16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
SPD in Sorge: Kann Schulz das noch toppen?

Mister 100 Prozent SPD in Sorge: Kann Schulz das noch toppen?

Mit einem Rekordergebnis hat die SPD Martin Schulz zum SPD-Chef und Kanzlerkandidaten gekürt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer erstaunlichen Begeisterungswelle. Die derzeit einzige Sorge der Genossen: Wie kann Schulz das noch steigern?

Voriger Artikel
Steinmeiers Einzug ins Schloss Bellevue
Nächster Artikel
Spalten statt versöhnen

Der neue SPD-Chef und Kanzlerkandidat: Martin Schulz.

Quelle: imago

Berlin. Den Zettel mit dem Wahlergebnis nimmt er mit. Womöglich braucht er ihn noch mal. Wenn die Flitterwochen vorbei sind. Wenn der politische Alltag beginnt. Wenn er an seinen Parteifreunden verzweifelt. Man weiß ja nie bei dieser SPD.

Zum Start schenken die Sozialdemokraten ihrem neuen Chef allerdings einen Traumstart ins Amt. 605 von 605 abgegebenen Stimmen bekommt Martin Schulz. Es sind tatsächlich 100 Prozent. Das beste Ergebnis aller SPD-Vorsitzenden seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ist dann doch eine kleine Überraschung am Ende eines Tages, der bis in kleinste Detail besprochen, durchgeplant und -choreografiert worden ist.

Acht Wochen. Länger ist es noch gar nicht her, dass Sigmar Gabriel beiseitegetreten ist und Martin Schulz als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat. Doch ist in diesen acht Wochen derart viel passiert, dass die Zeit davor wirkt wie aus einem anderen Jahrzehnt. Mindestens.

d4a264a0-0c93-11e7-8d10-48e479910a23

Schumacher, Ollenhauer, Brandt: Die SPD hat große Vorsitzende hervorgebracht. Wer holte bei Parteitagen die meisten Prozente, wer waren die Loser?

Zur Bildergalerie

Martin Schulz hat der SPD einen Energieschub beschert, wie es zuletzt Gerhard Schröder Anfang 1998 gelungen ist. Er hat einer Partei, die am Boden lag, neues Leben eingehaucht. Hat der CDU vor Augen geführt, dass Wahlsiege keine Selbstverständlichkeit sind. Und dem Land hat er gezeigt, dass es am 24. September tatsächlich eine Wahl hat.

Die Frage, wie das eigentlich möglich war, wird Meinungsforscher, Politikwissenschaftler und Spindoktoren noch über Jahre beschäftigen. Zumal der Auftakt alles andere als gelungen war.

Die Inszenierung stimmt

Berlin, 24. Januar. Ein Paukenschlag erschüttert die Hauptstadt. Die SPD-Gremien sitzen zusammen, um über den Kanzlerkandidaten zu beraten. Sigmar Gabriel wird es machen, da sind sich alle sicher. Doch dann kommt der „Stern“ mit der politischen Nachricht des Jahres heraus: Gabriel will nicht, zieht sich vom Parteivorsitz zurück. Kaum einer wusste vorher Bescheid, selbst Spitzengenossen erfahren die Entscheidung aus den Medien.

Die hektisch einberufene Pressekonferenz am Abend ist ein unwürdiges Schauspiel. Gabriel erklärt beinahe rotzig, warum er alles richtig gemacht haben will. Schulz ergeht sich in Rührung. Von Aufbruchstimmung ist an diesem Abend nur wenig zu spüren.

f6484a18-0caa-11e7-8d10-48e479910a23

Die SPD ist dafür bekannt, es ihren Vorsitzenden nicht immer leicht zu machen. Deswegen haben wir prominente SPD-Politiker gefragt: Schafft es die SPD endlich mal, wieder nett zu ihrem Vorsitzenden zu sein?

