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Carstensen ist mit sich im Reinen

Ehemaligentreffen Carstensen ist mit sich im Reinen

Schon bei der Ankunft in seinem Zuhause, dem früheren Forsthaus Schierensee, merken die Besucher: Der Mann hat unverschämt gute Laune. Im dritten Jahr seines Ruhestands wirkt er wie von einer Last befreit.

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Eine „unglaubliche Freiheit“: Peter Harry Carstensen genießt seinen Ruhestand im früheren Forsthaus Schierensee. Die Hunde Lawrenz, ein Rauhaardackel, und Diego, ein Chesapeake-Bay-Retriever, sind fast immer dabei.

Quelle: Frank Peter

Schierensee. „Ich bin zutiefst zufrieden und dankbar“, bestätigt Peter Harry Carstensen, der als Bundestagsabgeordneter gestartet, später Vorsitzender der Nord-CDU und Regierungschef geworden ist. Der heute 68-Jährige – in seinen Anfängen in der Landespolitik von manchen als „Bauer“ oder „Clown“ verspottet – ist stolz auf das, was er erreicht hat. Seine siebenjährige Amtszeit steht für die Einleitung der Haushaltskonsolidierung und einen zum Teil rigorosen Sparkurs.

 Die Geschichte beginnt 2002. Im Land regiert Rot-Grün. Aber die oppositionelle CDU beschäftigt sich mit sich selbst: Hier herrscht Hauen und Stechen, hier wird nach Kräften intrigiert und um die Macht gepokert. Die Parteispitze in Berlin ist alarmiert über die Zustände im Norden. Der Plan: Abhilfe soll aus der einflussreichen Gruppe der Bundestagsabgeordneten kommen. Es muss jemand ran, der nicht zu den schleswig-holsteinischen Kungelkreisen gehört. Jemand, der eint und nicht spaltet.

 Carstensen wird im Juni neuer Landeschef, ein Jahr später zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2005 gekürt. „In meiner Partei hatten alle (nach der Barschel/Pfeiffer-Affäre) noch Asche auf dem Haupt“, sagt er. „Es ging darum, ihr wieder Selbstvertrauen zu geben.“ Der gebürtige Nordfriese schafft das mit seinem Optimismus, seinem lauten Humor und seiner väterlichen Art. Viele in der CDU scheinen erleichtert, dass endlich mal wieder einer aus der Führungsetage gute Stimmung verbreitet. Trotzdem, die Anfänge sind „holprig“, wie er selbst sagt. Der Landwirtschaftsexperte muss sich jetzt in alle Themen einfuchsen und scheint inhaltlich manchmal überfordert. „Ministerpräsident zu werden, ist einem ja nicht in die Wiege gelegt“, sagt er.

 Im Vorwahljahr 2004 liegt er in den Umfragen weit hinter der damaligen Ministerpräsidentin Heide Simonis. Niemand spricht es öffentlich aus. Aber in der CDU wird getuschelt, man täte vielleicht besser daran, noch in letzter Minute den Spitzenkandidaten auszutauschen. Carstensen beklagt sich damals nicht über diese Illoyalität. Doch man merkt ihm an, wie sehr ihn das mitnimmt. Heute sagt er: „Ich habe das gemacht, was ich machen konnte.“ Er glaubt an den Erfolg. Schon damals sind Eigenschaften zu erkennen, die auch seine Politik als Landesvater bestimmen werden. Der Mann – groß geworden im rauen Klima der Westküste – ist ein Bauchmensch. Er handelt oft mehr nach Gefühl als nach Verstand. Vor allem aber ist er ein Kämpfer.

 Das zahlt sich aus: Bei der Landtagswahl im Februar 2005 erzielt die CDU mit 40,2 Prozent der Stimmen ihr bestes Ergebnis seit dem Rücktritt von Uwe Barschel im Jahr 1987 und wird stärkste Fraktion – wenn auch mit hauchdünnem Abstand zu den Sozialdemokraten. Die wollen sich zusammen mit den Grünen auf das Experiment einer vom SSW tolerierten Minderheitsregierung einlassen. Es ist mit dem Scheitern der Wiederwahl von Simonis am 17. März 2005 zu Ende, bevor es begonnen hat.

 Auch in diesem Fall hat er den richtigen Riecher. „Natürlich konnte ich das Schicksal von Simonis nicht voraussehen. Aber ich war überzeugt, dass dieses Experiment nicht gelingen konnte. Deshalb bin ich nach der Landtagswahl nicht nach Berlin zurückgekehrt, sondern in Kiel geblieben.“

 Nach dem „Heide-Mord“ beginnt mit der Großen Koalition die Ära Carstensen. Auch heute noch lobt er die Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten in den höchsten Tönen. „Die Schwierigkeiten lagen bei einer einzigen Person“, sagt er in solchen Momenten gern. Gemeint ist sein Erzrivale Ralf Stegner. Aber den Bruch vollzieht 2009 der Regierungschef selbst. Er entlässt die vier SPD-Minister, mit denen er so gut klargekommen ist.

 Die geschassten Sozialdemokraten sind bis heute stinksauer: Sie hätten binnen 24 Stunden ihre Büros räumen müssen. „Ich habe eine solche Anweisung nicht gegeben, ich wollte die Minister ihrer Leistung entsprechend würdig verabschieden“, beteuert hingegen Carstensen – und wirkt zerknirscht. Das Ende der Großen Koalition ist auch für ihn ein wunder Punkt.

 Der Ministerpräsident kann ab 2009 mit der FDP weiterregieren, allerdings nur für eine verkürzte Amtszeit. Das Landesverfassungsgericht erklärt das schleswig-holsteinische Wahlrecht für verfassungswidrig und ordnet eine Neuwahl an. Carstensen entscheidet sich, 2012 zu gehen. Den Zeitpunkt seines Abschieds selbst bestimmen zu können, gibt ihm „eine unglaubliche Freiheit“.

 Diese Freiheit weiß er gut zu nutzen. In Schierensee, wo er mit Ehefrau Sandra lebt, kümmert er sich um seine Bienen und hält die Hunde Lawrenz und Diego bei Laune. Natürlich ist er ehrenamtlich aktiv – zum Beispiel für die Welternährung und die Kultur.

 Und manchmal macht er einen Ausflug in die aktuelle Politik: Im Moment ist er als Sprecher der Volksinitiative, die sich für einen Gottesbezug in der Landesverfassung einsetzt, ein gefragter Mann.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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