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Ministerin will Gedenkstätten stärken

Kiel Ministerin will Gedenkstätten stärken

Schleswig-Holstein schlägt ein neues Kapitel bei der Aufarbeitung der NS-Geschichte auf. Bei der Vorstellung des ersten Gedenkstättenkonzepts kündigte Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) am Dienstag an, die mehr als ein Dutzend Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein auszubauen und eine Groß-Ausstellung zur NS-Geschichte einzurichten.

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Ziel ist es laut Spoorendonk, die Gedenkstättenarbeit zukunftsfähig zu machen und das Bewusstsein für die ständigen Gefahren inhumaner und demokratiefeindlicher Entwicklungen nachhaltig zu schärfen.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer (Archiv)

Kiel. Die Ministerin warb zudem für Schulfahrten zu den Gedenkstätten. Eine Besuchspflicht für Schüler lehnte sie ab.

„Wir brauchen den wichtigen Beitrag der Gedenkstätten auch in Zukunft, um wach und wehrhaft zu bleiben“, sagte Spoorendonk. Aufgabe sei, das Bewusstsein für die Gefahren demokratiefeindlicher Entwicklungen zu schärfen. Grundlage dafür ist das Gedenkstättenkonzept. Mit ihm gelang es dem Land erstmals, die 14 sehr verschiedenen Gedenkstätten im Norden unter einen Hut zu bringen.

„Die Arbeit an dem Konzept hat die Gedenkstätten zusammenwachsen lassen“, betonte Spoorendonk. Geplant ist, den meist ehrenamtlichen Trägervereinen eine professionelle Servicestelle an die Seite zu stellen. In einem weiteren Schritt könnte eine landesweite Einrichtung wie die Bürgerstiftung Gedenkstätten die Regie über die Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein übernehmen.

Derweil stellt die Regierung für den Ausbau der Gedenkstätten mehr Geld als je zuvor bereit, 230.000 Euro jährlich. Zum Vergleich: Bis 2012 gab es für die Gedenkstätten nur 40.000 Euro im Jahr. Zur erhöhten Grundförderung kommen Sondermittel, insbesondere für die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund. Das ehemalige Außenlager des KZ Hamburg-Neuengamme wird mit Bundeshilfe für insgesamt eine halbe Million Euro als Erinnerungsort ausgebaut. Teil der Gedenkoffensive ist eine neu konzipierte Dauerausstellung in Ladelund.

Auch für die Landeshauptstadt Kiel gibt es große Pläne. Spoorendonk möchte die etablierten Gedenkstätten und Lernorte, also das Arbeitserziehungslager Nordmark in Russee und den Flandernbunker in der Wik, fördern und am liebsten mit anderen Objekten vernetzen. „Hier ist in Kooperation mit der Landeshauptstadt insbesondere zu prüfen, ob und in welcher Form authentische Orte wie Synagoge, Zwangsarbeitslager, Gestapo-Zentrale Düppelstraße, Marine-Untersuchungsgefängnis Wik und Matrosen-Erschießungsplatz Holtenau einbezogen werden können“, heißt es in dem Gedenkstättenkonzept.

Im Rahmen des Konzepts könnte Kiel zudem den Zuschlag für eine große Ausstellung erhalten, in der auch die besonders unrühmliche Vor- und Nachgeschichte des NS-Regimes im Norden dargestellt wird. Schleswig-Holstein galt schon vor 1933 als Hochburg der NSDAP und machte nach 1945 immer wieder Schlagzeilen, weil in Politik und Verwaltung alte NS-Seilschaften weiter wirkten. Wie umfassend die „Renazifizierung“ war, wird derzeit von einem Flensburger Historikerteam ermittelt. Es überprüft rund 400 Politiker, die nach Kriegsende als Minister, Staatssekretär oder Landtagsabgeordneter in der Landespolitik Strippen zogen. Ob Kiel die Großausstellung an Land zieht, ist offen. Neben dem Konzept einer Dauerausstellung in der Landeshauptstadt zur NS-Geschichte prüft Spoorendonk auch, ob eine Wanderausstellung Sinn macht oder das gesamte Material lediglich im Internet veröffentlicht wird.

Die Kulturministerin erinnerte daran, dass sich gerade für Schulklassen ein Besuch in Gedenkstätten empfiehlt. Schulministerin Britta Ernst sehe das genauso, berichtete Spoorendonk. Einig sind sich die beiden Ministerinnen auch darin, dass eine Besuchspflicht nicht angebracht ist. Begründung: Die Schulen sollten nicht „von oben“ gezwungen werden, Gedenkstätten zu besuchen. Für freiwillige Fahrten hat das Land inzwischen bei der Bürgerstiftung einen Sondertopf mit jährlich 10.000 Euro eingerichtet. Die Zuschüsse für Gedenkfahrten werden bislang allerdings nur teils abgerufen. Ein Grund: Das Land sponsert nur Fahrten in die kleineren Gedenkstätten in Schleswig-Holstein, nicht aber in das frühere KZ Neuengamme.

Die Regierungsfraktionen lobten das Konzept. „In einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt, die die Erinnerung der Gräueltaten des Naziregimes aufrecht halten können, ist es umso wichtiger, dass wir die Orte des Verbrechens als Mahnmale erhalten“, so der SSW. Die Opposition sprach von „reiner Bestandsaufnahme“ und einem „konzeptionellen Nichts“.

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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