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Wie wird man wiedergewählt?

Ex-Minister Jost de Jager Wie wird man wiedergewählt?

Bei Rot-Grün-Blau läuft es schon lange nicht mehr rund, der Regierungsbetrieb ist ins Stottern geraten. Zurzeit stehen Sozialministerin Kristin Alheit und Innenminister Stefan Studt im Kreuzfeuer der Kritik. Bei den Problemen der Koalition geht es nicht unbedingt um handfeste politische Skandale. Oft sind es „nur“ Fehler in der Kommunikation und ungeschickter Führungsstil. Welche Grundsätze sollten beim Regieren beherzigt werden?

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Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Respekt gegenüber der Verwaltung: Ex-Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (li.) hat mit seinem ehemaligen Referenten Sören Wendt eine Art Handlungsanleitung für die Führung einer Behörde entwickelt.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Wo liegen die Fallstricke im Umgang mit der Verwaltung? Diesen Fragen ist Ex-Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (CDU), der heute in der Strategie- und Unternehmensberatung tätig ist, auf den Grund gegangen. Als Insider hat er eine Art Handlungsanleitung entwickelt.

 In dem Papier beschreiben de Jager und Co-Autor Sören Wendt, ehemals Referent im Wirtschaftsministerium, was bei einem Regierungs- oder Ministerwechsel auf beide Seiten zukommt. „Die alten Hasen der Administration haben schon viele Wechsel durchlitten und warten geduldig ab, ob der neue Chef das nötige Format hat. Vor Kraft strotzend und mit diversen Vorurteilen über Beamte ausgestattet, trifft wiederum die neue politische Führungsebene auf die Realität des Behördenalltags.“

 Nach Auffassung de Jagers, der Unternehmen auch mit den Mechanismen des Politbetriebs vertraut macht, gibt es nach der Anfangsphase drei denkbare Konstellationen.

 Erstens: Der Behörde gelingt es, ihren Minister „einzunorden“. Die Hausspitze passt sich dem System an und gibt ihren Gestaltungswillen weitgehend auf. Es findet kaum ein Wandel statt, aber es kommt auch nicht zu Verwerfungen. In diesem Fall sind die Chancen des Ministers, wiedergewählt zu werden beziehungsweise auf längere Sicht im Amt zu bleiben, „mittel“.

 Zweitens: Der Minister nimmt keine Rücksicht auf die Spielregeln und agiert wie die Axt im Walde – frei nach dem Motto „Ohne Rücksicht auf Verluste gestalten“. Viele Projekte sind damit zum Scheitern verurteilt. In diesem Fall sind die Wiederwahlchancen des Ministers „gering“.

 Drittens: Der Minister erkennt die Chancen, die ein Haus gut ausgebildeter Experten bietet, und nutzt sie. Er kommuniziert mit den Mitarbeitern und kämpft für die Interessen des Ministeriums. Der Verwaltungsapparat wird ihm das mit loyaler Unterstützung danken und den Minister als Leitfigur anerkennen. In diesem Fall sind seine Wiederwahlchancen „hoch“.

 Um die Einstufung „hoch“ zu erreichen, müsse der Ressortchef allerdings zum Umlernen bereit sein, erklären de Jager und Wendt. Denn: „Gewählt wird ein Minister aufgrund seiner Strahlkraft und seiner politischen Versprechen. Im Amt muss er sich als Verwaltungsexperte und Manager beweisen – ohne dass er hierauf vorbereitet wäre.“ Deshalb brauche der oder die „Neue“ ganz schnell eine gute Truppe. Nur so könne es der Hausspitze gelingen, ihre politischen Ziele auch durchzusetzen.

 Erforderlich sei dafür eine Portion Demut. „Das ,Brot-und-Butter-Geschäft’ der Ministerien (80 Prozent der Behördenvorgänge) läuft ohne ,Einmischung von oben’ besser. Jeder Minister sollte sich auf die relevanten politischen Projekte konzentrieren – und sonst seine Mannschaft machen lassen“, mahnen die Verfasser des Papiers. Auch dürfe ein Ressortchef niemals seine Beamten unterschätzen. So gebe es für Juristen im öffentlichen Dienst einen harten Auswahlprozess. „Entsprechend sitzen in der Behörde oftmals Experten, die auf ihrem Gebiet einsame Spitze sind.“ Dies sei sehr gut für den Minister, wenn er eine fundierte Analyse brauche. Schlecht gehe es hingegen für ihn aus, wenn er meine, alles besser zu wissen.

 Fallstricke liegen auch in einem anderen Bereich. Zwar seien die meisten Politiker rhetorisch geübt. Die Herausforderung im Behördenalltag sei jedoch die „interne“ Kommunikation. Jedes Ministerium verfüge über eine ureigene Kultur, eine spezielle „Sprache“ und eigene Kommunikationskanäle. Ein Ressortchef tut gut daran, diese Kultur zu respektieren, sagen de Jager und Wendt und bringen ein – positives – Beispiel. Ein neu gewählter Bundesminister habe einst drei Tage auf seinen Bürostuhl warten müssen. Er habe klugerweise schnell erkannt, dass dies keine Schlamperei, sondern ein Zeichen der Verwaltung gewesen sei: „Ohne uns geht hier nichts.“ Der Mann sei ein erfolgreicher Minister geworden.

 Und was erwarten die Mitarbeiter von der Spitze des Hauses? Die Antwortet lautet für die Verfasser ganz klar: Führung. Das bedeute vor allem, dass politische Vorgaben für die Beschäftigten gut nachzuvollziehen und in den internen Arbeitsabläufen des Hauses gut umzusetzen seien. Falsch sei es auf alle Fälle zu meinen, eine Behörde müsse nur mal richtig aufgeräumt werden. Der Schlüssel zum Erfolg liege im Respekt gegenüber einer Gemeinschaft, die darauf trainiert sei, Politiker bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu unterstützen.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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