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"Offen für das, was jetzt kommt"

Anke Erdmann "Offen für das, was jetzt kommt"

Als First Lady sieht sich Anke Erdmann (43), Frau von Ulf Kämpfer (SPD), nicht. Dennoch will die seit 2009 für die Grünen als Abgeordnete im Landtag sitzende Frau des Oberbürgermeisters von Kiel zum Ende der Legislatur 2017 ihr Mandat niederlegen. Darüber spricht sie im Interview.

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Kein banger Blick nach vorn: Anke Erdmann tritt nicht wieder für die Grünen an.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Frau Erdmann, Sie wollen 2017 zum Ende der Legislatur Ihr Landtagsmandat niederlegen. Haben Sie keine Lust mehr auf Politik?

Doch, sogar viel! An mangelnder Lust oder Ideen scheitert es nicht. Aber insbesondere für die Grünen ist es wichtig, dass es in der neuen Fraktion eine gute Mischung aus Erfahrung und Frische gibt. Wir sind momentan zehn Abgeordnete, und ich bin mit Mitte 40 die jüngste Frau. Da kann es durchaus mal einen Wechsel geben.

Kleben andere zu stark am Mandat?

Ich kann nur für mich sprechen. In unserer Uni-Stadt haben wir fitte junge Frauen. Darum stellt sich mir als Kielerin eher die Frage, den Weg frei zu machen.

So viele Kieler Persönlichkeiten haben wir im Landtag nicht.

Stimmt, aber neben Monika Heinold können es ja auch jüngere Frauen sein, die eine Rolle spielen, wenn Sie sich Lydia Rudow aus der Ratsfraktion anschauen oder Aminata Touré, die Sprecherin der grünen Landesarbeitsgemeinschaft Migration und Flucht.

Sie würden Ihren Job offenbar gern einer Frau vererben.

Das entscheidet der Landesparteitag. Aber ich würde mich freuen, wenn am Ende mindestens eine Frau unter 30 für die Grünen im Landtag säße.

Niedersachsens Grüne geben per Quote jeden dritten Listenplatz an Neulinge. Sollte man das auf Schleswig-Holstein übertragen?

Aus unserer Fraktion haben alle verdient, noch einmal gewählt zu werden. Auch glaube ich, dass unsere Landesparteitage mehr auf Beständigkeit setzen, als es den Grünen unterm Strich gut tut. Aber eine weitere Quote macht es komplizierter. Es soll nicht gelten: „Links `ne Quote, rechts `ne Quote und dazwischen Quotentote.“

Die CDU hat mit einer Frauenquote aktuell richtig Probleme.

Deshalb bin ich auch für die Frauenquote. Ohne die wäre ich vermutlich nicht in die Politik gegangen und hätte mir viele Dinge gar nicht zugetraut. Aber man muss aufpassen, dass man am Ende nicht eine Frauenquote, eine Neulingsquote und eine Migrantenquote hat. Da werden alle wahnsinnig.

Haben es Frauen in der Politik immer noch schwerer?

Bei den Grünen nicht. Aber grundsätzlich schon, weil sich Frauen im Allgemeinen nicht so viel zutrauen. Ich bin mit Anfang Zwanzig von einem jungen Mann, der auch nicht mehr wusste als ich, der aber in den Ortsvorstand Göttingen wollte, als Tandempartnerin gefragt worden. Allein wäre ich nicht auf die Idee gekommen. Ich habe davon profitiert, dass es eine harte Quotierung gab und dieser Mann nicht hätte kandidieren können, wenn nicht auch eine Frau kandidiert hätte.

Robert Habeck, Ralf Stegner und Wolfgang Kubicki überlegen gerade, nach Berlin zu gehen. Dann wird’s in Kiel ganz schön langweilig, oder?

Wenn man auf Hahnenkämpfe zwischen den Herren Kubicki und Stegner steht… Ich denke, da wird sich etwas anderes entwickeln. Hoffentlich frischer. Wir brauchen jüngere Leute, Leute mit einer anderen Geschichte. Unsere Fraktion ist ziemlich homogen, die anderen ehrlich gesagt auch. Leute mit einer anderen Perspektive können auch andere Akzente setzen.

Sie sind im Landtag Vorsitzende des Bildungsausschusses, dessen Ressort weitgehend als befriedet gilt. Haben Sie alles richtig gemacht?

Wir sind noch nicht fertig. Es war gut, im Rahmen des Bildungsdialogs mehr Leute mit ins Boot zu holen. Den hätten wir Grüne uns noch intensiver vorstellen können. Als wir 2012 anfingen, war der Bildungsbereich unterfinanziert. Wir haben wirklich Boden gut gemacht. Ich behaupte nicht, dass die Unterrichtsversorgung gut wäre. Aber jahrelang ist behauptet worden, dass sie völlig ausreichend sei. Wir wollten die Karten offen auf den Tisch legen und nichts schönreden. Das wirkt. Wir Schulpolitikerinnen müssen nicht groß Rambazamba machen, wenn Gelder aus Berlin kommen wie zum Beispiel die BAföG-Mittel. Das Kabinett steckt das Geld auch so in mehrLehrerstellen. Die alte Regierung wollte in dieser Legislaturperiode 1700 Lehrerstellen abbauen, wir haben keine einzige gestrichen. Langsam gibt es eine kleine Erholung, und wir versuchen, den Schulen auch im Flüchtlingsbereich Rückendeckung zu geben.

