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„Ich sitze fest auf meinem Stuhl“

Bildungsministerin Waltraud Wende „Ich sitze fest auf meinem Stuhl“

Bildungsministerin Waltraud Wende steht im Kreuzfeuer der Kritik. Die Entscheidung, die Lehrerausbildung an der Flensburger Uni stärker auszubauen als geplant, hat in Kiel einen Proteststurm ausgelöst. Im Interview hält die Professorin unbeirrt an ihrer Reform fest.

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„Ich muss den Kieler Uni-Präsidenten Gerhard Fouquet nicht fragen, wenn ich in Flensburg etwas verändern will“, sagt Bildungsministerin Waltraud Wende.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Frau Ministerin, im Landeshaus gibt es erste Wetten, dass Sie noch vor dem Sommer zurücktreten müssen. Ihr Tipp?

 Das ist so unwahrscheinlich wie… Jetzt fällt mir gerade kein guter Vergleich ein. Aber: Ich sitze fest auf meinem Stuhl und das Kabinett steht hinter mir.

 Im Vordergrund steht im Moment der Konflikt um den Ausbau der Uni Flensburg. Wieso haben Sie den mit der Uni Kiel vereinbarten Kompromiss zum Teilausbau Flensburgs aufgekündigt?

 Der Reihe nach: Unser Ziel ist, Sekundarschullehrer in Kiel und Flensburg auf höchstem Niveau auszubilden. Geplant war zunächst, in Flensburg sieben Fächer so auszubauen, dass die Absolventen auch in der Sekundarstufe II von Gymnasien und Gemeinschaftsschulen unterrichten können, also in den Klassen 11 bis 13. In den restlichen Fächern sollte Flensburg wie bisher Lehrer für die Sekundarstufe I ausbilden, also für die Klassen 5 bis 10. In der Anhörung gab es dann Zweifel, ob diese Kombination aus Sek-I- und Sek-II-Fächern sinnvoll ist. Deshalb werden in Flensburg jetzt 13 Sek-I-Fächer ausgebaut, sechs andere auf Grundschulniveau reduziert.

 Der SSW und Teile der Grünen wollten Flensburg stärker ausbauen. Wann haben Sie den Kurs gewechselt? Und haben Sie sich vorab den Segen des Ministerpräsidenten Torsten Albig geholt?

 Wir haben nach der Auswertung der Anhörung vor einigen Wochen die Konsequenz gezogen. Natürlich habe ich wegen der Mehrkosten mit Finanzministerin Monika Heinold gesprochen und die neuen Pläne schwerpunktmäßig mit Torsten Albig abgestimmt. Er war einverstanden.

 Warum haben Sie die Uni Kiel so spät über den Nachschlag für Flensburg informiert?

 Im Zentrum der Veränderungen steht die Lehrerausbildung in Flensburg. Hier habe ich Vorgespräche geführt. Über das Ergebnis sind beide Universitäten fast zeitgleich informiert worden. Für Vorgespräche mit der Uni Kiel gab es keinen Bedarf, weil es dort keine Veränderungen gibt. Anders gesagt: Ich muss den Kieler Uni-Präsidenten Gerhard Fouquet nicht fragen, wenn ich in Flensburg etwas verändern will.

 Herr Fouquet behauptet, Sie hätten ihn nicht umfassend über die neuen Pläne informiert.

 Ich habe ihn umfassend informiert. Staatssekretär Rolf Fischer und eine Mitarbeiterin waren bei dem Gespräch dabei, und auch sie wissen, dass wir alle Karten auf den Tisch gelegt haben.

 Mit dem Ausbau Flensburgs gäbe es in Schleswig-Holstein eine teure Doppel-Struktur.

 Wir bilden in Schleswig-Holstein schon jetzt an zwei Universitäten Lehrer aus mit je rund 3000 Studierenden in Kiel und Flensburg. Keine der beiden Unis wäre in der Lage, 6000 angehende Lehrer allein auszubilden. Deshalb wollen wir den Sekundarschullehrer in Kiel wie Flensburg ausbilden. Wir glauben an beide Universitäten.

 Die Uni Kiel, die Stadt und viele Menschen in der Region fürchten, dass am Ende nur noch in Flensburg Lehrer ausgebildet werden und die CAU ganze Studiengänge einstellen muss.

 Das sehe ich nicht. Kiel bietet wie bisher 21 Fächer an, darunter wegen des Rückbaus in Flensburg neun wie etwa Latein exklusiv. Flensburg ist mit 13 Fächern dabei, wovon nur eines, Gesundheit/Verbraucherkunde, exklusiv ist. Ich verstehe nicht, warum eine so tolle Universität wie die CAU solche Angst hat vor einer kleinen Universität im Norden. Die CAU hat viel mehr Professuren und könnte eine exzellente Lehrerausbildung anbieten. Viele in der Kieler Uni wollen das, aber noch nicht alle.

 Bekommt Kiel eine Kompensation?

