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Ein Festakt mit Verspätung

70 Jahre Landtag Ein Festakt mit Verspätung

Es war die bisher wildeste Party im Landeshaus: Bei der Einweihung des Plenarsaals 1950 wurde kräftig gezecht. Deutlich gesitteter dürfte es am Dienstag zugehen, wenn der Landtag seinen 70. Geburtstag mit gut 400 geladenen Gästen feiert.

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Der erste ernannte Landtag wurde am 26. Februar 1946 eröffnet – über dem Podiumstisch im Neuen Stadttheater sowohl die britische Fahne als auch das schleswig-holsteinische Wappen. Am rechten Tischende sitzt Oberpräsident Theodor Steltzer, vier Plätze neben ihm Militärgouverneur Brigardier G.P. Henderson.

Quelle: Nordmarkfilm

Kiel. Vor 70 Jahren beschwerte sich der Hausmeister am nächsten Morgen über „Brandlöcher in den neuen Clubsesseln, menschliche Exkremente aller Art auf dem Plattenfußboden und Urinspuren an den frisch gestrichenen Wänden“.

 ,,Der Landtag ist älter als das Land Schleswig-Holstein“, betont Parlamentspräsident Klaus Schlie (CDU). Der Landtag habe bereits am 12. Juni 1946 eine vorläufige Landesverfassung verabschiedet, während die britische Militärregierung erst am 23. August die preußische Provinz Schleswig-Holstein zum Land und Kiel zu dessen Hauptstadt machte. Der Haken: Die gefeierte Verfassung war ein knappes Organisationsstatut, das nur ein halbes Jahr gelten sollte und mangels Zustimmung der Briten nie in Kraft getreten ist. Auch sonst nimmt es das Parlament mit seinem Festakt nicht so genau. Der erste, noch von der Besatzungsmacht ernannte Landtag, trat bereits am 26. Februar 1946 zusammen – und zwar im Kieler Neuen Stadttheater, dem heutigen Schauspielhaus.

 Genau dort wollen heute aktive Politiker wie Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) und alte Polit-Haudegen wie Ex-Grünen-Fraktionschef Karl-Martin Hentschel über den demokratischen Neubeginn nach dem NS-Regime diskutieren. Ein Blick in die Protokolle der ersten Landtagsmonate zeigt, dass die Politiker damals im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Krisen lösen mussten. Auf der Tagesordnung standen der Kampf gegen den Hunger (die Tagesration betrug teils nur 1000 Kalorien), gegen Seuchen wie TBC und gegen die große Wohnungsnot im Flüchtlingsland Nummer eins. Zu den kleineren Sorgen zählten die Schulen, in deren Klassen sich im Schnitt 82 Schüler mit und teils ohne Schuhe drängten.

 Ein Startproblem ist mittlerweile gelöst. In den ersten Nachkriegsjahren forderten Vertreter der dänischen Minderheit im Landtag trotz lautstarker Proteste, den Landesteil Schleswig abzutrennen und ihn der Militärregierung zu unterstellen. Im jahrelangen Grenzkampf war der Landtag nicht zimperlich. Er führte eine 7,5-Prozent-Sperrklausel ein, um den SSW aus dem Parlament zu halten. Das Bundesverfassungsgericht wies die Nordlichter in die Schranken. Mit der Bonn-Kopenhagener Erklärung 1955 wurden die Minderheiten dies- und jenseits der Grenze anerkannt und damit die Weichen für ein friedliches Miteinander gestellt.

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