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Die gefährliche Abkürzung über die Gleise

Warnung der Bundespolizei Die gefährliche Abkürzung über die Gleise

Die Bundespolizei warnt davor, auf Gleisen zu laufen. 85 Menschen sind allein in den ersten zehn Monaten 2015 in Deutschland zu Tode gekommen, weil sie abkürzen oder ein Selfie auf den Gleisen machen wollten. Akut ist das Problem auf der Strecke Kiel-Melsdorf: Bis zu 20 Mal pro Tag queren Menschen nach Zeugenaussagen die Gleise in Mettenhof.

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Ortstermin in Kiel: Bundespolizist Michael Hiebert schaut sich an, wo die Leute den Weg über die Gleise nehmen. Ein Trampelpfad führt zur Bahnstrecke.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Eine Familie, die von der Wohnung direkt auf die Schienen zwischen Mettenhof und Melsdorf schaut, erlebt seit Jahren, dass immer mehr Menschen über die Gleise laufen statt die Fußgängerbrücke zu nutzen, die nur wenige Meter entfernt steht. „Es sind vor allem Spaziergänger, Jogger und Angler, die zum Rothen Teich wollen, aber auch Eltern mit Kindern“, sagt die Anwohnerin. „Schon vor Jahren habe ich verschiedene Stellen darauf aufmerksam gemacht. Das hat aber nichts genutzt.“ Vor allem im Sommer würde man die Warnsignale der Lokführer an dieser Stelle hören.

 In dieser Woche wurden die Anwohner Zeuge eines weiteren Vorfalls: „Eine Frau auf einem Pferd querte mit einem zweiten Pferd am Strick und einem Hund die Gleise. Das erste Pferd scheute sogar und stieg. Da dachte ich, jetzt ist Schluss. Diese Leute gefährden ja nicht nur sich, sondern sind im schlimmsten Fall ja auch für Verletzte oder Tote im Zug verantwortlich. Oder für Lokführer, die traumatisiert und berufsunfähig werden.“

 Die Frau meldete sich bei unserer Zeitung, die umgehend die Bundespolizei um Stellungnahme bat. Wenige Stunden später folgte ein Ortstermin in der Wohnung der Zeugen. „Ich bin sehr dankbar für den Hinweis, denn in unserem Gefahrenatlas ist diese Stelle bisher nicht verzeichnet“, erklärte Michael Hiebert, Präventionsbeauftragter der Bundespolizei Kiel. Wenige Minuten später dann der nächste Vorfall: Eine ältere Dame überquerte – sichtlich nicht mehr gut zu Fuß – mit ihrem Hund die Gleise. Nur zweieinhalb Minuten später donnerte der Zug vorbei.

 Die Bundespolizei ist viel gewohnt, in Schleswig-Holstein vergeht keine Woche, ohne dass Personen im Gleisbett gemeldet werden. „Aber dass das hier offenbar normal ist, erschüttert mich. Das ist lebensgefährlich“, befand Hiebert. Argumente wie „Ich kenne doch den Fahrplan“ oder „Man hört doch, wenn ein Zug kommt“ sind für ihn Unsinn. Die Züge seien heute deutlich leiser als früher, bei ungünstigen Windverhältnissen sei es schon zu spät, wenn man den Zug höre. „Hier fahren die Züge zwar relativ langsam, legen aber auch noch bis zu 100 Meter in 22 Sekunden zurück. Ein Zug mit 100 Stundenkilometern steht bei einer Gefahrbremsung erst nach etwa 800 bis 1000 Metern.“ Außerdem können Züge später oder früher kommen als vorgesehen. Bautrupps und Güterzüge stehen gar nicht im Fahrplan, sind also unkalkulierbar.

 Den Vorschlag der Anwohner, die Stelle durch einen hohen Zaun zu sichern, lehnt die Deutsche Bahn ab. „Das müssen wir nicht und das können wir auch nicht. Jeder weiß, dass es verboten ist, das Gleisbett zu betreten“, sagt Egbert Meyer-Lovis von der Bahn. Wer dagegen verstoße, müsse mit einem Ordnungsgeld oder einer Geldbuße von bis zu 5000 Euro rechnen. Wird der Bahnbetrieb konkret gefährdet, könne das sogar als Straftat mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren geahndet werden.

 Michael Hiebert wird jetzt die Polizei vor Ort informieren und mit den Kollegen verstärkt an der Strecke kontrollieren – auch in Zivil. Außerdem sollem Info-Veranstaltungen angeboten werden. „Dieses lebensgefährdende Verhalten kann nicht akzeptiert werden“, so Hiebert. Er denkt dabei auch an einen Trend, der sich von Süddeutschland aus verbreitet: Teenager, die sich auf den Gleisen mit dem Handy fotografieren und das Foto im Netz als Sinnbild ewiger Freundschaft hochladen – ein Selfie, das mit dem Tod enden kann.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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