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Diskussion um zweite Fremdsprache

Turbo-Abi Diskussion um zweite Fremdsprache

Die Diskussion um G8 oder G9 reißt nicht ab. Diesmal meldet sich der Verein Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen (FMKS) zu Wort: Die Einführung einer zweiten Fremdsprache in Klassenstufe sechs bei G8 überfordere Schüler keineswegs und sei damit auch kein Argument gegen G8.

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Sind Schüler überfordert, wenn sie in Klasse 6 eine zweite Fremdsprache lernen? „Das schürt Ängste, die völlig unbegründet sind“, meint eine Lehrerin.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Der Verein reagiert damit auf die Einschätzung einer Französisch-Lehrerin am Preetzer Friedrich-Schiller-Gymnasium, die eine solche Überforderung von Schülern nach eigenen Worten beobachtet hatte.

 Wie berichtet, schilderte die Gymnasialpädagogin eine „diffuse Vermischung“ beider Fremdsprachen in den Köpfen von G8-Sechstklässlern. Als Grund dafür nannte sie, dass Englischkenntnisse bei den Schülern noch zu wenig gefestigt seien. Zudem fehle ihnen das Abstraktionsvermögen, das zum Lernen der deutlich stärker strukturierten zweiten Fremdsprache dringend erforderlich sei.

 „Diese Argumentation schürt Ängste, die aus unserer Sicht völlig unbegründet sind“, hält FMKS-Vorstandsmitglied und langjährige Leiterin der zweisprachig ausgerichteten Altenholzer Claus-Rixen-Schule, Uta Fischer, dagegen.

 Entscheidend für den Lernerfolg sei nicht die Struktur von Sprachen und deren Vermittlung, sondern allein die Qualität des Unterrichts. Welch enorme Bedeutung dabei den fachlichen, didaktischen und pädagogischen Fähigkeiten der Lehrer zukomme, belegten beispielsweise die weltweit beachteten Studien des neuseeländischen Schulforschers John Hattie.

 Aus Sicht von Prof. Henning Wode, emeritierter Sprachwissenschaftler am Englischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität Kiel und FMKS-Vorstandsmitglied, gibt es keinen Grund, sich vor einer „Vermischung“ von Sprachen in Schülerköpfen zu fürchten: „Die Zahl von Sprachen, die ein menschliches Gehirn verarbeiten kann, ist nicht begrenzt.“

 Das erfolgreiche Lernen von Sprachen setze weder ein besonderes Abstraktionsvermögen noch hohe Intelligenz voraus. Forschungen hätten gezeigt, dass für die Qualität des Fremdsprachenerwerbs andere Faktoren viel entscheidender seien: intensiver Umgang mit der neuen Sprache, ein möglichst früher Beginn, Dauer des Fremdsprachenkontaktes sowie eine dabei vermittelte Themenvielfalt, die auch den Alltag der Schüler mit einbeziehe.

 Vor dem Hintergrund dieser Erfolgsfaktoren kommt der oft erst auf weiterführenden Schulen einsetzende Fremdsprachenunterricht für Wode viel zu spät. Auch hier zeigten Forschungen, wie wichtig erste Kontakte zu einer Fremdsprache bereits im Kindergartenalter für den späteren Lernerfolg seien. Eine Überforderung für Kita-Kinder sei dies keineswegs: „Sie erschließen sich die Bedeutung der neuen Begriffe spielerisch mithilfe von Bildern oder Gesten der Betreuer. Aus diesen Angeboten nehmen sie das für sich heraus, was sie lernen wollen.“

 Unabhängig von der G8-/G9-Diskussion setzt sich der Verein Frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen vehement für die so genannte Immersion (englisch to immerse: eintauchen) möglichst schon in den Grundschulen ein. Dabei werden in einer Fremdsprache, in der Regel Englisch, alle Fächer unterrichtet, nur nicht das Fach Deutsch. Erprobt wurde diese „Sprachbad“-Methodik an der Altenholzer Claus-Rixen-Grundschule, die damit 1999 als erste staatliche Schule in Deutschland eine Pilotfunktion übernahm.

 Die wissenschaftliche Evaluation der bilingualen Methodik zeigt nach Angaben Wodes Erstaunliches: Nach vier Jahren waren die Viertklässler an der Claus-Rixen-Schule fast so fit in Englisch wie ihre Altersgenossen in Großbritannien. Aber laut der Studie waren sie auch nicht schlechter im Fach Deutsch als Schüler ohne bilingualen Unterricht. Diese Ergebnisse deckten sich auch mit international erhobenen wissenschaftlichen Untersuchungen zur Immersion.

 Insofern führt die Diskussion über G8 und G9 nach Ansicht des FMKS zumindest für den Bereich der Fremdsprachen am eigentlichen Problem vorbei: der viel zu spät einsetzende Kontakt der Kinder mit einer Fremdsprache. „Doch dazu benötigen wir sprachlich entsprechend qualifizierte Erzieher und Grundschullehrer“, sagt Uta Fischer bedauernd, „und mehr Einsicht in die Notwendigkeit, wie wichtig intensive und frühe Förderung in diesem Bereich ist.“

 Die CDU will im Fall eines Wahlsiegs das Turbo-Abi G8 an den Gymnasien in Schleswig-Holstein abschaffen. Das kündigte Landes- und Fraktionschef Daniel Günther an. Die landesweite Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9) begründete er damit, dass Schüler mehr Zeit zum Lernen bräuchten. Alle anderen Parteien im Landtag lehnten einen Systemwechsel ab."

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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