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Gutachten entlastet die Heimaufsicht

Fall Friesenhof Gutachten entlastet die Heimaufsicht

Positive Nachrichten für die im Fall Friesenhof in die Kritik geratene Sozialministerin Alheit. Ein Gutachter entlastet die Heimaufsicht des Landes. Der Experte mahnt gleichwohl dringend Verbesserungen an.

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Positive Nachrichten für die im Fall Friesenhof in die Kritik geratene Sozialministerin Alheit. Ein Gutachter entlastet die Heimaufsicht des Landes.

Quelle: Ulf Dahl/ Archiv

Kiel. Drei Tage vor ersten Zeugenbefragungen im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) hat Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) ein Gutachten präsentiert, das ihre Behörde im Fall Friesenhof entlastet. Insgesamt sei „an keiner Stelle in den umfangreichen Aktendokumentationen erkennbar, dass den zahlreichen Hinweisen auf eine problematische Betreuungspraxis in den Einrichtungen des Trägers Friesenhof nicht unverzüglich und entschieden nachgegangen ist“, heißt es in der Expertise des Koblenzer Pädagogik-Professors Christian Schrapper. Die gesetzlichen Möglichkeiten einer Heimaufsicht seien „voll und ganz ausgeschöpft worden“.

21 Aktenbände, 3650 Blätter: Nach der Schließung der Mädchenheime und dem massiven Vorwurf der Opposition, die Ministerin hätte nicht rechtzeitig genug reagiert, hatte Alheit im Juni eine Task-Force mit einem Flensburger Staatsanwalt zur Aufarbeitung der Vorgänge eingesetzt und im Juli zusätzlich den Gutachter bestellt. Kostenpunkt: 8000 Euro. „In meinem Haus wird wirklich alles auf den Kopf gestellt, was mit dem Friesenhof in Zusammenhang steht“, sagte sie am Freitag und wiederholte einen Satz, der wie ein Mantra scheint: Es sei das Kindeswohl, das sie am meisten bewege. „Das ist mir ein persönliches Anliegen.“

Nach Angaben des Fachmanns hat sich die Heimaufsicht an den Friesenhof-Betreibern regelrecht die Zähne ausgebissen. Die Mitarbeiter hätten ihre Aufgaben „korrekt, engagiert und fachlich kompetent“ wahrgenommen und seien Hinweisen, wonach in den Heimen Mädchen eingesperrt und seelisch gequält wurden, „immer wieder zeitnah, sorgfältig und mit Nachdruck“ nachgegangen. Sein Fazit nach Einsicht der Akten: „Der Vorwurf der Pflichtverletzung geht völlig fehl.“

Drill und Bestrafung: Der Koblenzer Wissenschaftler ließ keinen Zweifel daran, dass er die pädagogischen Methoden des ehemaligen Preisboxers Lothar Kannenberg, die im Friesenhof praktiziert wurden, für falsch hält. „Kindliche Seele ist kein Muskel, den man trainieren muss.“ Die Friesenhof-Betreiberin habe in der populären Brachialmethode ihre Marktchancen gewittert. Entwürdigungen, Kränkungen und seelische Verletzungen gehörten laut Schrapper auch dazu. Als zuletzt drei Mädchen drohten, sich das Leben zu nehmen, schritt die Behörde ein. Juristisch bewege sie sich bis heute in der Grauzone: „Rechtlich kann man ein Heim erst schließen, wenn sich ein Mädchen tatsächlich umgebracht hat und ein ursächlicher Zusammenhang mit der Betriebsführung bewiesen werden kann.“

Die Friesenhof-Leiterin habe eher als Unternehmerin agiert und frühzeitig ihre Anwälte eingeschaltet. Schrapper warf dem Gesetzgeber einen „eklatanten Mangel anerkannter pädagogischer Grundsätze“ vor. In der Pflicht seien auch die Fachverbände und Träger. Sie müssten aushandeln, was pädagogisch noch angemessen ist. Die Aufsichtsbehörde im Ministerium allein sei dazu nicht in der Lage.

Die Opposition überzeugt das alles nicht: „Frau Alheit hat immer noch nicht begriffen, dass die Verantwortung einer Sozialministerin über juristische Fragen hinaus geht. Sonst würde sie sich nicht am letzten Arbeitstag vor der ersten Zeugenbefragung von Gutachtern hinter verschlossenen Türen bescheinigen lassen, juristisch alles richtig gemacht zu haben“, kritisierte CDU-Fraktionschef Daniel Günther. Ähnlich äußerte sich FDP-Kollege Wolfgang Kubicki.„Das vom Ministerium selbst in Auftrag gegebene Gutachten ist nichts anderes als eine skandalöse Maßnahme zur Reinwaschung im Friesenhof-Skandal.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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