Und haben Sie aufgrund sprudelnder Steuerquellen gerade Glück.

Richtig. Aber wir könnten das Geld ja auch für andere Dinge ausgeben. Wir setzen den Schwerpunkt klar auf Bildung  – von der Kita bis zur Uni.

Der Hochschulpakt mit einer halben Milliarde Euro für Schleswig-Holsteins Unis und Fachhochschulen wird in der Koalition als Meilenstein gewertet. Können Sie die Kritik der Opposition verstehen?

Das scheint ein kollektiver Gedächtnisverlust der Opposition zu sein, denn die größten Proteste gegen die Hochschulpolitik fanden unter Schwarz-Gelb statt: Die Uni Lübeck sollte abgewickelt, Bundesmittel für unsere Hochschulen an Niedersachsen verschenkt werden. Wir investieren deutlich mehr Geld als vor der Wahl versprochen.

Wie geht es für Sie beruflich weiter?

Ich fange an, mir darüber Gedanken zu machen. Ich könnte auf eine Referatsleiterstelle im Landwirtschaftsministerium zurück. Dort habe ich bis 2009 gearbeitet. Deshalb ist es für mich im Gegensatz zu Selbstständigen kein großer Akt zu sagen, ich mache das nicht weiter. Aber dass ich mich im landwirtschaftlichen Bereich tummeln werde, nachdem ich sieben Jahre mit Leib und Seele für mein Herzensthema Bildung eingestanden bin, ist eher unwahrscheinlich.

Das klingt so, als hätten Sie schon etwas konkret in Aussicht.

Nein, überhaupt nicht. Ich bin Mitte 40 und habe den Eindruck, ich bin noch einmal offen für das, was jetzt kommt.

Beneidenswert.

Ja, das stimmt. (lacht) Es heißt doch freie Abgeordnete. Und da ich mir von Anfang an vorgenommen hatte, nur zwei Legislaturperioden zu machen, fühlte ich mich immer flexibler. Immer meine Wiederwahl im Blick – das hätte bei mir sicher zu Verhärtungen geführt.

Und zu schlechter Politik?

Vielleicht nicht mehr so mit dem Herzen, sondern mit Blick auf Parteitagsmehrheiten. Das ist keine Kategorie von schlecht oder gut.

Ist es unbedingt nötig, Politik mit dem Herzen zu machen?

Ich glaube, es hilft. Ich habe die wenigsten Termine im Landeshaus, sondern die meisten in Schulen, Kitas und mit Verbänden im Bildungsbereich. Die Leute merken, ob man programmatisch etwas runterspult oder wirklich offen ist und Meinungen hören will.

Im Landeshaus gibt es relativ wenige Herzmenschen, oder sehen Sie das anders?

Das sehe ich anders! Mir fallen fraktionsübergreifend auf Anhieb mindestens zehn ein – also sind es noch weit mehr. Das ist ja eine der tollsten Sachen überhaupt: Man guckt von außen und denkt, im Landtag liegen alle miteinander im Clinch, und stattdessen ist es doch ein sehr offenes Parlament. Zumindest erlebe ich das so, mit einer extrem hohen Duz-Quote, was vielleicht auch an der Nähe zu Dänemark liegt. Es gibt wenige Leute, mit denen ich mich nach sieben Jahren noch sieze.

Sie sind in Kiel eine Art First Lady. Sehen Sie sich auch so?

Nein. (lacht) Es war ja nie mein Lebensziel, „Frau von“ zu sein.

Sehen Sie als Frau des Oberbürgermeisters die Stadt anders, weil Sie doch zu Hause andere Gesprächsthemen haben und Rathaus-Interna mitbekommen?

Ich bekomme tatsächlich viele Facetten dieser Stadt mit. Aber verheiratet bin ich nicht mit dem Oberbürgermeister, sondern mit Ulf Kämpfer – der, wie ich als Kieler Bürgerin finde, einen super Job macht. Mein Gefühl ist nicht, wenn ich am Frühstückstisch sitze, dass da nun der Kieler Oberbürgermeister sitzt.

Kommt es vor, dass Sie Repräsentationspflichten übernehmen müssen?

Zur Kieler Woche. Und zu schönen Kulturterminen. Aber zurzeit ist mein eigener Terminkalender noch zu voll.

Was wünschen Sie sich für das Land in der nächsten Legislaturperiode?

Eine Ausstattung der Schulen mit 105 Prozent Unterrichtsversorgung, damit Schulen mehr Luft haben. Dass die große Willkommenskultur im Land gegenüber Flüchtlingen erhalten bleibt. Und ich wünsche mir Stromtrassen, durch die der grüne Strom von Nord nach Süd abfließen kann.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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