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Frust und Freude bei Türken in Deutschland

Türkei-Referendum Frust und Freude bei Türken in Deutschland

Das Ergebnis der Abstimmung wurde auch bei den in Deutschland lebenden Türken gespannt erwartet. Die Stimmung richtete sich nach dem „Ja“ oder „Nein“-Lager. Viele wollen aber lieber gar nicht über Politik reden.

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In der Türkei und in Berlin feierten einige den "Sieg" von Erdogan.

Quelle: Emrah Gurel/dpa

Berlin/Marxloh. Der politische Riss in der türkischen Gesellschaft zeigt sich auch bei der Wahl der Kneipe am Abend der Abstimmung über die umstrittene Verfassungsänderung. Die Nachrichten verfolgten Türken in Deutschland auch in Cafés und Restaurants - allerdings strikt getrennt nach den Lagern der Anhänger und der Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

So etwa in Berlin-Kreuzberg: Knapp 100 Kurden und eher links eingestellte Türken, viele von ihnen Unterstützer der Partei HDP, versammeln sich bis zum frühen Abend in der Bar „Südblock“ am Kottbusser Tor. Es wird diskutiert, aber die meisten sitzen gespannt auf ihren Klappstühlen und verfolgen die Übertragung der Auszählung in den türkischen Fernsehsendern.

„Wir hoffen natürlich, dass es mit Nein ausgeht“, sagt Methap Erol, Sprecherin des Berliner Vereins der HPD, am frühen Abend. Gegen 18.00 Uhr liegt das „Nein“-Lager mit 46,8 Prozent hinten und Erol seufzt. „Es ist eng, aber ich habe noch Hoffnung.“ Immer mehr Menschen kommen in die Bar. Am Eingang ist Gedränge.

Hoffnung bis zum Schluss

Als aus den großen Städten Istanbul, Izmir und Ankara, wo die Mehrheit gegen Erdogan stimmte, die Zahlen bekannt werden, klatschen alle. Die 29-jährige Basak meint: „Ich habe Hoffnung bis zum Schluss.“ Ihre Freundin Asli sieht das anders. „Ich glaube nicht, dass es ein „Nein“ wird. Die Verfassungsänderung wird kommen. Das wirft das Land sehr, sehr weit zurück.“ Je näher das Ergebnis rückt, desto mehr wächst die Aufregung. Jeder Prozentpunkt nach oben oder unten wird mit einem Klatschen oder einem Seufzer begleitet.

Nicht alle Türken in Berlin sind gegen Erdogan. Schon am Nachmittag verkünden manche Fans des Präsidenten etwas vorzeitig ihre Begeisterung mit einem Autokorso. Ein englischer Journalist twittert: „Feiern sind bereits im Gang. Eine Autokolonne fährt hupend und mit wehenden türkischen Fahnen durch die Reinhardtstraße.“ Murat, 32, hat einen Kiosk direkt am Kottbusser Tor und verfolgt die Auszählung über einen kleinen Fernseher. „Erdogan tut unserem Land doch gut. Warum soll er nicht mehr Macht bekommen?“

Erdogan spricht von Sieg, Gegner gehen nach Hause

Als Erdogan am Abend erstmals von einem Sieg spricht, gehen in der Kreuzberger Bar viele seiner Gegner frustriert nach Hause. Andere bleiben und zweifeln an dem knappen vorläufigen Ergebnis. Befürchtete Aggressionen auf den Straßen unterbleiben aber, die Berliner Polizei spricht von einem ruhigen Tag und Abend.

Auf der Weseler Straße in Duisburg-Marxloh ist im Moment des Erdogan-Triumphes nur wenig vom Frust der Gegner oder Jubelstimmung des „Ja“-Lagers zu spüren. Türkische Familien gehen spazieren, in den Cafés sitzen die Männer zusammen. Hupend zieht das eine oder andere Auto vorbei, kein Korso, keine aufgeregten Debatten. Im Gegenteil. „Wir sagen dazu nichts“, meint ein älterer Mann am Grillstand. „Erdogan wird bei den Deutschen eh viel zu schlecht dargestellt.„“

Marxloh: Misstrauen wird überall deutlich

Marxloh, für die einen ein bunter Multikulti-Pott, für andere ein Mahnmal für misslungene Integration, zeigt sich verschlossen am Abend des Referendums. Der Stadtteil im Duisburger Norden ist geprägt von hoher Arbeitslosigkeit. Rund 64 Prozent der Marxloher haben heute einen Migrationshintergrund, Türken prägen das Straßenbild.

Das Misstrauen gegenüber deutschen Journalisten wird überall deutlich. „Erdogan hat die Türkei zu dem gemacht, was das Land heute ist“, meint Ayshe Bal. „Heute ist das Kopftuch erlaubt, man kann wählen, was man möchte, das Land ist erfolgreich.“ Allerdings werde die Türkei in Deutschland mit zweierlei Maß gemessen. „Das geplante neue türkische System ist zum Beispiel vergleichbar mit dem US-amerikanischen. Und über die sagt niemand was“, kritisiert die 29-Jährige in einer Imbissbude. Ihre Mutter zeigt sich enttäuscht über das knappe Wahlergebnis. „Ich hatte mit einer deutlicheren Mehrheit gerechnet“, sagt sie.

Autokorso in Berlin

Ein Mitarbeiter der Bäckerei auf der anderen Straßenseite ist da weniger deutlich. „In Marxloh haben die meisten für Erdogan gestimmt“, zeigt er sich überzeugt. „Aber wir äußern uns halt nicht dazu. Politik“, sagt er. Seinen Namen will er ebenso wenig nennen wie ein älterer Türke aus Krefeld, der beim Fest vor der Moschee mit einem Freund zusammensitzt. „Es ist gut, dass es so ausgegangen ist. Erdogan ist stark, er macht uns stark“, sagt er knapp, bevor auch er sich wieder abwendet.

In Berlin beginnen unterdessen erste Feiern auf den Straßen. Am Kurfürstendamm tanzen mehr als 100 junge Türken, schwenken rot-weiße Fahnen und rufen: „Erdogan, Erdogan“. Autokorsos umrunden hupend das Europacenter und die Gedächtniskirche. Die Stimmung ist ausgelassen wie nach WM-Spielen - auch wenn es diesmal um Politik geht.

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