 Es gibt keinen Grund für eine Kompensation. Natürlich werden wir der CAU helfen, geänderte Aufgaben zu erfüllen. Die CAU wird deshalb zum Beispiel zusätzlich eine Professur für Latein-Didaktik erhalten. Hier gibt es an der Kieler Uni bisher eine Lücke. Auf anderen Feldern müssen wir schauen, ob wir der CAU auf dem Weg zu einem praxisnäheren Studium helfen können.

 Sie haben versprochen, dass die Uni Kiel kein Lehrpersonal abgeben muss. Für wie viele Jahre gilt diese Garantie?

 Solange ich Ministerin bin.

 Die Uni Flensburg wird einerseits ausgebaut, muss andererseits einige Studiengänge zurückfahren.

 Es geht um sechs Fächer, darunter evangelische und katholische Theologie. Flensburg wird künftig nur noch für die Grundschulen Religionslehrer ausbilden, Kiel für Gymnasien und Gemeinschaftsschulen. Damit wird Kiel gestärkt.

 Wie teuer wird der Ausbau Flensburgs?

 Die Universität bekommt bereits 445000 Euro jährlich mehr, um mehr Personal für den Ausbau der ursprünglich geplanten sieben Fächer anzustellen. Ab 2017, also mit dem Start von weiteren sechs Sek-II-Fächern, kommen jährlich 378500 Euro hinzu, ab 2019 nochmals 517500 Euro. Zu den Kosten für das Personal, insgesamt 1,341 Millionen, kommen als einmalige Investition 1,2 Millionen Euro für den Neu- und Ausbau der Labore. Die Universität Flensburg wird zudem Stellen aus Fächern, die zurückgefahren werden, in den Aufbau der neuen Sek-II-Fächer stecken. Hier kommen einigen Stellen von Professoren und Mitarbeitern zusammen, wie viele, steht noch nicht fest.

 Die Reform ist nicht nur wegen der Doppel-Struktur umstritten. CDU, FDP und Philologenverband gehen davon aus, dass Sie nach dem Aus für den reinen Gymnasiallehrer an der Uni Kiel als Nächstes die Gymnasien selbst abschaffen.

 Das Gymnasium wird nicht abgeschafft. Ich selbst habe vor Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen auf Sekundarschullehramt studiert. Auch dort gibt es bis heute Gymnasien. Ich weiß, dass der Philologenverband vor einem Einheitslehrer warnt. Ich halte schon den Begriff für falsch. Wir wollen eine einheitliche Lehrerausbildung auf höchstem Niveau, aber keinen Einheitslehrer.

 Die GEW fordert einen Einheits-Mindestlohn von A13 für alle Lehrer von Grundschule bis zum Gymnasium.

 Ich bin mit der GEW im Gespräch. Wir werden bis Ende des Jahres eine faire, transparente und leistungsorientierte Besoldungsstruktur entwickeln.

 Letzte Frage zur Lehrerausbildung. Haben Sie in dem Diskussionsprozess Fehler gemacht?

 Ich sehe nicht, dass ich große Fehler gemacht habe.

 Sie stehen nicht nur wegen der Lehrerausbildung unter Druck. Die CDU hat beantragt, dass der Landtag in dieser Woche Ihre angeblich diskriminierenden Äußerungen über Förderzentren missbilligen soll.

 Das ist Oppositionsarbeit. Ich habe keine diskriminierende Äußerungen gemacht, sondern lediglich darauf hingewiesen, dass Förderschüler in unserer Gesellschaft häufig stigmatisiert werden. Die Sonderpädagogen machen eine hervorragende Arbeit.

 Streit gibt es auch um die Inklusion. Viele Lehrer und Eltern fordern, die Inklusion vorerst nicht weiter auszubauen, weil das Geld für zusätzliche Sonderpädagogen fehlt.

 Die Inklusion ist durch die UN-Konvention deutsches Recht geworden. Meine Vorgänger haben die Weichen dafür gestellt, dass wir inzwischen 65 Prozent der behinderten Kinder inkludiert haben. Jetzt ist es wichtig, die Rahmenbedingungen für die Inklusion in den Schulen zu verbessern. Es geht also in erster Linie um mehr Qualität und erst in zweiter Linie um mehr Quantität. Die UN-Vorgabe, 80 bis 90 Prozent der behinderten Kinder zu inkludieren, bleibt das mittelfristige Ziel.

 Noch einmal zurück zum Anfang unseres Gesprächs. Sind sie wirklich sicher, dass sie all diese Probleme lösen können?

 Ja! Ich bin sicher, dass wir in den bildungspolitischen Themen auf einem guten Weg sind.

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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Kommentar

Für Bildungsministerin Waltraud Wende wird die Luft dünn. Anders als vor einem Jahr, als Wende mit unglücklichen Formulierungen als „Ministerin der Fettnäpfchen“ Schlagzeilen machte, geht es nicht mehr um den Auftritt der Professorin. Bei der Reform der Lehrerbildung geht es ums Eingemachte und für die Ministerin um ihren Job.

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