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Nachtschicht in der Notaufnahme

UKSH in Kiel Nachtschicht in der Notaufnahme

Das Blaulicht des Rettungswagen ist von weitem zu sehen. Als er vor der Notaufnahme des Uniklinikums hält, ist das Team schon informiert. Es dauert nur 90 Sekunden, bis ein Arzt und zwei Pflegekräfte mit dem Patienten im Schockraum verschwinden.

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Alltag in der Notaufnahme: Krankenschwester Susanne Lorenz (links) nimmt einen Mann, der mit starken Schmerzen in die Notaufnahme gekommen ist, in Empfang.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Die dritte Pflegekraft am Tresen versucht, dessen Ehefrau zu beruhigen. Alltag für das Team der Notaufnahme – doch für Patienten und ihre Angehörigen eine Extremsituation.

Die Notaufnahme: ein Schockraum, zwei Röntgenzimmer, acht Patientenzimmer mit 16 Betten, dazu zwei Röntgenräume, ein Raum für kleinere Eingriffe, ein Gipsraum, das Wartezimmer, die Anmeldung, ein Arztzimmer, ein Personalraum, Toiletten – das ist die gemeinsame Notaufnahme für die Unfallchirurgie/Orthopädie und die Neurologie/Neurochirurgie. Doch wenn die anderen Ambulanzen des Klinikums abends, nachts und an Wochenenden geschlossen sind, dann landen bis auf die internistischen Patienten alle Notfälle hier. Und dann kann es eng werden. 30 Patienten und mehr sind dann gleichzeitig in der Notaufnahme. Die Folge: stundenlanges Wartezeiten für Patienten, eine außerordentlich hohe Belastung für das Personal.

Das sind die Bilder aus der Nacht in der UKSH-Notaufnahme.

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Sonnabend, 18 Uhr. Mit neun Patienten in den Zimmern und drei im Wartezimmer ist die Situation entspannt. Dennoch ist die Stimmung zum Teil gereizt. Eine Patientin will ihre Rückenschmerzen abklären. Seit Stunden warte sie, klagt sie und möchte endlich vor die Tür zum Rauchen. „Tut mir leid, aber ist nicht möglich“, sagt eine Krankenschwester. Die Patientin ist genervt. Sie wird ein paar Stunden später auf eigene Verantwortung nach Hause gehen. Ohne Behandlung.

„Warum dauert das so lange? Die müssen uns doch wenigstens mal sagen, wann wir dran sind. Wir sitzen schon fast fünf Stunden hier“, sagt ein Mann im Wartezimmer. Eine Frau widerspricht: „Die ganz schlimmen Fälle gehen vor, und wenn ein neuer dazukommt, dann stimmt der Zeitplan nicht mehr.“ „Dann brauchen die mehr Personal“, sagt der Mann. Eine Angehörige läuft weinend aus dem Raum. Es ist die Frau des Notfallpatienten. Es sind nicht die einzigen Tränen in dieser Nacht.

Ein anderer Patient beschwert sich später darüber, dass es nicht einmal einen Snack-Automaten gibt, nur Mineralwasser – und lässt sich eine Pizza kommen. „Bis abgeklärt ist, ob sie operiert werden, sollen die Patienten nichts essen. Sonst müssen wieder sechs Stunden vergehen bis zur OP“, erklärt Susanne Lorenz. Die erfahrene Krankenschwester hat den Triage-Dienst: Sie nimmt bei jedem neuen Patienten die Beschwerden auf, spricht mit Notarzt und Rettungssanitätern, schätzt den Grad der Behandlungsbedürftigkeit vor. Davon hängt die Reihenfolge ab. Und damit die Wartezeit.

Oberarzt Dr. Michael Müller ist an diesem Wochenende für die orthopädisch-unfallchirurgische Versorgung verantwortlich. Das bedeutet: sechs Stunden Vollarbeitszeit, sechs Stunden Bereitschaftsdienst, zwölf Stunden Rufbereitschaft – das wiederholt sich von Freitagmorgen neun Uhr bis Montagnachmittag. Familienleben, Freizeit und Hobbys werden dreieinhalb Tage zwangsweise auf Eis gelegt. Denn in der Rufbereitschaft darf der Arzt zwar zuhause sein, muss aber jederzeit sofort in den OP oder die Notaufnahme kommen können.

Eigentlich soll jeder Oberarzt nur alle fünf Wochen solch einen Wochenenddienst haben. Doch durch Kündigungen könne es einen auch mal zwei Mal im Monat treffen. „Wir sind im Moment gebeutelt, Nachbesetzungen sind extrem schwierig“, sagt Müller, „die Arbeit ist zwar sehr interessant, aber die Belastung auch sehr hoch.“ Vier Ärzte sollen aktuell allein in der Orthopädie/Unfallchirurgie fehlen.

21 Uhr. Die Nachtschicht beginnt. Drei Pflegekräfte, eine Fachärztin für Neurologie, ein Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, zwei Assistenzärzte und eine Verwaltungskraft sind jetzt das Team. Hört sich viel an. Aber die Ärzte haben zum Teil nur Bereitschaftsdienst und müssen bei Bedarf auf die Stationen oder in den OP. Kann es da passieren, dass kein Arzt in der Notaufnahme ist? Soll nicht sein, aber kommt vor, sagen mehrere Mitarbeiter unabhängig voneinander. Bei einem akuten Notfall komme aber sofort ein Arzt. Aber die Wartezeit für andere Patienten werde länger. Was hatte Oberarzt Müller gesagt? „Notfallmedizin ist personalaufwendig und muss so ausgestattet sein, dass sie funktioniert.“

17 Patienten sind jetzt in der Notaufnahme. 22 weitere kommen in den nächsten Stunden hinzu: ein Junge aus der Kinderklinik, eine 95-Jährige, die sich an ihrem Geburtstag abends das Bein gebrochen hat, ein Mann im Wachkoma, eine junge Frau, die vor Wochen gestürzt ist und noch immer Nackenschmerzen hat, vier verletzte Besucher des Freiwild-Konzertes, von denen einer sagt: „Ich kann gerne die ganze Nacht warten, ein Hotel war mir nämlich zu teuer.“ Und dann sind da noch vier Patienten mit einem Keim(-verdacht). Das bedeutet Isolation, Mehraufwand für das Pfleger und Ärzte, zusätzliche Zimmerreinigungen. Aber die Reinigungskraft ist ohnehin da: Betrunkene Patienten haben in Zimmer uriniert und sich übergeben. Vor allem aber können Isolierzimmer nur mit einer Person statt doppelt belegt werden. Kämen jetzt noch mehr Patienten, müssten sie auf dem Flur liegen.

6 Uhr früh. Vier der 39 Patienten sind noch in der Notaufnahme. Das Team sieht abgekämpft aus. Die Neurologin hat auch im Bereitschaftdienst (maximal 50 Prozent Arbeitszeit) durchgepowert. Die Frühschicht übernimmt. Zwei Pflegekräfte haben am Tag davor bis 21 Uhr gearbeitet. Nur neun Stunden zwischen zwei Schichten? Eine Dienstvereinbarung macht solch einen Schaukeldienst im UKSH möglich.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Krankenschwester Karin Manske (59) im Schockraum in der Interims-Notaufnahme: Akutpatienten werden hier von Ärzten und Pflegekräften versorgt.

In der Diskussion um Notfallbehandlungen hat sich nun UKSH-Vorstandschef Prof. Jens Scholz geäußert. Er verwies auf die Unterfinanzierung und die Interimslösung bis zur Fertigstellung der zentralen Notaufnahme Ende 2017.

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