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Neue Trauer, aber keine neue Angst

Leitartikel Neue Trauer, aber keine neue Angst

Mit einem Messer auf Frauen am Strand einzustechen – das ist, bei allem Leid, das so eine Tat auslöst, kein Zeichen von Stärke des selbst ernannten Kalifats. Es ist vielmehr ein Ausdruck jämmerlicher Schwäche, meint Matthias Koch.

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Bald wird wieder das Thema Tauchen das Thema Terror verdrängen – das macht die Taten von Hurghada noch sinnloser.

Quelle: dpa

Hannover. Was wollen islamistische Eiferer erreichen, die an einem ägyptischen Strand mit dem Messer auf deutsche Frauen losgehen? „Angst in die Herzen der Ungläubigen werfen“, wie es ihre radikalen Prediger fordern? Eine furchterregende Botschaft in die westliche Welt senden?

Gewiss, der Terror schafft jetzt neue Trauer. Er lässt Angehörige und Freunde weinend zurück. Er ist auch politisch ein Rückschlag, denn er stärkt wieder jene, die allerorten möglichst viel Misstrauen säen wollen entlang nationaler, ethnischer und religiöser Trennlinien. Die Entwicklung in Richtung der einen rundum vernetzten modernen Welt wird wieder mal ein bisschen gebremst, zumindest vorläufig.

Eins aber schafft dieser Terror nicht: Er versetzt nicht die Welt in Angst. Im Gegenteil. Man wird den Eindruck nicht los, der „Islamische Staat“ stoße an Grenzen. Seine Internetbotschaften, in denen mit blitzendem Säbel der Untergang des Westens an die Wand gemalt wird, stehen im Widerspruch zum tatsächlichen Geschehen. Ja, der IS schafft es immer wieder, junge Leute zu gewinnen, vorneweg die psychisch labilen. Doch nach Ausdehnung eines weltumspannenden Kalifats sieht es derzeit ehrlich gesagt nicht aus.

Hier ist zur Abwechslung mal eine Botschaft in die umgekehrte Richtung, an die Aktivisten des IS: Ihr macht euch lächerlich. Wer mit dem Messer auf Frauen am Strand einsticht, zeigt nicht Stärke, sondern Schwäche. Jämmerlicher geht es nicht. Man muss keinen Doktor in Psychologie haben, um darauf zu kommen, dass solche Taten nun mal nicht als Demonstration von besonderer Macht empfunden werden.

Ein Angriff ist es natürlich, eine Provokation. Auch ein Grund, nun noch enger zusammenzurücken in jenen weltweiten Allianzen, die sich vorgenommen haben, den IS zu vernichten. In Syrien liegt darin immerhin ein gemeinsamer Nenner für Russen und Amerikaner. Im Irak, im lange umkämpften Mossul, hat der IS soeben eine seiner letzten Bastionen verloren. Es sieht weltpolitisch alles in allem nicht gut aus für den IS. Ob er die nächsten Jahre überhaupt überleben kann als eine wie auch immer geartete historisch wirksame Kraft, ist offen, man sollte darauf nichts wetten.

Der IS ist der gemeinsame Feind aller rechtstreuen modernen Menschen, in der islamischen wie in der westlichen Welt. Das sollte jeder bedenken, der nun für sich in einer ersten emotionalen Reaktion Reisen in die islamische Welt ausschließt. Nach dem Terror am Breitscheidplatz brachen auch in Berlin die Buchungen ausländischer Touristen ein. Inzwischen aber gehört die Besichtigung der Gedächtniskirche wieder zum Alltag von Touristen aus aller Welt. In Hurghada wird es ähnlich sein; bald wird wieder das Thema Tauchen das Thema Terror verdrängen. Dies alles macht den traurigen neuen Terror so vollständig und unendlich sinnlos.

Von Matthias Koch

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