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Tote „Gorch Fock“-Kadettin verhöhnt

Prozess in Schleswig Tote „Gorch Fock“-Kadettin verhöhnt

Acht Jahre nach dem Tod der jungen Marine-Kadettin Jenny Böken auf einer Ausbildungsfahrt der „Gorch Fock“ in der Nordsee muss sich ab diesem Montag ein Offizier der Deutschen Marine wegen öffentlicher Verunglimpfung der Verstorbenen vor dem Amtsgericht Schleswig verantworten.

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Marine-Kadettin Jenny Böken an Bord des Segelschulschiffes „Gorch Fock“: Am 3. September 2008 stürzte sie über die Reling.

Quelle: dpa

Schleswig. Auf der Internetseite des schleswig-holsteinischen Zeitungsverlages soll sich der 33-jährige Kapitänleutnant in beleidigender Weise über die angebliche Wehruntüchtigkeit der damals 18-Jährigen geäußert haben.

 Im September 2008 war Jenny Böken vor Norderney unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen während ihres nächtlichen Wachdienstes von Bord des Ausbildungsschiffes gegangen. Ihre Leiche wurde zwölf Tage später geborgen. Nach einer Untersuchung hatte die Kieler Staatsanwaltschaft den Tod der Kadettin als tragischen Unfall bezeichnet. Ihre Eltern bezweifeln jedoch bis heute, dass Jenny Böken für ihren Tod allein verantwortlich war. Vor Gericht versuchten sie mehrfach, weitere Untersuchungen zu einer möglichen (Mit-)Verantwortung der Marine durchzusetzen.

 Als die Zeitung im Juli 2012 unter der Schlagzeile „Jenny Bökens Eltern geben nicht auf“ über ihre Klage beim Bundesverfassungsgericht berichtete, soll der Angeklagte folgenden Leserkommentar veröffentlicht haben (die Schreibweise entspricht dem Original): „Da sind sie wieder, die Bökens: Mit einem Sammelsurium absurder Hirngespinste betreffs des Toded ihrer Tochter vergeuden sie seit mehreren Jahren das Geld anständiger Steuerzahler, indem sie selbst nach umfassender Untersuchung dieser Angelegenheit durch die Staatsanwaltschaft nach wie vor leugnen, dass ihre Tochter schlicht und ergreifend in Darwin-Award-fähiger Weise von der Back der GORCH FOCK gestürzt ist.“

 Was „Darwin-Award-fähig“ ist, erklärt ein anderer Kommentator so: Dieser Preis werde „an Menschen verliehen, die sich versehentlich selbst töten oder unfruchtbar machen und dabei ein besonderes Maß an Dummheit zeigen“. Viele Leser nannten die Äußerungen über die im Dienst für ihr Land gestorbene Marinesoldatin verunglimpfend, unverschämt, kränkend, roh und „von offensichtlicher seemännischer Unwissenheit geprägt“.

 Erst vor zwei Wochen hat das Oberverwaltungsgericht Münster angekündigt, den Fall Jenny Böken ab Mitte September noch einmal gründlich aufzurollen: Erstmals in einer öffentlichen Verhandlung sollen dann der damalige Gorch Fock-Kapitän Norbert Schatz und der Schiffsarzt gehört werden. Offenbar sehen Juristen immer noch weiteren Aufklärungsbedarf.

 Marlis und Uwe Böken sehen Hinweise dafür, dass ihre Tochter nicht diensttauglich war. Außerdem hätte sie wegen der Wetterbedingungen mit 15 Grad Wassertemperatur und Windstärke zwischen sechs und sieben nur gesichert ganz vorne am Posten „Ausguck“ arbeiten dürfen.

 Hintergrund des Verfahrens ist eine Klage der Eltern, die von der Bundesrepublik Deutschland 40000 Euro Entschädigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz fordern. In erster Instanz wurde die Klage im Oktober 2014 vom Verwaltungsgericht Aachen zurückgewiesen.

 Bökens Mutter gründete ein Jahr nach dem tragischen Vorfall die Jenny Böken-Stiftung, die sich um in Not geratene Familien von getöteten und gefallenen Soldatinnen und Soldaten kümmert und Soldatinnen und Soldaten unterstützt, die infolge ihres Dienstes dienstunfähig geworden sind.

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