13 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
DRK-Landeschef will Streit in Unterkünften vorbeugen

Flüchtlinge DRK-Landeschef will Streit in Unterkünften vorbeugen

Beengte Wohncontainer, viel Leerlauf, ethnische Spannungen: Die Situation in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Schleswig-Holstein ist gerade im Winter für Flüchtlinge nervenzehrend. DRK-Landeschef Geerdts und Innenminister Studt sehen Handlungsbedarf.

Voriger Artikel
Für jeden Flüchtling gibt es Sondermittel
Nächster Artikel
Rot-Grün: Nachbarschaft von Flüchtlingsheimen unterstützen

Torsten Geerdts stellt die Strategie klar: Zur Vermeidung von Streit in Asylunterkünften setzt das DRK auf Präventionen.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Zur Vermeidung von Streit und Gewalttätigkeiten in Flüchtlingsunterkünften setzen das Deutsche Rotes Kreuz (DRK) in Schleswig-Holstein und Innenminister Stefan Studt (SPD) auf vorbeugende Maßnahmen. Angesichts der beengten Verhältnisse in Wohncontainern und geringer Freizeitmöglichkeiten in Erstaufnahmeinrichtungen appellierte DRK-Landeschef Torsten Geerdts an Vereine und Organisationen im Umfeld solcher Unterkünfte, sich für Flüchtlinge zu öffnen und gezielt Angebote zu machen – auch wenn die Menschen dort oft nur kurze Zeit blieben. Studt strebt eine geringere Belegung je Wohncontainer an. Zudem müssten die Freizeit- und Sportangebote weiter ausgebaut werden, betonte auch der Minister.

Streitereien seien „ein Problem, aber kein übergroßes“, beschrieb Geerdts – früher Landtagspräsident und CDU-Landtagsabgeordneter – die Lage in den vom DRK betreuten Erstaufnahmen. „Ich glaube, es ist eine normale Situation, weil wir mittlerweise etwa 13 000 Menschen dort untergebracht haben.“ Schleswig-Holstein wird in diesem Jahr insgesamt etwa 50 000 Flüchtlinge aufnehmen, die zunächst in Erstaufnahmen kommen und dann auf die Kommunen verteilt werden. Im vergangenen Jahr kamen rund 8000 Flüchtlinge in den Norden.

Geerdts will um Geduld bitten

Studt betonte: „Die Kriminalität ist unter den Flüchtlingen grundsätzlich nicht höher als bei der deutschen Bevölkerung. Das zeigen die aktuellen Zahlen.“ Fakt sei aber auch: „Dort, wo viele Menschen auf engem Raum wohnen, kommt es zu Spannungen, und es steigt die Gefahr von Auseinandersetzungen. Dies sei inzwischen vermehrt auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen der Fall.

Einem Aufheizen der Atmosphäre lasse sich mit teils einfachen Maßnahmen vorbeugen, sagte Geerdts. „Das Wichtigste ist meines Erachtens, den ankommenden Flüchtlingen zu erklären, dass wir einen starken Zulauf haben und die Menschen um Geduld bitten – wir müssen sagen: Das ist auf Zeit und der Situation geschuldet.“

„Und wir als Betreuungsverband müssen einfach dafür sorgen, dass Gruppen, von denen wir wissen, dass es zu Spannungen führen kann, nicht zusammengelegt werden“, sagte der DRK-Landeschef. In der federführenden „Besonderen Aufbauorganisation“ (BAO), dem das DRK und allen anderen Beteiligten von der Polizei bis zum THW angehören, werde genau darauf geachtet. Vor der Verteilung von Flüchtlingen werde geprüft, welche nationalen, ethnischen oder religiösen Gruppen sich schon in der jeweiligen Erstaufnahme befinden.

Sortieren, aber nicht nach Ländern

„Wir wollen einigermaßen passgenau neue Personen dazu tun, also von vorneherein ein wenig steuern“ sagte Geerdts. „Aber wir haben keine reinen Länder-Erstaufnahmeeinrichtungen etwa für Menschen aus Syrien oder dem Irak – das wäre auch gar nicht leistbar.“

Anlass für Streit haben in der Vergangenheit vor allem die Essen- oder Taschengeldausgaben geboten. Geerdts betonte, man habe in der völlig überbelegten zentralen Erstaufnahme des Landes in Neumünster inzwischen gehandelt. Für teils mehr als 5000 Menschen – die Kapazität beträgt 2000 Plätze – habe nur eine Kantine mit einigen hundert Plätzen zur Verfügung gestanden. Inzwischen seien zwei zusätzliche Kantinenzelte errichtet und die Öffnungszeiten ausgeweitet worden, sagte Geerdts. „Auch bei den Kleiderkammern haben wir die eine oder andere Auseinandersetzung. Aber unsere Ehrenamtler sind dafür geschult, dass sie damit umgehen können.“

Die geplante Einführung von Geldkarten für Flüchtlinge und speziellen Automaten in Erstaufnahmen begründete Studt damit, Schleswig-Holstein wolle nicht vollständig auf Sachleistungen umstellen: „Flüchtlingen soll die Möglichkeit erhalten bleiben, selbstbestimmt über einen Teil der staatlichen Leistungen zu verfügen.“ Gemeinsam mit anderen Ländern werde derzeit geprüft, wie sich dies verfahrenssicher, zum Beispiel durch die Ausgabe von Geldkarten, gewährleisten lasse.

Schnellere Verfahren notwendig

Geerdts kritisierte die langen Asylverfahren. Er finde es vernünftig, dass Flüchtlinge ohne Bleibespektive – etwa Menschen aus Balkanstaaten – in den Erstaufnahmen künftig bis zum Abschluss ihres Verfahrens bleiben sollen und nicht auf die Kommunen weiterverteilt werden. „Aber die Verfahren müssen insgesamt früher beginnen und schneller abgeschlossen werden. Ansonsten werden wir Anspannungen haben in der Belegung in den Erstaufnahmen“, warnte Geerdts.

„Wenn ich die Situation aber vergleiche, wie ich sie geschildert bekomme von DRK-Kollegen aus anderen Bundesländern, dann sind wir in Schleswig-Holstein wirklich gut davor.“ Aktuell die größte Herausforderung sei, nicht einen Menschen über die Wintermonate in Zeltunterkünften betreuen zu müssen. Bisher habe man das geschafft. „Wir wären froh und dankbar, wenn wir dieses Ziel wirklich durchtragen können durch den Winter.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Erstaufnahmen
Foto: Asylsuchende als Geldquelle? Mit jedem registrierten Flüchtling erhalten die aufnehmenden Gemeinden auch mehr Geld vom Land.

Ob Kiel, Boostedt oder Fargau-Pratjau: Den Städten und Gemeinden mit Erstaufnahmen für Flüchtlinge winken Sondermittel in Millionenhöhe. Das bestätigt das Innenministerium in Kiel. Begründung: Jeder registrierte Flüchtling ist ein neuer Einwohner, für den es Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich gibt.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Politik 2/3