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Wissenschaftler streiten um Massentötung

Geflügelpest Wissenschaftler streiten um Massentötung

Die Tötung von 3800 Gänsen in Dithmarschen hat eine Kontroverse zwischen der Kieler Biochemikerin und Zellbiologin Prof. Karina Reiß und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) ausgelöst.

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Prof. Dr. Karina Reiß, Dermatologin am UKSH, kritisiert die amtliche Vorgehensweise im Umgang mit der Geflügelpest

Quelle: Ulf Dahl

Kiel/Gudendorf. Für Reiß ist die Tötung der Tiere „ungeheuerlich und unethisch“, weil in den Geflügelbetrieben nur ein wenig gefährlicher H5-Virus festgestellt wurde. Habeck hält die Tötung für notwendig und stützt sich dabei auf die Expertise der Wissenschaftler vom Friedrich-Loeffler-Institut.

 Seit Dienstag werden 2000 Gänse in einem Mastbetrieb in Gudendorf und 1800 Gänse in einem Zuchtbetrieb in Eddelak getötet. Habeck handelt rechtlich auf sicherem Boden. Die Geflügelpestverordnung sagt eindeutig: Der gesamte Bestand muss getötet werden, auch wenn nur ein wenig krankmachender H5-Virus nachgewiesen wird. Das ist in Dithmarschen der Fall. Verendet an dem Virus ist dort nach Auskunft des Landwirtschaftsministeriums kein Tier. Laut Ministerium tragen die Tiere das Virus in sich und können es über Ausscheidungen weiterverbreiten. Deshalb sei die Tötung aller Tiere erforderlich.

 „Das ist ohne Frage hart. Es sollten grundsätzlich möglichst wenig Tiere ohne Zweckverwendung sterben. Aber es gilt natürlich: Je kleiner die Bestände sind, desto weniger Tiere müssen bei Ausbruch getötet werden“, sagt Habeck. Er hält die Regelung angesichts der bundesweiten Ausbreitung des H5N8-Virus für angemessen. „Es gilt zu verhindern, dass die Viren des Subtyps H5 in dem Geflügel spontan zu einer hochpathogenen Form mutieren und sich weiterverbreiten.“ Die Erfahrungen mit Geflügelpest hätten gezeigt, dass dies tatsächlich vorkomme.

 Reiß, die die Kieler Sektion vom Excellenzcluster Entzündungsforschung leitet, widerspricht: Ein Übergang eines ungefährlichen H5-Virus in eine gefährliche Form sei in der Tierhaltung noch nie beobachtet worden. „Was sich aktuell abspielt, ist deshalb ein übertriebener Aktionismus.“ Tiere würden unnötig getötet, Bürger unnötig verunsichert. Reiß fordert die Änderung der Geflügelpestverordnung. Sie bezweifelt, dass im Land die hochpathogene Form von H5N8 sicher nachgewiesen ist. Habeck verweist auf Untersuchungen des Friedrich-Loeffler-Instituts. „Im Betrieb in Grumby sind in kürzester Zeit zirka 3000 Hennen verendet. Das Virus hat sich also in Windeseile im Bestand ausgebreitet.“ Solch schnelles, massives Sterben gilt als typisch für die hochpathogene Form.

 In einem sind sich die Kontrahenten einig: Bisher ist keine Infektion mit H5N8 bei Menschen bekannt. „Das Virus ist nicht auf uns ‚getunt‘, der Mensch ist nicht für H5N8 empfänglich“, sagt Reiß. So weit will Habeck nicht gehen. Er zitiert das Bundesinstitut für Risikobewertung: „Eine Übertragung des Erregers (H5N8) über infizierte Lebensmittel ist theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Robert Habeck hat schnell reagiert. Kaum war das H5N8 Virus in verendeten Reiherenten bei Plön nachgewiesen, hat er die Geflügelpestverordnung umgesetzt, fast täglich die Öffentlichkeit über seine Schritte informiert und dem Bundeslandwirtschaftsminister Beine gemacht.

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