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Viele Helfer sind heute schon tot

Tschernobyl-GAU Viele Helfer sind heute schon tot

Es war der GAU – der größte anzunehmende Unfall: In der Nacht zum 26. April 1986 geriet eine Überprüfung im Atomkraftwerk von Tschernobyl außer Kontrolle. Am Montagabend berichteten Zeitzeugen in Altenholz.

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Reparaturarbeiten am explodierten ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl – die Aufnahme entstand im Oktober 1986. Menschliches Versagen bei einem Probelauf hatte in der Nacht zum 26. April zu der Katastrophe geführt.

Quelle: dpa

Altenholz. Menschliches Versagen und Konstruktionsmängel führten zur Kernschmelze. Radioaktives Material verbreitete sich über die Luft in Europa. „Tschernobyl steckt in meiner Generation tief im kollektiven Gedächtnis“, sagt Cornelia Hörsting, Schulleiterin des Gymnasiums Altenholz, gestern zum Auftakt einer Veranstaltung mit Zeitzeugen. „Es war ein wunderschöner April“ – und plötzlich fragten sich alle, ob Kinder wegen der atomaren Wolke überhaupt noch draußen spielen konnten. Die etwa 150 Neunt- und Zehntklässler im Forum des Gymnasiums kamen Jahre nach der Katastrophe in der damaligen Sowjetunion zur Welt. Vertrauter ist ihnen die Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima in Japan am 11. März 2011.

Tschernobyl liegt heute in der Ukraine, an der Grenze zu Weißrussland, erklärt Martin Kastranek von der Heinrich-Böll-Stiftung den Schülern beim Besuch zur Aktionswoche. Er zeigt Luftbilder des zerstörten Reaktors, erklärt, dass die Fotos wegen der Verstrahlung unter Einsatz des Lebens entstanden. Wind trieb die atomare Wolke nach Nordwesten. Wo sie abregnete, kam es zur radioaktiven Verstrahlung. 23 Prozent des weißrussischen Territoriums sind kontaminiert, erklärt er: „Eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein ist auf absehbare Zeit nicht bewohnbar.“ Über dem Reaktor wurde zum Schutz ein Sarkophag aus Stahl und Beton errichtet. 90000 Menschen, so Kastranek, arbeiteten daran. Zurzeit entsteht ein neuer Sarkophag.

Diese Gefahr hatte keiner erwartet

600000 Liquidatoren halfen damals bei den Aufräumarbeiten, bis zu 125000 sind mittlerweile verstorben. Und die allermeisten in der Ukraine gelten heute als krank – so wie Zeitzeuge Oleksandr Lisniak (56). Der Armeefahrer erzählt den aufmerksam zuhörenden Schülern mit Hilfe einer Dolmetscherin: „Ich musste damals Stickstoff mit Fahrzeugen zum Reaktor bringen.“ Damit sollte der Reaktor abgekühlt werden: „Es war sehr anstrengend und gefährlich.“ Bei vier Einsätzen hielt er sich 37 Tage in der Sperrzone auf. Die Schutzkleidung war primitiv, bestand aus Uniform und kleinem Mundschutz. „Keiner hat erwartet, dass es so gefährlich ist.“

In Fukushima führten ein Erdbeben und ein Tsunami zur Katastrophe. „Goboo“ betreute dort für ein Subunternehmen Reaktormitarbeiter. Zog ihnen die Schutzkleidung aus, maß die Strahlendosis. Kraftwerksbetreiber Tepco verbot Mitarbeitern, über die Arbeit zu sprechen. Deshalb nutzt der 35-Jährige das Pseudonym Goboo, trägt eine Sonnenbrille und Kappe. Es ist ihm wichtig, mit den Schülern zu sprechen, sagt er. Er bekam eine akkumulierte Strahlendosis von etwa 20 Millisievert ab, erhält aber keinerlei Entschädigung. „Wir bekamen Informationen vor der Arbeit“ – aber die waren nicht hinreichend. Auf Anti-Atom-Demonstrationen gilt er als Held, sagt Goboo. Doch das nützt ihm nichts. Heute arbeitet er als Aushilfe im Pflegeheim.

Jeder soll sich selbst hinterfragen

Die Ärztin und Zeitzeugin Janna Lasartschik aus Weißrussland untersuchte damals Nahrungsmittel. Ob sie heute noch mal in so einem Gebiet arbeiten würde, fragt eine Schülerin. „Ich hoffe, dass diese Frage niemals wieder für jemanden akut wird“, sagt die 52-Jährige. „Das ist das Ziel dieses Treffens.“ Jeder solle sich fragen, was er in dieser Richtung unternehmen kann.

Stefan Deppenbrock ist Fachbereichsleiter Physik am Gymnasium. Mit der Aktionswoche geht es ihm auch darum, das Thema Wissenschaft und Verantwortung lebendig darzustellen. Der Besuch der Zeitzeugen beeindruckte viele Schüler jedenfalls.

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Ein Artikel von
Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Redaktion Lokales Kiel/SH

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Kommentar

Die Verunsicherung. Das Misstrauen. Die Angst der Schwangeren und aller Eltern. Tschernobyl hat sich eingebrannt in unser Gedächtnis. Seither steht Atomkraft endgültig für eine nicht beherrschbare Technologie.

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