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Sandaufspülungen gegen Klimawandel

Wattenmeer Sandaufspülungen gegen Klimawandel

Die Regierung will in den nächsten Jahrzehnten mindestens 150 Millionen Tonnen Sand in das schleswig-holsteinische Wattenmeer kippen. Das kündigte Umweltminister Robert Habeck (Grüne) am Dienstag in Kiel an.

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Robert Habeck: „Steigt der Meeresspiegel, tauchen im schlimmsten Fall Wattflächen und Salzwiesen unter dem Wasser ab und verschwinden.“

Quelle: Bodo Marks/dpa

Kiel. Ziel der vom Kabinett zuvor beschlossenen „Strategie Wattenmeer 2100“ ist es, den weltweit einzigartigen Lebensraum vor der Küste trotz des steigendes Meeresspiegels zu erhalten.

„Wenn wir nichts machen, wird das Wattenmeer ertrinken“, warnte Habeck. Das hätte nicht nur Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch für den Küstenschutz. „Schließlich wird im Wattenmeer mit seinen Inseln und Halligen die Energie der Sturmfluten so gebrochen, dass die Menschen an der Küste besser geschützt sind.“

Ein Pilotversuch läuft bereits in diesem Jahr vor Sylt an. Dort will der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz erstmals untersuchen, ob der aufgespülte Sand wie angenommen wirklich Richtung Festland driftet.

Offen ist, wann die eigentliche Rettungsaktion für das Watt startet. Habeck warb dafür, bereits in einigen Jahren die geplante Vertiefung des Nord-Ostsee-Kanals zu nutzen, um Baggergut nach einer Schadstoffkontrolle im Watt zu abzulagern. „Das wäre eine Win-win-Situation“, bilanzierte der Grüne. Das Watt würde wachsen und die Urlaubsorte an der Ostsee müssten vor ihren Küsten kein Baggergut aufnehmen. Ebenso klar lehnte er eine Verklappung von Hamburger Hafenschlick im Watt ab. Grund ist die Giftbelastung. Der Schlick wird derzeit vor Helgoland verklappt.

Bei Fragen zum Zeitplan der Wattaktion und zum Umfang der Maßnahmen verwies Habeck auf zwei Modellrechnungen, die der Landesbetrieb mit einem Expertenteam aufgestellt hat. Variante eins geht von einem gemäßigten Klimawandel (plus 1,8 Grad bis Ende des Jahrhunderts) aus. In diesem Fall würde der Nordseespiegel um 50 Zentimeter steigen. Folge: Bis 2050 müssten rund 150 Millionen Tonnen Sedimente im Wattenmeer abgekippt werden, und das an bestimmten Driftpunkten wie etwa den Außensänden, damit die Flut die Stoffe verteilt und der Wattboden bis zum Festland langsam aufwächst.

Gerechnet haben die Experten des Landesbetriebs auch ein Worst-case-Modell. Diese Variante zwei geht von einem ungebremsten Klimawandel (plus 3,7 Grad bis Ende des Jahrhunderts) und einem Anstieg des Meeresspiegels von 80 Zentimetern aus. In diesem Fall wären absehbar mehrere hundert Millionen Kubikmeter Sand nötig, damit das bislang teils trockenfallende Wattenmeer nicht zu einer flachen Meeresbucht wird.

Mit Blick auf dieses Szenario warb Habeck eindringlich für mehr Klimaschutz. Seine Forderung an den Bund: Die Große Koalition müsse sich nicht nur wortreich zur Reduzierung des CO 2-Ausstoßes (bis 2050 auf 20 Prozent der 1990 festgestellten Emissionen) bekennen, sondern endlich auch die nötigen Weichen dafür stellen.

Auf Schleswig-Holstein kommen so oder so gigantische Kosten für die Rettung des Wattenmeers zu. Ein Vergleich: Die Sandvorspülungen auf Sylt (eine Million Tonnen pro Jahr) kosten rund 6,5 Millionen Euro. Damit würde schon die positive Modellvariante (gemäßigter Klimawandel) knapp einer Milliarde Euro verschlingen.

Habeck geht davon aus, dass die bis 2050 nötige Wattverstärkung jahresweise geschehen könnte (insgesamt jeweils vier Millionen Tonnen) und die Aktion aus dem regulären Etat für den Küstenschutz (60 bis 70 Millionen Euro im Jahr) bezahlt werden kann. Dazu müsste allerdings der Bund mitziehen. Er stellt den Löwenanteil der Küstenschutzmittel bereit.

Mit der Wattaktion ist Schleswig-Holstein Vorreiter an der Nordseeküste. Niedersachsen und Dänemark haben keine vergleichbare Strategie, um ihr Wattenmeer vor dem Untergang zu bewahren.

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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