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Habeck macht dem Tierschutz Druck

Bericht des Landwirtschaftsministers Habeck macht dem Tierschutz Druck

Vor dem Schlachten steht oft die Qual: Schweine, Rinder und Hühner müssen in den Ställen einiges durchmachen. Doch es gibt Fortschritte, sagt Minister Habeck. Die Haltung den Tieren anpassen und nicht umgekehrt, nennt der Grüne als Motto.

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Umweltminister Robert Habeck will die Haltung den Tieren anpassen.

Quelle: Bodo Marks/dpa

Kiel. Jungen Hennen dürfen ab 1. Januar im Norden nicht mehr die Schnäbel kupiert werden. Kälber werden nur noch enthornt, wenn sie zuvor betäubt wurden und die Prozedur schmerzfrei verläuft. Hochtragende Kühe bleiben von einer Schlachtung verschont, weil ihre Föten andernfalls qualvoll ersticken würden. Und voraussichtlich ab Ende kommenden Jahres schneidet man hierzulande Ferkeln nicht mehr ohne Weiteres die Ringelschwänzchen ab – auf Letzteres hofft jedenfalls der Landwirtschaftsminister. Es waren erfreuliche wie zugleich unappetitliche Details, mit denen Robert Habeck (Grüne) den Landtag am Freitagmorgen konfrontierte. Anlass war sein Tierschutzbericht – der zweite überhaupt seit 2004.

„Tierschutz ist kein Nebenprodukt, sondern zentral für die Nutztierhaltung“, sagte der Minister. „Schleswig-Holstein ist hier treibende Kraft bei Verbesserungen – und das im Dialog mit Landwirtschaft und Tierschutz.“ Dazu trage nicht zuletzt ein runder Tisch bei, an dem auch Wissenschaftler sowie Vertreter von Landwirtschaft und Tierschutz sitzen. Habeck forderte Politik, Fleischindustrie und Landwirte dennoch unmissverständlich auf, auch weiterhin die Haltungsbedingungen den Tieren anzupassen, nicht die Tiere der Haltung. So genannte kurative Eingriffe, worunter man das Kupieren von Schweineschwänzen, das Enthornen von Kälbern und Schnäbelkürzen von Geflügel versteht, seien laut Tierschutzrecht nur Ausnahmen, über die Jahrzehnte aber zur Regel geworden. „Diese Praxis müssen wir ändern oder, wenn es unvermeidbar ist, den Tieren wenigstens die Schmerzen nehmen.“

Einigkeit im Parlament

In der kurzen Parlamentsdebatte waren sich die Vertreter aller Fraktionen einig: Dass es in Schleswig-Holstein gelungen ist, die jahrzehntelange Kluft zwischen Bauern, Industrie und Tierschützern zu überwinden, sei ein echter Fortschritt. Mit dazu beigetragen habe auch das veränderte Verbraucherbewusstsein, stellte die SPD-Abgeordnete Sandra Redmann fest. „Tierschutz ist in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Man möchte keine Tiere in engen Käfigen, keine Ställe, in denen sich Tiere kaum bewegen können.“ Zugleich stellte sie aber eine gewisse Diskrepanz zwischen Wunsch und Wahrheit fest: Allzu oft lande noch immer das Billighühnchen für 1,99 Euro im Einkaufswagen.

Grünen-Fraktionschefin Eka von Kalben wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Landwirtschaft heute mehr denn je „auf größer, schneller, weiter“ ausgerichtet sei. Kühe müssten im Jahr 2016 doppelt und dreifach so viel Milch geben wie noch vor 30 Jahren. Dem Gesetzgeber sei deshalb dringend eine Frage zu stellen: „Wie ändern wir die Struktur der Landwirtschaft, damit auch Tiere zu ihrem Recht kommen?“

Bei Pro Vieh, dem Landesverband für Nutztiere, reagierte man auf Habecks Bericht dennoch zufrieden. „Wir haben durch unsere Beteiligung an den runden Tischen im Tierschutz schon viel erreicht“, sagte Vorstandsmitglied Udo Hansen. Damit das Kupieren von Schwänzen, Hörnern und Schnäbeln jedoch unterbleiben kann, ohne dass sich die Tiere gegenseitig verletzen, seien neue, weniger enge Stallsysteme nötig. Und das müssten sich Landwirte erst einmal leisten können. „Wir sprechen ja nicht von Biohöfen und Freilandhaltung, sondern konventioneller Haltung.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Natürlich haben wir als Verbraucher selbst schuld, wenn wir einerseits die Massentierhaltung anprangern, andererseits aber im Discounter nach Billig-Rinderhack greifen. Und natürlich sind unsere Landwirte gezwungen, dem Preisdruck nachzugeben und möglichst kostengünstig Milch, Eier und Fleisch zu produzieren.

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