Zur Bildergalerie

Das ändert sich fünf Tage später. Die SPD hat zur Vorstandsklausur ins Willy-Brandt-Haus geladen, und das Organisationsteam um Bundesgeschäftsführerin Juliane Seifert hat ganze Arbeit geleistet. Die Inszenierung stimmt, die Stimmung ist bombastisch – und Schulz hält eine viel beachtete Rede, in der er sein wichtigstes Wahlkampfthema benennt: Gerechtigkeit.

Am Rande der Veranstaltung hält ein Anhänger zum ersten Mal eines der an den Obama-Wahlkampf angelehnten „Mega“-Plakate in die Kameras. Es ist der Anfang des Hypes um Martin Schulz. Vor allem im Internet mutiert der Mann aus Würselen zum regelrechten Kultobjekt. Die proeuropäische und mehrheitlich eher links orientierte Internetgeneration begeistert er im Handumdrehen für sich.

Für das klassische Arbeitermilieu, die Enttäuschten und diejenigen, die der SPD den Rücken gekehrt haben, muss er schwerere Geschütze auffahren. Sie wollen mehr als ein Bekenntnis für Europa, sie wollen etwas Handfestes. Es dauert vier Wochen, ehe Schulz liefert.

Womöglich hilft das private Glück

Bielefeld, 20. Februar. Der Kanzlerkandidat steht vor einem Baugerüst. Schutzhelme, Warnwesten, Arbeitshandschuhe. „Dass ich die SPD glücklich mache, das macht mich glücklich“, sagt Schulz. Und dann verrät er, wie er auch die klassische SPD-Klientel wieder glücklich machen will: Indem er die Bezugszeit beim Arbeitslosengeld I für ältere Arbeitnehmer verdoppeln will.

Er trifft einen Nerv, tritt eine riesige Debatte los. In den folgenden Tagen und Wochen beherrscht nur noch ein Thema die Zeitungen, Talkshows und Onlineportale. Die Agenda 2010 und die Frage, ob und wenn ja, welche Korrekturen an dem Reformprogramm nötig sind. Und die SPD legt in den Meinungsumfragen um gut 10 Prozent zu.

Wie es in diesen Tagen in Sigmar Gabriel aussieht, kann man nur erahnen. Eigentlich müsse es brodeln in dem Mann, der sich siebeneinhalb Jahre für die Partei abgerackert hat, und dem die Herzen nie so zuflogen sind wie seinem Nachfolger innerhalb kürzester Zeit. Gabriel stürzt sich in die Arbeit, absolviert als Außenminister einen Antrittsbesuch nach dem nächsten. Und er wird noch ein drittes Mal Vater. Womöglich hilft das private Glück, über den beruflichen Frust hinwegzukommen. Aber auch Schulz versucht, den Mann, den er seinen Freund nennt, nach Kräften aufzufangen.

Der Ruhm verblasst mitunter sehr, sehr schnell

Wolfenbüttel, 15. März. Es ist der erste große gemeinsame Auftritt des alten und des künftigen Parteichefs nach der Klausurtagung vom Januar. Gabriel hat hier seinen Wahlkreis, will sich erneut als Direktkandidat nominieren lassen. Schulz betritt also Gabriel-Land – wenn es das überhaupt noch gibt.

Es wird ein sehr emotionaler Abend. Und es wird sehr viel Positives über Sigmar Gabriel gesagt. Vor allem Schulz überschlägt sich in seiner Rede geradezu mit Lob. Und er sinniert über die Härten der Politik. „Was macht es mit mir, wenn ich einen Höhenflug habe? Und was macht es mit mir, wenn Menschen mir das Vertrauen entziehen?“, fragt er. Seine Botschaft ist, dass Sigmar Gabriel beides erlebt habe und sich trotzdem treu geblieben sei.

Mann kann die Rede aber auch anders verstehen: Der eine, Martin Schulz, hat gerade den Höhenflug seines Lebens, während dem anderen, Sigmar Gabriel, das Vertrauen entzogen worden ist.

