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Zeitumstellung: Ein Unsinn wird 100 Jahre alt

Sommerzeit Zeitumstellung: Ein Unsinn wird 100 Jahre alt

An diesem Wochenende feiern wir 100 Jahre Unsinn staatlich verordneten Unsinn. Am 30. April 1916 führte die deutsche Reichsregierung die Zeitumstellung ein. Auch in der Nacht zum Ostersonntag werden wir unsere Uhren um 2 Uhr wieder mal um eine Stunde auf Sommerzeit vorstellen müssen – obwohl alle wissen, dass das Unsinn ist.

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In der Nacht zu Ostersonntag werden die Uhren auf Sommerzeit vorgestellt. Sinn macht das nicht.

Quelle: Sebastian Willnow/dpa

Kiel. Die Reichsregierung hatte sich seinerzeit was bei der Zeitumstellung gedacht. Das Deutsche Reich befand sich mitten in Ersten Weltkrieg, auch die verheerende Schlacht von Verdun mit all ihrem Wahnsinn tobte in vollen Zügen. Alles, was den Kriegsparteien zur Verfügung stand, wurde für das Gemetzel verheizt – ob Mensch oder Material. Entsprechend wertvoll war auch noch die kleinste Ressource, erst recht die Energie. Durch die Verschiebung der Zeit um eine Stunde versprach sich die Regierung das Einsparen von Energie. Sie dachte sich: An den langen Sommerabenden brauchen wir dann weniger Beleuchtung. Und durch mehr Tageslicht können wir die Arbeitskraft der Industrie besser nutzen. Gedacht, getan. Ziemlich bald merkten die viele Kriegsgegner, dass die Uhren in Deutschland anders ticken – und drehten auch an ihren.

Bis heute jedoch hat die Politik offenbar nicht begriffen, dass wir inzwischen in anderen Zeiten leben. Es ist gerade mal 14 Jahre her, dass die Europäische Union nach langem Ringen – per Richtlinie 2000/84/EG – festlegte, dass die Sommerzeit dauerhaft, EU-weit und für alle Mitgliedsstaaten verbindlich sei. Sollte wohl heißen: Widerstand ist zwecklos.

 Weil trotzdem allerlei Leute rummurrten, ließ die EU-Kommission das Ganze 2007 nochmals genauer angucken. Ihr Fazit: Die Auswirkungen der Sommerzeit fielen kaum ins Gewicht. Die Stromersparnis liege bei weniger als 0,2 Prozent. Aber: Die am stärksten von der Sommerzeit betroffenen Wirtschaftssektoren hätten die Sommerzeit „in ihre Aktivitäten integriert“ und würden „deren Existenz nicht mehr infrage stellen“. Das sollte wohl heißen: Die Wirtschaft hat sich mit dem Unsinn abgefunden. Ändern wollte die EU damals nichts – weil kein EU-Mitgliedsstaat Bedenken geäußert habe.

 Weil trotzdem allerlei Leute rummurrten, ließ der Deutsche Bundestag das Ganze nochmals genauer angucken. Sein eigenes „Büro für Technikfolgen-Abschätzung“ (TAB) stellt jetzt fest: Das 2007 von der EU-Kommission gezogene Fazit kann „nach heutiger Erkenntnislage als nach wie vor gültig rechtet“ werden. Und weiter: „Die Effekte der Sommerzeit auf den Energieverbrauch können sowohl positiv wie negativ sein und sind in den meisten Fällen sehr gering bzw. zu vernachlässigen.“ Das soll wohl heißen: Der von der EU 2007 belegte Unsinn ist immer noch Unsinn. Darüber hinaus stellte die TAB-Bilanz fest, dass die untersuchten Analysen „vermehrte Hinweise“ darauf geben, dass viele Menschen lange brauchen oder es gar nicht schaffen, ihren Bio-Rhythmus anzupassen. Mediziner sprechen von einem „Mini-Jetlag“, der Effekte wie Müdigkeit, Einschlafprobleme, Konzentrationsstörungen und Gereiztheit bis hin zu depressiven Verstimmungen nach sich ziehe. Um darüber Genaueres zu erfahren, sei laut TAB-Bilanz „weitere Forschung notwendig“.

 Die Umstellung ist also unsinnig und belastet viele Menschen. Ändern wird sich aber immer noch nichts, auch das geht aus der TAB-Untersuchung hervor. Denn sie macht deutlich, dass eine einseitige, nationale Aufkündigung nicht möglich ist. Die EU-Richtlinie könne jedoch nur im Rahmen eines ordentlichen Gesetzgebungsverfahrens auf EU-Ebene geändert werden. Man könnte auch sagen: Nicht mal einen solchen Unsinn kann Europa gemeinsam bewältigen.

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