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Zwei Dörfer fürchten die Container

Weeden und Sierksrade Zwei Dörfer fürchten die Container

Unverständnis und Fassungslosigkeit in den kleinen Dörfern Groß Weeden und Sierksrade: Das Innenministerium plant, ab November auf dem Gelände einer ehemaligen Großdiskothek, die genau zwischen beiden Dörfern liegt, schrittweise eine neue Erstaufnahme-Einrichtung für bis zu 1500 Flüchtlinge zu errichten.

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Am kommenden Wochenende steigt die letzte Party, dann kommen die Flüchtlinge: Torben Koop aus Sierksrade vor dem Zaun, der das Gelände der Großdiskothek umgibt.Leo Bloom

Quelle: Tim Poser

Rondeshagen/Kiel. Bürgermeister, Amtsleiter und Landrat wurden von dem Vorhaben „völlig überrascht“, die Skepsis der Bevölkerung in den beiden Gemeinden ist groß.

 „Ich bin am Dienstagabend über die Pläne des Landes informiert worden, tags darauf hat das Innenministerium seine Pläne bereits öffentlich gemacht", sagt Andreas Albrecht. Der 51-Jährige ist Bürgermeister der Gemeinde Rondeshagen im Kreis Herzogtum Lauenburg. Eine Chance, die Einwohner des Ortsteils Groß Weeden zuerst über das Vorhaben der Landesregierung zu informieren, hatte er nicht. „Wir haben große Bedenken gegen das Vorhaben“, sagen er und seine Amtskollegin aus Sierksrade, Iris Runge. Vor allem die Dimensionen der Unterkunft bereiten den Ehrenamtlern gewaltige Sorgen. In Groß Weeden leben nur 60 Menschen, im angrenzenden Sierksrade sind es 300 Einwohner.

 Das Land beteuert, Details der Einrichtung eng mit den Verantwortlichen vor Ort abstimmen zu wollen und Anregungen zu prüfen. Fest steht allerdings bereits, dass die Flüchtlinge in insgesamt 375 Wohncontainern untergebracht werden. Bis Ende November sollen bereits 200 Plätze in 50 Containern, bis Ende Dezember weitere 900 Plätze in zusätzlichen 225 Containern geschaffen werden. Bis Ende Januar 2016 ist dann die Installation von weiteren 100 Containern geplant, hat Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler angekündigt. „Allein unsere Infrastruktur erfüllt die Kriterien nicht mal im entferntesten“, sagt Albrecht. Die Kläranlage sei nur für 500 Menschen ausgelegt, das Frischwassersystem marode. Busse fahren nur morgens und mittags, um die Schulkinder zum Unterricht und wieder zurückzubringen. Geschäfte, Restaurants, geschweige denn einen Imbiss sucht man vergeblich.

 „Das Einzige, was es hier gibt, das ist ein Bolzplatz“, sagt Torben Koop. Ungläubig steht der 22-Jährige vor dem schweren Gitter, das die Diskothek umgibt. Jahrzehnte lang war die „Ziegelei“ an den Wochenenden ein Magnet junger Menschen, die in besseren Zeiten zu Hunderten in dem Zweckbau Partys feierten. „Zuletzt war da aber immer weniger los, an diesem Wochenende soll die letzte Party stattfinden“, sagt Koop. Was er davon halten soll, dass bereits in drei, vier Wochen die ersten Flüchtlinge in Wohncontainern in direkter Nachbarschaft einziehen sollen, weiß er noch nicht. „Natürlich ist es unsere Aufgabe, Notleidenden Menschen zu helfen“, bekräftigt er. Nur werde es eine Herausforderung. „1500 Flüchtlinge sind eine gigantisch hohe Zahl für ein kleines Dorf wie unseres“, argumentiert Koop.

 „Das sind schlichtweg zu viele Menschen am falschen Ort“, sagt ein Anwohner, der künftig unmittelbar an der Erstaufnahme-Einrichtung wohnen wird. Seinen Namen möchte der 70-Jährige nicht nennen. „Wenn man öffentlich Kritik übt, wird man ja gleich als Rechter abgestempelt“, klagt er. Nur ist der Rentner in großer Sorge: „Was sollen diese Menschen denn hier, weit abgelegen von den Städten, den ganzen Tag über machen, hier passiert doch nichts.“ Seit dem die Nachricht über die Pläne des Innenministeriums im Dorf die Runde gemacht hätten, seien Unruhe und Unverständnis groß. „Es wäre schön gewesen, wenn man uns von Anfang an in die Planungen eingebunden hätte“, sagt Kerstin Westphal-Buß. Das Land habe nichts aus Fällen wie den Anwohnerprotesten in Lübeck gelernt. „Uns wird das einfach übergestülpt“, klagt die 34-Jährige. „Hier werden bald schon sehr viel mehr Flüchtlinge als Einwohner leben, für die der Ort keine interessante Infrastruktur zu bieten hat“, bekräftigt Mandy Czarniak. Auch die 33-Jährige ist in Sorge – nicht zuletzt wegen möglicher Konflikte mit rechten Gruppierungen, die durch die Unterkunft angelockt werden könnten.

 Ginge es nach Bürgermeister Albrecht, würde das Vorhaben gestoppt. „Doch ich weiß, dass wir alle uns keinerlei Illusionen machen sollten, die Pläne noch verhindern zu können“, sagt er. Aber: „Ich verlange, dass das Ministerium kurzfristig die Bürger zu einer Versammlung einlädt, um offen und ehrlich über die Erstaufnahme-Einrichtung zu informieren.“

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