25 ° / 17 ° Gewitter

Navigation:
Blümchen, Politik und Flaschenbier

Die Partei in Kiel Blümchen, Politik und Flaschenbier

Schleswig-Holsteins etablierte Parteien müssen sich warm anziehen – zumindest nach dem Willen derer, die jetzt in Kiel einen neuen Kreisverband von Die Partei gegründet haben.

Voriger Artikel
Leitung von Dithmarscher Jugendheim weist Vorwürfe zurück
Nächster Artikel
Baustopp für Flüchtlingsunterkunft in Harvestehude bleibt

Parteiengründung der anderen Art: Angeregt diskutieren Besucher mit Patrick Uslar (stehend) über die Agenda von Die Partei in Kiel.

Quelle: Frank Peter

Kiel. „Wir planen die Machtübernahme – in Kiel, Deutschland und der Welt“ ist die ausgegebene Parole der Satire-Politiker, die trotz aller programmatischen Ironie tatsächlich ein ernsthaftes Ziel verfolgen: Sie wollen Verantwortung für Stadt und Region übernehmen.

 Bastian Langbehn ist ein Vorbild für den festen Kern von bummelig zehn jungen Frauen und Männern, allesamt zwischen 20 und 30 aus Kiel und dem Umland, die sich am Sonnabend zur Gründungsversammlung in der Kneipe „Unrat“ zusammenfinden. Langbehn, der so etwas wie ein Stargast des Abends werden soll, hat geschafft, wovon Swana Lohse und die anderen noch träumen. 1,3 Prozent der Stimmen reichten dem 30-Jährigen bei der Kommunalwahl 2014 aus, um ins Lübecker Stadtparlament einzuziehen. „Ein Riesenerfolg“, sind sich die nachstrebenden Jung-Politiker, deutlich zu erkennen in ihren grauen Anzügen und mit rotem Schlips gekleidet, einig.

 Jannis Langmaack, 22 aus Neumünster, Patrick Uslar (19) und Jakob Goebel (22) aus Kiel oder André Maas, 33-jähriger Kröger, wie er sich selbst tituliert, haben viel vor. „Ja, wir sind eine Satire-Partei, sind aber nicht humoristischer als andere Parteien“, sind sie sich einig. Aber: „Andere sind es unfreiwillig – und wir sind es ganz bewusst.“ Sie wollen das „Privileg der Macht“ auskosten. Führungserfahrung haben sie alle vorzuweisen: Der eine war Gruppenführer in der Jugendfeuerwehr, der andere Klassensprecher in der Grundschule.

 Ihre vorab gefasste Agenda spricht Bände: Sie wollen sich für eine Polizei-Tretbootstaffel im Gefahrenbereich des Kleinen Kiels in Kiel einsetzen, plädieren für freies Wlan auf öffentlichen Toiletten, wünschen sich eine „Seilbahn von irgendwo nach Kiel-Gaarden“ oder eine Kieler Woche von Januar bis Dezember für „die konsumierende Mitte“. Aberwitzige Forderungen. Thesen, die aber bei so manchem anzukommen scheinen. „Gerade dieser realsatirische Ansatz ist es, der Die Partei von den etablierten Parteien abhebt“, sagt Manuel Friedinger. Der 31-jährige Student ist einer von einem Dutzend, die noch am Abend den Mitgliedsantrag ausfüllen. „Es ist eine Alternative, weil hier nicht statisch in parteipolitischen Mustern, sondern frei und unkonventionell gedacht wird“, bekennt Michael Wüsthoff, Einzelhändler und Neumitglied. „Wer kreativ und pointiert regionale Politik karikieren kann, der macht auch im Ernstfall Politik für den Bürger“, ist der 29-Jährige sicher.

 Soweit ist es noch nicht. Der Veranstaltungsraum muss noch selbst hergerichtet werden. Einer bläst Luftballons auf, ein anderer hängt Transparente auf, die zuvor im Online-Fanshop gekauft wurden. Ein dritter schiebt Stühle, Sofa und Tische zusammen. Spontaner Besuch taucht auf: Der Vorstand der Partei aus Flensburg überreicht Blumen – doch einer lässt auf sich warten: der Stargast aus Lübeck. „Bastian liegt krank im Bett und lässt sich entschuldigen“, sagt Swana Lohse nach diversen hektischen Telefonaten per Handy, die wenig später einstimmig zur neuen Chefin gewählt wird. Ein wenig Enttäuschung über die spontanen Absage Langbehns ist den Kielern für einen Augenblick schon anzumerken. Doch lange währt dies nicht: Bei Flaschenbier und Zigarette wird eiligst eine neue politische Forderung formuliert, die dann doch zu der politisch etablierten Rivalität der beiden Städte passt: „Lübeck raus aus Schleswig-Holstein – wir befürworten den Marzipan-Mauerbau!“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3