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Pariser zurück im Nachtleben

Nach Anschlägen Pariser zurück im Nachtleben

Der Terror von Paris hat die Generation Nachtleben verunsichert. Doch eine Woche nach den Anschlägen holen sich die jungen Leute ihr Ausgehviertel zurück. Der Drink in der Hand wird zur Demonstration: Hier sind wir!

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Eine Woche nach den Anschlägen holen sich die jungen Leute ihr Ausgehviertel zurück.

Quelle: Loic Venance/AFP

Paris. „Das ist unser Viertel!“ Anna Bessis zeigt mit dem Drink in der Hand die Straße entlang. Zwei Ecken weiter hat der Terror etwa im „Café Bonne Bière“ oder gegenüber im „Casa Nostra“ blutige Wunden im Osten von Paris hinterlassen. Eine Woche später tasten sich die 23-jährige Bessis, ihre Freunde vor dem „Nun's Café“ und viele andere junge Pariser in ihr Ausgehviertel zurück.

„Die haben uns angegriffen“, sagt Bessis. Viele der bisher 130 Todesopfer waren in ihrem Alter. „Wir sind alle davon betroffen.“ Dann wird die Stimme der jungen Frau wird ganz fest: „Wir müssen weitermachen. Das ist unser Leben. Wir leben hier, wir feiern hier.“

Wochenende im Osten von Paris. Ganze Straßenzüge der Stadtteile, die als zehntes und elftes Arrondissement bezeichnet werden, verwandeln sich in den Nächten zu Partyzonen. Der Musikclub „Bataclan“ liegt hier — genauso wie alle anderen Restaurants und Bars, die von den Anschlägen vor einer Woche betroffen waren. Wer hier wohnt, wer hier ausgeht, kam um die Läden kaum herum.

Keine politischen Zusammenhänge

Der Terror in Paris hat neue Objekte im Visier. Mit dem Satiremagazin „Charlie Hebdo“ lässt sich eine Meinungsfreiheit verbinden, die auch vor religiösen Themen nicht innehält. Der koschere Supermarkt, ebenfalls Ziel im Januar, mag als Symbol für jüdisches Leben stehen. Doch die jüngsten Anschläge von Paris hatten keine Ziele, bei denen politische Zusammenhänge auf der Hand zu liegen scheinen.

Nun fühlt sich eine ganze Generation angegriffen. „Wir sind alle 25/35.“ Die Zahlenformel steht für Tristan Pena für Leute in seinem Alter. Der 29-Jährige ist mit 17 Freunden ins „Les Fabricants“ gekommen. „Eine Freundin von uns ist von den Attacken betroffen, sie hat uns zusammentelefoniert.“ Natürlich seien alle gekommen. Zum Reden, zum Essen, zum Rauchen und zum Trinken. Wie immer.

Fast wie immer. Viele der Bars, Restaurants und Kneipen, die sich an der Rue du Faubourg du Temple oder Rue Oberkampf aneinanderdrängen, sind noch nicht wieder voll besetzt. Tische sind frei, die sonst am Wochenende nur mit Wartezeit zu bekommen sind. An üblicherweise überfüllten Theken lässt sich noch ein Platz ergattern.

Die vier jungen Männer vor der Bar „U.F.O“ haben aber gar keine Zweifel, dass sie genau jetzt genau hierhin gehören. „Wir stehen hier mit erhobenen Häuptern“, sagt Frédérique Pré (35), „für die IS-Terroristen ist hier kein Platz“. Sein Kumpel Romain Wiel nickt neben ihm. „Das Leben geht weiter“, sagt der 28-Jährige, und dann kommt ein Satz, der in diesen Tagen häufig auch mit Trotz und Stolz vermischt zu hören ist: „Wir haben keine Angst!“

Ein Abend wie jeder andere?

Sophie Crochet (24) und Anne Leclercq (27) sind sich in der „Clown Bar“ zunächst nicht ganz einig, ob dies nun ein Abend ist wie jeder andere. „Aber natürlich ist das in jedem Kopf, in jedem Gespräch“, sagt Crochet. Leclercq nickt: „Jeder hier kennt jemanden, der von den Anschlägen betroffen ist. Wir denken viel daran.“ Sie greift zum Rotweinglas und prostet ihrer Freundin zu. Das Leben geht weiter, der Abend geht weiter.

Im „Salon de thé“ freut sich der 16-jährige Hugo Seviran, das Blau-Weiß-Rot der französischen Fahne in diesen Tagen immer häufiger als Symbol des Zusammenhalts zu sehen. Für seine 17 Jahre alte Begleiterin Eva Bernon ist es zwar Zufall, dass sie gerade hier in dieser Bar sitzen. Das Viertel dagegen ist für sie kein Zufall.

Kurz zuvor waren die beiden Teenager noch wenig weiter „am Republik“. Auf dem symbolträchtigen Platz neben dem Monument mit der französischen Marianne-Statur hat sich wie bei „Charlie“ auch nach den jüngsten Anschlägen ein zentraler Ort des Gedenkens entwickelt. In der Menge ist Club-Musik zu hören. Plötzlich beginnen einige junge Leute zu tanzen. Schnell werden es mehr und mehr, die Kälte, Regen und Trauer trotzen wollen. Im Rhythmus der Musik skandieren sie die französische Grundformel eines offenen Landes: „Liberté! Égalité! Fraternité!“ Sie tanzen weiter. Für ihre Freiheit.

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Ein Artikel von
Deutsche Presse-Agentur dpa

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