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Eine Partei zerfällt

Alternative für Deutschland Eine Partei zerfällt

Am Abend des 14. September 2014 war die Welt der AfD noch in Ordnung. Alle lagen sich überglücklich in den Armen. Mit zweistelligen Ergebnissen zog die „Alternative für Deutschland“ in die Landtage von Thüringen und Brandenburg ein, nur eine Woche, nachdem sie auch in Sachsen an die Zehn-Prozent-Marke gekommen war.

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Spitze der Landes-AfD steht zu Lucke

AfD-Parteichef Bernd Lucke droht seiner Partei mit einer Abspaltung, auch wenn er das bestreitet.

Quelle: Patrick Seeger/dpa

Berlin. Nichts schien Deutschlands jüngste Partei auf ihrem Durchmarsch in die Parlamente noch aufhalten zu können.

Acht Monate später tobt eine Schlammschlacht. Viel spricht dafür, dass die AfD auseinanderbricht, und das hat mit dem Siegestaumel vom Herbst zu tun. Die Wahlerfolge in Ostdeutschland haben jene gestärkt, die sich an einem rechten Populismus orientieren wollen, wie er sich bei den Pegida-Aufzügen in Dresden zeigte. Der Euro-kritische Kurs des stets etwas spröde wirkenden Parteigründers Bernd Lucke ist ihnen zu elitär, sein wertkonservativ eingefärbter Wirtschaftsliberalismus nicht zugkräftig genug. Dem norddeutschen Hochschulprofessor schwebt nämlich so etwas wie eine rechte FDP vor – in der Wirtschaftspolitik liberal, aber gesellschaftspolitisch streng konservativ. Seine innerparteilichen Konkurrenten – die Wahlsieger von Sachsen, Brandenburg und Thüringen, Frauke Petry, Alexander Gauland und Björn Höcke, dazu Konrad Adam – wollen die AfD dagegen als Partei der kleinen Leute etablieren und dabei bis hart an den rechten Rand gehen. Sie sehen die Partei als Sammelbecken der Unzufriedenen und Frustrierten, offen auch für Ressentiments, etwa gegen Ausländer oder Muslime.

Es gärte schon länger. Bernd Lucke stellte zunächst die Parteistruktur mit drei Vorsitzenden an der Spitze in Frage. Neben ihm sind das Frauke Petry und Konrad Adam. Lucke will, dass es nur noch einen Sprecher gibt – ihn. Er begründet das mit größerer Professionalität, aber selbstverständlich ging es von Anfang an um die Ausrichtung der Partei. Dass der Machtkampf nicht schon früher eskalierte, lag wohl auch an den Landtagswahlen in Hamburg und Bremen. Der AfD gelang zwar der Einzug in die Stadtparlamente, aber beide Male reichte es nur für knapp über fünf Prozent.

Nun, da der entscheidende Parteitag Mitte Juni immer näher rückt, kommt es zum offenen Showdown. Lucke droht seiner Partei mit einer Abspaltung, auch wenn er das bestreitet. Zusammen mit seinen Getreuen – dazu zählen vor allem seine AfD-Kollegen im Europaparlament und einige führende Landespolitiker – hat er die Initiative „Weckruf 2015“ gestartet. Darin wird mit scharfen Worten ein innerparteilicher Putsch beklagt. „Unser Engagement für eine gute Sache darf nicht für die Zwecke derer missbraucht werden, die aus der AfD eine radikale, sektiererische Partei von Wutbürgern machen möchten“, heißt es in dem zweiseitigen Gründungsaufruf.

Der Aufruf appelliert zwar an die Mitglieder, die Partei nicht zu verlassen, sondern sich gegen die „Umtriebe“ einiger führender AfD-Vertreter zu wehren. Doch Lucke und seine Mitstreiter geben ebenso klar zu verstehen, dass sie sich abwenden werden, sollten sie im Macht- und Richtungskampf unterliegen. „Auch wir sehen für uns keine Zukunft in der AfD, wenn die Partei nicht entschieden denjenigen Einhalt gebietet, die pöbelnd Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen oder an den politischen Rändern unserer Gesellschaft hausieren gehen.“ Die unausgesprochene Drohung der Abspaltung wird noch dadurch verstärkt, dass die „Weckruf“-Truppe einen Verein gegründet hat. Aus dem könnte eine neue Partei entstehen, wenn das Lucke-Lager auf dem Parteitag untergeht.

Der Parteigründer bestritt zwar am Dienstag Spaltungspläne. Der neu gegründete Verein sei „der Versuch, die AfD zu retten“. Doch es ist fraglich, ob sie in Luckes Sinn noch zu retten ist. Denn offenbar hat sein Weckruf kaum jemanden in der AfD erreicht. Womöglich sah die Masse der Mitglieder gar keinen Grund für ein Wachrütteln, weil ihr der Rechtskurs gefällt. Luckes Weckruf 2.0 verrät damit, wie schwach seine Position nur noch ist. Widersacher Konrad Adam verspottete den Parteigründer und seine Jünger prompt als Sekte. Der Name „Weckruf 2015“, so Adam, erinnere ihn an die Zeugen Jehovas oder an die Heilsarmee mit ihren Zeitschriften wie „Erwachet“. Die AfD vom vergangenen Herbst gibt es nicht mehr.

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Die Revolution frisst ihre Kinder – und ihren Gründer gleich mit. Nun zerlegt sich die AfD also selbst, und es zeigt sich, was Machtgier und Profilierungssucht aus politischem Führungspersonal machen können.

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