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Zahl der Transitflüchtlinge stark rückläufig

Bericht von Studt Zahl der Transitflüchtlinge stark rückläufig

Durchatmen: Mit dem schnellen Ausbau der Unterbringungskapazitäten hat Schleswig-Holstein die Erstaufnahme von Flüchtlingen nach Ansicht von Innenminister Studt zurzeit im Griff. In diesem Jahr rechnet er mit 50.000 Flüchtlingen, rückläufig sind Transitflüchtlinge.

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Für das gesamte Jahr 2015 rechnet Studt mit etwa 50.000 Flüchtlingen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Alarmstimmung in der Erstaufnahmeeinrichtung am Kieler Nordmarksportfeld mit ihren 764 Schlafplätzen: Vergangene Woche stellte das Notärzteteam bei einem Kind akute Windpocken fest. Aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr wurde seine ganze Familie sofort isoliert und ein Aufnahmestopp für Babys unter elf Monaten angeordnet. Sämtliche Bewohner mussten in den vergangenen Tagen zur Impfung erscheinen. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, stellte die DRK-Einrichtungsleiterin Ilka Hübner (61) fest.

Am Mittwoch hielt Innenminister Stefan Studt (SPD) seine wöchentliche Pressekonferenz zur Flüchtlingslage in der Container-Anlage ab und kündigte für Städte und Gemeinden während der Weihnachtsferien eine Atempause an. Anders als der Bund setzt das Land vom 23. Dezember bis zum 3. Januar seine Flüchtlingszuweisungen aus, nachdem man für November und Dezember die Zahlen jeweils bis auf 6000 erhöht hatte. „Wir haben in den Ersteinrichtungen hinreichend Platzreserven“, sagte er. Bis zum Jahresende rechne Schleswig-Holstein mit 50000 Flüchtlingen. Ursprünglich hatte sich das Land auf bis zu 60000 eingestellt. Ziel sei es, dauerhaft 25000 Plätze in den Erstaufnahmen vorzuhalten und Reserven einzuplanen. Aktuell stellt das Land 12600 Plätze.

Seit Einführung von Grenzkontrollen in Schweden ist die Zahl der Transitflüchtlinge in Schleswig-Holstein deutlich zurückgegangen. In den vergangenen Tagen hätten täglich etwa 300 bis 400 Flüchtlinge über Flensburg oder die schleswig-holsteinischen Fährhäfen nach Norden weiterreisen wollen, sagte Innenminister Stefan Studt (SPD) am Mittwoch in Kiel. Vor Einführung der Grenzkontrollen Mitte November seien es oft 1000 Flüchtlinge täglich gewesen.

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Beim Rundgang über das Gelände besichtigte der Minister auch einen Container, den eine Familie am Morgen gerade verlassen hatte. Zwei Stockbetten, vier aufeinander gestapelte Stühle, vier Spinde und ein Tisch: Hier wird es sehr schnell sehr eng. Die Viererbelegung wolle er möglichst schnell auf drei oder sogar nur zwei Bewohner reduzieren, sagte Studt. Und Überbelegungen wie in Neumünster seien dringend zu beseitigen. Der Innenminister warnte allerdings vor Erwartungen, dass die geringeren Zugangszahlen der vergangenen Tage bedeuten, dass sich die Flüchtlingsproblematik von allein erledigen dürfte. „Die Zahlen könnten durchaus wieder steigen.“

Am Nachmittag wollte Studt zur Innenministerkonferenz nach Koblenz reisen und sagte mit Blick auf den geplanten Bundeswehreinsatz, wie wichtig es sei, die Fluchtursachen zu bekämpfen. „Im Moment sorgt man allerdings eher dafür, dass noch mehr Menschen die Gegend verlassen.“ Auch in den nächsten Monaten werde das Land deshalb den Ausbau von Erstaufnahmen konsequent fortsetzen. Dazu zählen Einrichtungen in Eggebek, am Niemannsweg in Kiel, wo noch in diesem Jahr 300 Menschen einziehen könnten, in Lütjenburg und in Rendsburg. Im nordfriesischen Seeth sollen die Kapazitäten von 833 auf 1600 Plätze verdoppelt werden.

Unterdessen ist die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ungebrochen. Allein am Nordmarksportfeld, wo sich etwa 200 feste Mitarbeiter um einen reibungslosen Ablauf bemühen und jeden Tag etwa 50 neue Flüchtlinge ankommen, sind über 60 Ehrenamtler tätig. „Wir haben für die freiwilligen Helfer lange Wartelisten“, sagte DRK-Einrichtungsleiterin Hübner. Auch die Spendenbereitschaft sei überwältigend – so groß, dass man nicht alles annehmen könne. Es gibt eine Schule, einen Kindergarten, mit der Kieler Uni hat man eine Kooperation für Freizeitpädagogik geschlossen. Dort würden gerade Räume hergerichtet. Geplant ist unter anderem eine Frauengruppe. Der Regen der vergangenen Tage jedoch hat den Boden auf dem Areal längst in Schlamm verwandelt. Trotzdem lief dort am Vormittag ein junger Mann in Strümpfen und Badelatschen herum. „Niemand muss hier ohne feste Schuhe herumlaufen“, stellte Ilka Hübner klar. Die Kleiderkammer habe dreimal in der Woche geöffnet, und für den, der nichts Passendes in seiner Größe findet, habe das DRK Landesmittel zur Verfügung gestellt. Man hole Preisangebote ein und könne im Notfall nicht nur Schuhe, sondern auch warme Kleidung kaufen. Warum der Mann trotzdem nur Socken trug? „Viele wollen ihre Schuhe nicht schmutzig machen.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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