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Ohne Idealismus geht es nicht

Erstaufnahme Boostedt Ohne Idealismus geht es nicht

Improvisation, Mangel und die Hoffnung auf eine Wende: Ein Besuch in der Boostedter Erstaufnahme für Flüchtlinge, die Innenminister Stefan Studt als Vorbild für all die anderen Erstaufnahmen, die da noch kommen, sieht.

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Innenminister Stefan Studt (links) half Dietrich Mohr beim Ausladen einer Kleiderspende des evangelischen Familienzentrums Ruthenberger Rasselbande Neumünster. Vor allem warme Winterbekleidung für Männer wird dringend benötigt.

Quelle: Jörg Wohlfromm

Boostedt. Ob bei der Lehrerin mit Spätaussiedlergeschichte, dem Kantinenleiter, dessen türkischer Großvater als Architekt beim Bau der Hamburger Köhlbrandbrücke half, oder der ehrenamtlichen DRK-Helferin in der Kleiderkammer, die eigentlich Journalistin ist: Immer wieder blitzt in Boostedt an diesem trüben November-Mittwoch so etwas wie Idealismus auf. Innenminister Stefan Studt verlegte seine allwöchentliche Pressekonferenz zur Flüchtlingssituation vom Landeshaus in die riesige Erstaufnahmeeinrichtung mit ihren 2000 Menschen – und bat die Journalisten in ein Klassenzimmer.

Bildungsnation Deutschland: Aktuell werden im Schulgebäude 60 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren in Deutsch unterrichtet, oft geht es auch um Alphabetisierung. Die Teilnahme ist Pflicht, es gilt Schleswig-Holsteins Schulgesetz. Die acht Lehrer sind organisatorisch an die Mühlenhofschule und die Helene-Lange-Schule Neumünster angegliedert und unterrichten von 8.30 bis 13.30 Uhr. Auf Klassenarbeiten und Zensuren wird allerdings verzichtet. „Wir wollen doch für die neue Sprache Seele und Herz öffnen“, sagt Koordinatorin Angelika Neth und spricht vom Überlebenskampf in einem fremden Land, der nur mit Deutschkenntnissen gewonnen werden kann. Für die Älteren gibt es Volkshochschulkurse, darüber hinaus ergänzen Ehrenamtliche das Angebot.

Helfer stellen sich auf Familien ein

Schule und Kinderbetreuung seien wichtig, stellt Ulf Döhring fest, Leiter im Landesamt für Ausländerangelegenheiten. 34 Prozent der Menschen, die im November nach Schleswig-Holstein kamen, sind nach seinen Angaben minderjährig. Die Struktur der ankommenden Flüchtlinge verändere sich, die Helfer müssten sich verstärkt auf Familien einstellen. 66 Prozent der Flüchtlinge kommen derzeit aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Der Anteil der Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern wie Albanien, dem Kosovo, Serbien und Montenegro sank auf zwei Prozent. Im September lag er noch bei 23 Prozent.

Im ostholsteinischen Putlos und in Glückstadt sind ab heute die ersten Unterkünfte bezugsfertig. Minister Studt kündigte an, dass das Land bis kurz vor Weihnachten „nahezu wöchentlich“ weitere Einrichtungen eröffne und am Ziel festhalte, 25000 Plätze in Erstaufnahmeeinrichtungen anzubieten. Ob das nun bis Ende Dezember oder bis zum 15. Januar gelinge, sei zweitrangig. Der Zustrom bewege sich mit 8000 bis 9000 Menschen pro Monat auf hohem Niveau. 5800 Menschen würden in diesem Monat den Kreisen zugewiesen. „Die Kommunen sind informiert, Überraschungen wird es nicht geben“, so Studt.

Minister wagt keine Prognose

Ob im nächsten Jahr weitere 50000 Flüchtlinge zu erwarten seien? Der Minister lehnte eine Prognose ab. „Es wäre schön, wenn es weniger Gründe gäbe, sein Heimatland zu verlassen“, sagt er. Aber wenn es ums Wünschen gehe, könnte er dreierlei nennen: „Frieden, Frieden, Frieden.“

Damit ist die Pressekonferenz zu Ende, es geht zur Stippvisite in die Kantine im Ex-Unteroffiziersheim, wo Johann Blume mit seinem Team täglich 1700 Essen ausgibt – an diesem Tag Fladenbrot, Pudding, Reis – und Fischragout. „Schmeckt gut“, sagt Familienvater Mohammed Haxan (35). Sein Sohn Judy (14) lächelt tapfer. Es ist hier nicht anders als in Millionen anderer Familien: Der Junior hat vom Fisch wenig angerührt. Als vor Kurzem für ein paar Stunden Schnee lag, fiel den Helfern etwas auf: Es fehlt an Schlitten für die Kinder. „Wenn wir solche Sachspenden bekommen könnten, wäre das total klasse“, sagt die DRK-Leiterin Neumünster, Maria von Glischinski.

Kontakte direkt bei der Erstaufnahme, über die E-Mail andreas.hinrichs@drk-nms.de oder neuerdings auf der Plattform www.ich-helfe.sh.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Foto: Gab in der Erstaufnahme einen Überblick zur aktuellen Flüchtlingssituation im Land: Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD).

Mehr Kinder, mehr Frauen, aber weniger Menschen vom Balkan – Schleswig-Holstein erreichen weiter täglich viele Flüchtlinge. Innenminister Studt hält am Ziel fest, 25 000 Plätze in Erstaufnahmen für sie zu schaffen. Eine Einrichtung hat für ihn Modellcharakter.

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