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Medien für Ältere oft unverständlich

Undeutliche Aussprache Medien für Ältere oft unverständlich

Ob Nachrichtensendung, Spielfilm oder Talkshow: Ältere Bürger können nach Einschätzung des Landesseniorenrats und der Ärztekammer die Wortbeiträge im Fernsehen und Radio rein akustisch nicht mehr verstehen. Deshalb gibt es jetzt eine „Kampagne für eine deutliche Sprache“.

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Gerade für ältere Menschen ist das Fernsehen ist wichtig für die gesellschaftliche Teilhabe. Doch das Zuhören fällt vielen immer schwerer.

Quelle: imago stock&people

Kiel. „Viele Senioren schalten ab“, warnt der Vorsitzende des Seniorenbeirats, Peter Schildwächter. „Wenn älteren Menschen das Zuhören durch undeutliches Sprechen erschwert wird, beschleunigt das den Weg in die Isolation“, ergänzt Kammer-Präsident Franz Bartmann.

 Vater der „Kampagne für eine deutliche Sprache“ ist der Kieler Gesundheitsökonom Prof. Fritz Beske (93). „Gerade das Fernsehen hat für viele alte Menschen eine zentrale Bedeutung und ist wichtig für die gesellschaftliche Teilhabe“, betont der frühere Sozial-Staatssekretär. Mittlerweile habe jedoch grob geschätzt ein Drittel der Bevölkerung Schwierigkeiten, das gesprochene Wort in Radio und Fernsehen inhaltlich zu erfassen. „In diesem Bereich fehlt ein Problembewusstsein“, diagnostiziert der Mediziner. „Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion.“

 Besonders zwei Verhaltensweisen in den Medien sieht Beske als Ursache für das schwindende Verständnis der Zuschauer. „Es wird viel zu schnell gesprochen“, meint er. Zudem würden die Sprecher in Radio und Fernsehen am Ende eines Satzes häufig Silben oder ganze Wörter verschlucken. Der zweite Knackpunkt sei die mangelhafte Artikulation, also etwa eine undeutliche Aussprache. Kommt beides zusammen, könnten gerade ältere Zuschauer und Zuhörer kaum noch folgen.

Politiker reden im Eiltempo

 Im Visier hat Beske insbesondere Politiker. Sie würden dazu neigen, vor Mikrofon oder Kamera im Eiltempo zu reden. „Sie wollen viel sagen und sprechen möglichst schnell. Aber dann wird es von den Menschen nicht verstanden. Dann kann man es sich gleich sparen“, bilanziert Beske. Als „systemischen Fehler“ bezeichnet er die Praxis, Wortbeiträge mit Hintergrundmusik zu unterlegen. Ebenso wie bei Simultanübersetzungen mit lautem Originalton würde die Hintergrundgeräusche das Hören und Verstehen der eigentlichen Botschaft stören oder sogar überlagern.

 Auch das „schlechte Benehmen in Talkshows“ sei für Senioren und Hörgeschädigte ein Problem: wenn zwei oder mehr Gäste gleichzeitig reden, werde das zwar gern als „lebendige Diskussion“ bezeichnet, allerdings könne kaum ein Zuhörer inhaltlich folgen. Dasselbe gelte für Radiosendungen, in denen mehrere Moderatoren sich Bälle in Sekundenschnelle zuwerfen.

 „Die Medien sollten mehr auf ihre Sprecher achten“, empfiehlt Beske. „In Deutschland wird jedes Gram Brot kontrolliert. Warum gibt es keine Überprüfung, ob die Medien ausreichend verständlich sind?“ Dabei gehe es ihm nicht nur um professionelle Sprecher, sondern auch um Verbandsvertreter, Wissenschaftler und befragte Bürger. „Alle sprechen, um verstanden zu werden. Wenn sie zu schnell und undeutlich sprechen, kommt die Botschaft nicht an.“ Es würde helfen, wenn sich jeder vermehrt um eine verständliche Sprache bemühte.

NRD erhielt viele Zuschriften von Zuschauern

 Beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) ist das Thema bekannt. „Sprachverständlichkeit im Fernsehen hat für die NDR-Programmverantwortlichen eine große Bedeutung. Nicht zuletzt aufgrund vieler Zuschriften von Zuschauern nehmen wir dieses Thema sehr ernst“, betont eine Sprecherin. Allerdings habe der Sender nicht auf alle Faktoren Einfluss. So könne es durch die Empfangsgeräte oder die „nicht optimale“ Mischung von Sprache und Geräuschen zu Problemen kommen. Die Sprecher seien jedoch in aller Regel geschult.

 FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki, oft Gast in Talkshows und als „Schnellredner“ bekannt, nimmt die Kampagne und die Hinweise interessiert zur Kenntnis: „Ich weise aber zugleich darauf hin, dass die frühere Ministerpräsidentin Heide Simonis wie ein Maschinengewehr gesprochen hat. Geschadet hat es ihr aber offensichtlich nicht: Sie zählt zu den beliebtesten Ministerpräsidenten, die dieses Land je hatte.“

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