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Ein Mann will nach oben

Daniel Günther Ein Mann will nach oben

Von Triumph keine Spur. Einen Tag nach dem fliegenden Wechsel an der Spitze der Nord-CDU musste sich Daniel Günther am Sonnabend eineinhalb Stunden den Reaktionen des eilig zusammengetrommelten erweiterten Landesvorstands und der Direktkandidaten stellen.

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Daniel Günther ist der neue Spitzenkandidat der CDU.

Quelle: Frank Peter

Neumünster. Jetzt in der Pressekonferenz im Alten Stahlwerk Neumünster wägt der designierte neue Parteichef und Spitzenkandidat seine Worte sorgfältig ab, zumal neben ihm der zurückgetretene Ingbert Liebing steht.

Was er besser machen wolle als sein glückloser Sylter Vorgänger? Gut ein halbes Jahr vor der Landtagswahl sei ein Umfrageergebnis von 26 Prozent für die Union „nicht erbaulich“, antwortet Günther zunächst ausweichend. „Damit werden wir keine Regierungsmehrheit erreichen“, und das zu verändern, sei gemeinsame Aufgabe aller in der CDU. Dann aber kommt er auf den Punkt. Er sehe sich persönlich in der Pflicht, in die Partei und ins Land mehr Begeisterung zu tragen: für die Inhalte der CDU, aber auch für die „zum Greifen nahe Chance“ auf einen Regierungswechsel. „Das ist uns bisher nicht gut genug gelungen. Das ist besser zu kommunizieren und herauszuarbeiten.“

Vor allem werde er in den nächsten Wochen viele persönliche Gespräche führen, weil ein solcher Lastminute-Wechsel an einer Partei nicht spurlos vorbeigehe. Wer ist dieser Mann, der Ambitionen hat, im Mai 2017 den SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig (53) aus dem Amt zu fegen und Schleswig-Holsteins neuer Regierungschef zu werden?

Daniel Günther (43) ist Eckernförder Jung und lebt mit seiner Frau, einer Ärztin, und der gemeinsamen kleinen Tochter Frieda in seiner Heimatstadt. Dort machte er an der Jungmannschule Abitur, dort war er schon in jungen Jahren Fraktionschef in der Ratsversammlung, dort engagiert er sich in der katholischen Kirchengemeinde, und dort hält er als CDU-Vorsitzender noch immer Kontakt zur Basis. Freunde beschreiben den studierten Politologen als jemanden, der schon fertig aus dem Ei geschlüpft ist – souverän, gut vorbereitet und netzwerkend. Die meisten Reden hielt er schon damals frei. Ein solches Talent sprach sich schnell auch außerhalb der Kreisgrenzen herum.

2005 bis 2012 war Günther Landesgeschäftsführer, 2009 zog er als Direktkandidat in den Kieler Landtag ein, und seit Oktober 2014 gibt er als Fraktionsvorsitzender den Ton an. Einziger Makel: Sein kometenhafter Aufstieg wurde vom Schiffbruch manches Weggefährten begleitet. Diese Altlasten sind es, warum dem künftigen Chef längst nicht alle Parteifreunde gewogen sind. Prominentester Vertreter ist wohl Christian von Boetticher (45). Weil dieser aufgrund einer Liaison mit einer 16-Jährigen im August 2011 Parteivorsitz und Spitzenkandidatur niederlegen musste, werfen Vertreter seines Pinneberger Kreisverbands dem früheren Landesgeschäftsführer Günther mangelnde Loyalität vor. Dabei hatte von Boetticher um sein Privatleben stets ein großes Geheimnis gemacht und selbst engen Freunden die Hochzeit mit einer anderen Frau verschwiegen.

Dass mit dem damaligen Wirtschaftsminister Jost de Jager ausgerechnet ein Mann aus Eckernförde von Boettichers Nachfolger wurde, fiel ebenfalls auf Günther zurück. Er habe kräftig Strippen gezogen, hieß es. Im Mai 2012 verlor die CDU ihre Regierungsbeteiligung, mit Rot-Grün-Blau bildete erstmals eine Dänen-Ampel die Regierung. Und da die CDU ihre 22 Sitze ausnahmslos per Direktmandat gewann, blieb de Jager trotz seines ersten Listenplatzes der Einzug in den Landtag verwehrt. Günther als sein Wahlkampfmanager dagegen machte weiter Karriere.

In den nächsten drei Wochen wollen sich von Boetticher und Günther zum Vier-Augen-Gespräch treffen. „Das ist auch nötig“, sagt von Boetticher am Nachmittag auf dem Hotelparkplatz in Neumünster. Er will den Landesvorsitz des CDU-Wirtschaftsrates übernehmen, der Vorstand hat sich einstimmig für ihn ausgesprochen, und ursprünglich habe er Liebing beraten wollen. „Am Ende müssen wir Profi genug sein, um als CDU dieses Land nach vorn zu bringen. So wie bisher – den Landesvorsitzenden abzuknüppeln – darf es nicht weitergehen.“

Auch wenn viele sagen, dass der Job als Spitzenkandidat für Günther fünf Jahre zu früh kommt – den Respekt der anderen Fraktionschefs hat er sich längst verdient. Mit der Grünen Eka von Kalben begrüßt er sich mit Küsschen, und von den Stars Ralf Stegner (SPD) und Wolfgang Kubicki (FDP) erntet der Kollege, dem noch immer Konfirmandencharme anhaftet, väterliches Wohlwollen. Daran können auch Günthers kalkulierte Überspitzungen wie die Forderung nach Schweinefleisch in den Kantinen oder nach einer Residenzpflicht für Landesminister nichts ändern. Der weltoffene Christdemokrat weiß, dass er auch konservative Wähler ansprechen muss, um die CDU als Volkspartei attraktiv zu halten. Multikulti? Ja, aber ohne die eigene Identität zu vergessen.

Selbstbewusst betont der neue Mann an der Spitze seinen Führungsanspruch in der Nord-Union, aber auch im Land. Zitat Günther: „Ich werde es sehr schnell hinbekommen, dass meine schärfsten Kritiker künftig wieder in der SPD sitzen. “

Als Spitzenkandidat habe ich die Pflicht, Begeisterung in die Partei und das Land zu tragen.

Schwierige Suche

Fünf Landeschefs in sechs Jahren: Seit dem Rückzug von Peter Harry Carstensen 2010 als Parteichef sucht die Nord-CDU verzweifelt nach einem starken Mann, dem es gelingt, die tiefen Gräben zu schließen – und Wahlen zu gewinnen. Carstensen hatte mit Fraktionschef Christian von Boetticher die Hoffnung verbunden, dieser würde auch neuer Ministerpräsident. Doch dann musste von Boetticher im August 2011 vom Parteivorsitz zurücktreten, nachdem sein Verhältnis zu einer Minderjährigen publik geworden war. Auch Nachfolger Jost de Jager konnte sich nicht lange im Amt halten. Mit der Landtagswahl 2012 verlor der Wirtschaftsminister nicht nur sein Regierungsamt, sondern blieb auch ohne Mandat. Im März 2013 folgte ihm der Europaabgeordnete Reimer Böge – ohne große Ambitionen. Er gab das Ruder im November 2014 an den Bundestagsabgeordneten Ingbert Liebing weiter. Dieser erklärte aufgrund schlechter Umfragewerte und mangels interner Unterstützung seinen Rückzug. Nachfolger soll Daniel Günther werden.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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