Am Ende, als gerade die Stimmen ausgezählt werden, laufen die ersten Hochrechnungen zu den niederländischen Parlamentswahlen über die Ticker. Binnen Sekunden ist Martin Schulz umringt von Kameras, Mikrofonen, Aufnahmegeräten. Und während er seine Deutungen über die Verteidigung der niederländischen Demokratie herunterbetet, posiert Sigmar Gabriel völlig unbehelligt mit Kindern für Selfies. Als amtierender SPD-Chef und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland.

Macht wird in Demokratien nur auf Zeit vergeben. Und der Ruhm, das zeigt sich an diesem Abend in gnadenloser Deutlichkeit, verblasst mitunter sehr, sehr schnell.

Vielleicht hat Gabriel das im Hinterkopf, als er zum letzten Mal als SPD-Chef vor einem Parteitag spricht. „Da müsst ihr jetzt noch mal durch“ sagt er. Maximal 20 Minuten soll der scheidende Vorsitzende reden, am Ende werden es über 50. „Es gibt keinen Grund für Melancholie“, sagt er. Besser habe der Stabwechsel doch gar nicht laufen können. Als Gabriel danach nicht aufhören will zu reden, unken die ersten Genossen bereits, vielleicht habe er es sich doch noch einmal überlegt. Aber dann macht der alte Chef die Bühne frei für den neuen.

Martin Schulz hält keine brillante Rede, aber das muss er an diesem Tag auch nicht. Es fehlt die große Erzählung, es fehlt an Programmatik. Dafür gibt es Emotionen im Überfluss. Und genau das ist es, was die Delegierten nach Jahren des Jammers von ihrem neuen Vorsitzenden wollen.

„Hey Gottkanzler“

Schulz greift ganz tief in die Schublade mit der SPD-Prosa. Er bewerbe sich um den Vorsitz einer Partei, die den Nationalsozialismus bekämpft habe, die in der DDR verboten gewesen sei. Die das Frauenwahlrecht erkämpft und die Teilnahme Deutschlands am völkerrechtswidrigen Irak-Krieg verhindert habe. Jeder einzelne Satz wird begeistert beklatscht, selbst Banalitäten führen zu Jubelstürmen. Vermutlich könnte Schulz auch das örtliche Telefonbuch vorlesen, die Delegierten wären trotzdem aus dem Häuschen. Ein ergrauter Sozialdemokrat sagt es nachher so: „Wie damals bei Willy.“ Tatsächlich fällt der Name des großen Vorsitzenden an diesem Tag noch öfter. Auch Schulz bezieht sich in seiner Rede ausdrücklich auf Willy Brandt. Natürlich liegt darin auch eine Gefahr. Dass Schulz die riesigen Erwartungen, die nun an ihn gerichtet werden, am Ende enttäuscht. Die Wahrscheinlichkeit ist nicht mal klein: Denn während der frühere Bürgermeister des freien Berlins seinerzeit den Aufbruch in eine demokratischere und friedlichere Zukunft verkörperte, steht der frühere Bürgermeister von Würselen für das Versprechen, die gute, alte Bundesrepublik wiederherzustellen.

Am Ende eines aus SPD-Sicht gelungenen Tages bleibt die Frage, wie Schulz jetzt eigentlich weitermachen will. Die innerparteiliche Euphorie ist inzwischen so groß, dass sie sich kaum noch steigern lässt. Schon in der vergangenen Woche hatte SPD-Urgestein Rudolf Dressler in einem Radiointerview mit der Antwort gezögert, als ihm die Frage gestellt wurde, ob Schulz über das Wasser laufen könne. Immerhin sei es ja schon ein kleines Wunder, was der Kandidat bewirkt habe, meinte er.

Der CDU-Nachwuchs nimmt das zum Anlass für eine kleine Gemeinheit. Mit einem Boot fahren die jungen Konservativen an der SPD-Parteitagshalle im Berliner Bezirk Treptow vorbei. Über der Reling hängt ein Banner. „Hey Gottkanzler“, steht darauf. „Wenn du über das Wasser laufen kannst – komm rüber.“

Man muss inzwischen fürchten, dass mancher in der SPD selbst das nicht mehr für ausgeschlossen hält.

Von RND/Andreas Niesmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Politik aus der Welt 2/3