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Darf die Urne bald mit nach Hause?

Bestattungsrecht Darf die Urne bald mit nach Hause?

„Die Menschen sollten mehr Möglichkeiten bekommen, selbst zu bestimmen, was nach ihrem Ableben passieren soll“, sagt der Abgeordnete Uli König und fordert: „Mehr Freiheit im Jenseits!“ Seine Fraktion beantragt am nächsten Mittwoch im Landtag eine Liberalisierung des Bestattungsrechts.

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Andere Wege der Bestattung: In den Niederlanden, der Schweiz und Teilen Österreichs ist es erlaubt, Urnen zu Hause aufzubewahren. Die Nordkirche dagegen fürchtet um die Totenruhe.

Quelle: imago

Kiel. Schon jetzt entscheide sich die überwiegende Mehrheit der Angehörigen in Schleswig-Holstein für eine Urnenbestattung. Und die Piraten zitieren Umfrageergebnisse des Vereins Aeternitas aus Königswinter, wonach für 29 Prozent der Befragten auch eine Urnenaufbewahrung zu Hause als Bestattungsform in Frage käme. „In den Niederlanden, der Schweiz und Teilen Österreichs ist sie zugelassen.“ Maximal zwei Jahre wollen das auch die Piraten erlauben. Darüber hinaus soll es möglich sein, dass die Asche auf hierfür zugelassenen Friedhöfen und an anderen Orten ausgestreut werden darf, sofern dies dem Wunsch der Verstorbenen entspricht.

Friedhöfe liegen überwiegend in den Händen der politischen Gemeinden bzw. der Kirchen. Im Februar hatte die Piratenfraktion deren Vertreter zum Runden Tisch gebeten – und war auf kräftigen Gegenwind gestoßen. „Friedhöfe sind Teil einer notwendigen öffentlichen Kultur im Umgang mit Tod und Trauer“, stellt Stefan Döbler von der Nordkirche fest. Würde die Urne einer Privatperson mitgegeben werden, „bliebe offen, wie die vom Gesetzgeber geschützte Totenruhe gewährleistet werden kann“. Trauernde abseits des Familiengefüges hätten keinen freien Zugang zum Ort der Beisetzung. Und da eine Bestattung oft teuer ist, könnte eine Novellierung finanziell schlechter Gestellte dazu verleiten, die Asche einfach zu verstreuen. Ablehnung auch vom Erzbistum Hamburg: „Die Piraten verkennen, dass der Tod eben nicht eine reine Privatangelegenheit ist“, sagt der Sprecher Manfred Nielsen. Und wer solle kontrollieren, ob jemand die Asche aus der Urne nach zwei Jahren auch wirklich verstreut? „Die Urnen-Polizei?“

"Asche ist leichter als Luft"

Genau diesen Punkt bemängelt auch der Städtetag. „Angenommen, die Angehörigen weigern sich, die Urne beizusetzen: Wie sollen die Gemeinden das ahnden?“, fragt Dezernentin Claudia Zempel. Ja, die Friedhöfe müssten auch mit Umsatzeinbußen rechnen. „Aber das ist bestimmt nicht der Punkt. Mit Friedhöfen kann man keinen Blumentopf gewinnen.“ Nach Auffassung von Ralf Paulsen, dem stellvertretenden Obermeister der Landes-Bestatterinnung, enthält der Vorschlag der Piraten bislang keine pragmatische Lösung, wer die Urne nach Ablauf von zwei Jahren wieder zurückbringen soll. Im Übrigen habe der Bürger schon jetzt alle Möglichkeiten – gegebenenfalls könne er ins europäische Ausland ausweichen. Asche verstreuen? „Als Junge von der Küste weiß ich, dass Asche leichter als Luft ist. Die landet meist nicht dort, wo sie hin soll.“

Dagegen ist die Beurteilung in der Politik freundlicher. „Es gibt kein einfaches Ja oder Nein“, sagt Wolfgang Baasch (SPD). Sein Kollege Detlef Matthiessen (Grüne) spricht davon, dass der Umgang mit Toten eine Gewissensfrage sei. Maßstab eines Bestattungsrechtes solle auch künftig die Menschenwürde sein, die über den Tod hinaus gelte. Lars Harms (SSW) steht neuen Bestattungsformen offen gegenüber. Auch Anita Klahn (FDP) bekundet: Man sei aufgeschlossen. Klare Ablehnung gibt es nur von der CDU. „Für mich ist der Entwurf mit der Würde eines Verstorbenen nicht vereinbar“, stellt Petra Nicolaisen klar.

Auch in Bremen verboten

In Bremen, das seinen Bürgern erlaubt, die Asche von Verstorbenen unter akribisch festgelegten Bedingungen auf Privatgrundstücken innerhalb der Hansestadt auszustreuen, wächst die Nachfrage. „Drei bis fünf Prozent der Trauernden äußern bei uns einen entsprechenden Wunsch“, sagt Heiner Schomburg vom Bestattungsinstitut Trauerraum. Seine Kollegin Uschi Zeller von Bestattungen Vialdie wirbt mit dieser Bestattungsform. „Sie sparen damit Grabkosten und die Überurne“, sagt sie, räumt aber ein, dem Thema zwiegespalten gegenüber zu stehen. „Wir wollen wissen, was mit dem Verstorbenen passiert. Deshalb legen wir Wert darauf, bei der Ausstreuung persönlich anwesend zu sein. Da geht es auch um Würde.“ Urnenbestattungen auf dem Privatgrundstück sind auch in Bremen verboten.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Demokratischer ist kaum ein anderes Thema: Sterben müssen wir alle. Und deshalb ist es richtig, wenn unsere Volksvertreter nach sieben Jahren über eine Anpassung des Bestattungsrechtes diskutieren. Darüber zum Beispiel, ob man Asche auf privatem Grund ausstreuen darf. Und ob man erlauben sollte, eine Urne für gewisse Zeit zu sich nach Hause zu nehmen.

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