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Maßlos von Albig enttäuscht

Gerhard Fouquet Maßlos von Albig enttäuscht

Die Christian-Albrechts-Universität Kiel will für den Ausbau der Flensburger Uni nicht bluten. Im Interview mit KN-online rechnen CAU-Präsident Prof. Gerhard Fouquet und sein Stellvertreter Prof. Frank Kempken mit der Landesregierung von Schleswig-Holstein ab.

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Frank Kemken (li.) und CAU-Präsident Gerhard Fouquet im Interview mit KN-online.

Quelle: fpr

Herr Fouquet, Herr Kempken, Ministerpräsident Torsten Albig hat die Pläne für den Ausbau der Uni Flensburg durchgewunken. Sind Sie enttäuscht vom früheren Kieler OB?

Fouquet: Wir sind maßlos enttäuscht. Herr Albig weiß, dass der Christian-Albrechts-Universität in den vergangenen zehn Jahren ein unglaublicher Aufstieg gelungen ist. Wir gehören heute zu den Top-25-Universitäten in Deutschland. Ich kann deshalb nicht verstehen, dass der frühere Oberbürgermeister dem Ausbau der Uni Flensburg zustimmt und damit die Christian-Albrechts-Universität schwächt. Letztlich werden die CAU und möglicherweise in geringerem Umfang auch die anderen Hochschulen in Schleswig-Holstein den Ausbau Flensburgs bezahlen müssen.

Welchen Reim machen Sie sich auf die Regierungspläne? Warum wollen Bildungsministerin Waltraud Wende und die rot-grün-blaue Koalition die Uni in Flensburg zur Konkurrenz für Kiel ausbauen?

Fouquet: Die Ministerin und die Koalition leiten eine hochschulpolitische Wende ein. Wir wollten es lange nicht wahrhaben, aber es gibt wohl einen Masterplan. Sie wollen die Lehrerausbildung immer stärker nach Flensburg verlagern. Bei rückläufigen Schülerzahlen und dem Sparzwang des Landes führt das fast zwangsläufig dazu, dass eines Tages nur noch in Flensburg Lehrer ausgebildet werden. Das kann sehr rasch gehen.

Welche Folgen hätte das für die Kieler Uni?

Fouquet: Die CAU würde ohne Lehramtsstudiengänge wie ein Kartenhaus zusammenfallen. An den mehr als 3600 Lehramtsstudierenden hängen sehr viele Professuren. Wenn das Land Lehrpersonal nach Flensburg verlagert, wird aus unserer Spitzenuniversität eine Provinzhochschule. Für die CAU ist die Lehramtsausbildung systemrelevant. Dazu kommt: Den Aufbau einer zweiten Lehrer-Uni kann das Land nicht bezahlen.

Frau Wende rechnet mit Mehrkosten für das Land von jährlich 1,35 Millionen Euro für Personal und insgesamt 1,2 Millionen Euro für Labore.

Kempken: Das ist nicht realistisch. Nach unserer konservativen Rechnung würden allein die Investitionskosten für die vier naturwissenschaftlichen Fächer Chemie, Physik, Biologie und Geographie mehr als 55 Millionen Euro verschlingen. Hinzu kämen Personal- und Sachkosten von 5,7 Millionen Euro jährlich. Selbst das würde nur reichen, um in Flensburg Lehrer auf niedrigem fachwissenschaftlichen Niveau auszubilden. Die Ministerin wird den Ausbau Flensburgs also nur finanzieren können, indem sie die CAU oder auch andere Hochschulen zur Ader lässt.

  Die Ministerin hat versprochen, kein Personal von Kiel nach Flensburg zu verlagern, allerdings nur, solange sie im Amt ist.

Kempken: Solche Garantien sind nichts wert. Wir planen als Universität langfristig und nicht in Amtszeiten von Ministern. Klar ist, dass der Ausbau Flensburgs gerade in den Naturwissenschaften viel teurer wird als behauptet. In Flensburg gibt es nur zwei Biologie-Fachdidaktiker. Für eine Ausbildung auf Oberstufenniveau braucht man aber mindestens sechs Professoren samt Mitarbeitern. Das nötige Geld hat das Land nicht. Es wird über kurz oder lang also versuchen, sich bei den 19 Biologie-Professuren der CAU zu bedienen, die nicht nur für das Lehramtsstudium, sondern vor allem für die Lebenswissenschaften essenziell sind.

Über die Reform der Lehrerausbildung und die Stärkung Flensburgs wird bereits seit mehr als einem Jahr diskutiert. Warum hat die CAU nicht früher Flagge gezeigt?

Fouquet: Wir hatten nach monatelangen Verhandlungen dem Ausbau von sieben Studiengängen in Flensburg zugestimmt. Das war im Herbst. Es ist uns damals nicht leicht gefallen. Von den Plänen, sechs weitere Fächer auszubauen, haben wir aus den Kieler Nachrichten erfahren. Dieser Ausbau würde an die Substanz der CAU gehen.

Ministerin Wende hat der CAU eine zusätzliche Professur und weitere Unterstützung zugesagt.

Wir freuen uns zwar, dass die Ministerin uns eine Professur für Latein-Didaktik bewilligen will. Sie ist so dringend erforderlich wie andere Punkte auf unserer Wunschliste. Die Kernfrage aber bleibt, ob wir in Schleswig-Holstein eine zweite Lehrer-Universität auf Sekundarstufe II-Niveau aufbauen. Dafür sehen wir keinen Bedarf. Ich fordere die Ministerin und die Uni Flensburg auf, zu dem Kompromiss aus dem Herbst zurückzukehren und die Hochschule nur in den Geisteswissenschaften und damit in einem begrenzten Umfang auszubauen.

Die Uni Flensburg hat die neuen Pläne gerade eben begrüßt.

Fouquet: Damit hat die Universität die frühere Absprache gebrochen. Es gibt damit keine Grundlage mehr für eine weitere Zusammenarbeit. Das gilt auch für den geplanten gemeinsamen Antrag, um Sondermittel aus einem Bund-Länder-Programm für die Lehrerbildung zu erhalten. Die Uni Kiel wird die Mittel jetzt allein beantragen.

Die CAU hat von der Stadt, aus der Politik und der Wirtschaft viel Rückendeckung erhalten.

Fouquet: Ich habe so viel Solidarität mit der CAU noch nie erlebt. Besonders freue ich mich, dass Bürgermeister Peter Todeskino sich für die Stadt Kiel hinter uns gestellt hat. Von dem designierten Oberbürgermeister Ulf Kämpfer hätte ich mir etwas mehr erwartet. Die Universität ist ein Herzstück Kiels. Ich kann aber auch verstehen, wenn sich Herr Kämpfer noch etwas zurückhält. Als Umwelt-Staatssekretär steht er ja noch in Diensten des Landes.

Die Reform der Lehrerausbildung ist jetzt Sache des Landtags. Wie wollen Sie Korrekturen erreichen?

Fouquet: Wir führen in den nächsten Tagen Gespräche mit allen Gruppen in der Christian-Albrechts-Universität. Wir werden für unsere Universität kämpfen, notfalls auch auf der Straße.

Interview: Martina Drexler und Ulf B. Christen

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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