn Jahre lang gestaltete Sylvia Zenz individuelle, ausgefallene und kreative Dekorationen für Torten. Anfangs formte sie nur für Freunde und Bekannte essbare Trolle, Feen, Tiere und personifizierte Hochzeitspaare. 2010 machte die gelernte Altenpflegerin ihr Hobby zum Beruf, eröffnete sogar ein kleines Fachgeschäft, in dem sie ihre Zucker- und Fondantfiguren ausstellte, an Aufträgen arbeitete und Backzubehör verkaufte. „Ich bin Tortendesignerin – eine Berufsbezeichnung, die es weltweit gibt, mit Ausnahme von Deutschland“, sagte Sylvia Zenz und bezeichnete es als „absurd“, was ihr die Handwerkskammer vorwarf: „Dort war man der Auffassung, ich wäre Konditorin und würde unerlaubt ein Handwerk ausüben, weil ich den Beruf nicht gelernt habe.“ Dass sie selbst keine Torten zubereitete, sogar eng mit Konditoren in der Region zusammenarbeitete, tangierte die Kammer nicht. Sie verlangte, dass sich Zenz zumindest in die Handwerksrolle eintragen lassen und Mitgliedsbeiträge zahlen sollte. Der Fall landete im Juni 2015 vor Gericht – und die streitbare Lübeckerin bekam Recht. „Die Abgrenzung zwischen Kunst und Handwerk ist oft sehr schwer, in diesem Fall überwiegt aber die Kunst“, urteilte der Richter. Für die Tortendesignerin war es eine immense Erleichterung. „Die juristische Auseinandersetzung, der Vorwurf der Schwarzarbeit, die angedrohten Strafgelder – all das kostete ungeheuerlich viel Kraft“, sagt Zenz heute. Geblieben ist ihr von dem Triumph vor Gericht nichts: „Ich musste Insolvenz anmelden.“

 So groß die öffentliche Aufmerksamkeit und die Sympathiebekundungen anderer Designer auch war: „Mindestens genauso groß war auch die Wut auf mich“, sagt Zenz und berichtet von „heftigsten Bedrohungen“ in Telefonaten und Briefen. „Ich würde die Konditorenzunft in den Dreck ziehen, warf man mir vor.“ All das wäre noch zu ertragen gewesen, sagt die 49-Jährige. „Aber dass mir etliche Aufträge weggebrochen sind, weil Firmen und Großkunden wegen des Rechtsstreits verunsichert waren oder um ihr Image fürchteten, das war mein beruflicher Genickschuss.“ Den Werbeeffekt, der erwartbar gewesen wäre, gab es nicht. „Natürlich wollten einige Tortendekorationen bestellen, aber was bringen mir kleine Aufträge von hundert Euro, wenn die großen Arbeiten, die 3500 Euro eingebracht hätten, ausbleiben?“

 Hinzu kamen die hohen Prozesskosten: „Zwar bin ich finanziell unterstützt worden, dennoch blieben ein paar tausend Euro an mir hängen“, sagt sie verbittert. „Ich habe das Gewerbe abmelden und Insolvenz anmelden müssen, schweren Herzens.“ Ihr ehemaliges Geschäft habe eine Freundin übernommen. „All das ist doppelt bitter, da mein ganzes Herzblut im Tortendesign hing und ich als eine der bundesweit Besten in diesem Bereich geholfen habe, beispielsweise Juroren für internationale Wettbewerbe auszubilden.“

 Sylvia Zenz hat alles hingeworfen: „Ich kann es einfach nicht mehr leisten – all das, was passiert ist, schmerzt zu sehr.“ Unterm Strich bleibt nur Verbitterung über „dieses kranke System, das Arbeit verhindert, Existenzen zerstört, nur um mittelalterliche Pfründe zu sichern“. Allzu viel Zeit zum Nachdenken und Grübeln bleiben der Mutter von zwei 14 und 17 Jahre alten Söhnen aber nicht, sagt sie. „Meine Prioritäten haben sich verschoben.“ Seit Beginn der Flüchtlingskrise im Herbst und Winter 2015 engagiere sie sich ehrenamtlich in der Zuwanderungshilfe. „Ein gutes Gefühl“, sagt sie.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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