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Kiel setzt Land unter Druck

Flüchtlinge auf Uni-Campus Kiel setzt Land unter Druck

Die Würfel sind gefallen: Die neue Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Kiel soll auf dem Campus der CAU Kiel entstehen. Doch die Stadt fordert einen Ausgleich. Das Land reagiert verhalten.

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In Schleswig-Holstein werden die Container knapp

Quelle: Bastian Modrow

Kiel. „Wir wünschen uns, dass die Interessen der Stadt Kiel bei der Planung der neuen Erstaufnahmeeinrichtung nachhaltig berücksichtigt werden“, sagt Kiels zuständiger Stadtrat Gerwin Stöcken. Grundsätzlich müsse das neue Gebäude mit der Stadtentwicklungsstrategie vereinbar sein und sich auf dem Campus der Christian-Albrechts-Universität (CAU) einpassen. Stadt und Universität planen dort in den nächsten Jahren unter anderem eine umfangreiche Wohnbebauung für Studierende. Darüber hinaus müssten die Erstaufnahme-Flüchtlinge bei der späteren Verteilung im Land eins zu eins angerechnet werden. Von dieser Regelung profitieren derzeit bereits Neumünster und der Kreis Segeberg mit ihren Erstaufnahmeeinrichtungen. „Sollte dies nicht möglich sein, muss der Verteilungsschlüssel geändert werden“, sagt Stöcken. Kiel muss derzeit laut Landesverordnung 8,7 Prozent der Flüchtlinge dauerhaft ein Quartier bieten.

 Erstaufnahme in der Wik ist vom Tisch

 Im federführenden Innenministerium gibt man sich in der Frage zurückhaltend. „Wir sind derzeit in guten Gesprächen und werden die letzten Probleme zügig abräumen“, sagt Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler. Zugleich bestätigt sie, dass eine Erstaufnahmeeinrichtung in der alten Marinetechnikschule in der Wik vom Tisch ist: „Dort wären gravierende Umbaumaßnahmen nötig und eine dauerhafte Nutzung trotzdem nicht möglich gewesen.“ In Regierungskreisen ist von Kosten bis zu 40 Millionen Euro die Rede. „Wir haben uns nach eingehender Prüfung für einen Standort auf dem CAU-Campus entschieden“, sagt Söller-Winkler. Dort soll nun „so schnell wie möglich“ auf einem 15000 Quadratmeter großen Gelände am Bremerskamp direkt hinter der Universitätsbibliothek eine Unterkunft für bis zu 700 Flüchtlinge entstehen.

 Für diesen Herbst ist zunächst eine Containerlösung angedacht. Im kommenden Jahr soll dann ein langfristig nutzbares Bauwerk in Modul-Bauweise errichtet werden. „Eine spätere Nachnutzung für studentisches Wohnen ist dabei ausdrücklich vorgesehen“, sagt Söller-Winkler. Weitere Details sollen am 24. April in einem Sechs-Augen-Gespräch zwischen Innenminister Stefan Studt, Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (beide SPD) und CAU-Präsident Lutz Kipp erörtert werden. Am 6. Mai soll das Konzept dann auf dem Flüchtlingsgipfel in Kiel vorgestellt werden.

 Das Land will wegen des anhaltenden Flüchtlingsstroms neben Kiel noch zwei weitere Erstaufnahmeeinrichtungen schaffen. Im Gespräch sind die Hochschulstandorte Lübeck, Flensburg und Heide. Die Gesamtkapazität soll von derzeit 1350 Plätzen (Neumünster und Boostedt) auf 4000 Plätze steigen. Das Land rechnet in diesem Jahr mit bis zu 20000 neuen Flüchtlingen.

 Wohncontainer werden knapp

 Die Nachfrage nach mobilen Unterkünften ist in den vergangenen Wochen derart stark gestiegen, dass viele Händler keine Module mehr zum Kauf oder Verleih ausliefern können. Die Hersteller haben ebenfalls kaum Chancen, kurzfristige Abhilfe leisten: Die Lager sind leer, die Lieferzeit beträgt bis zu drei Monaten.

 Städte und Gemeinden stehen vor einem logistischen Termin: Vielerorts mangelt es an geeignetem Wohnraum, um Flüchtlinge unterzubringen. Immer häufiger müssen sie auf Container-Lösungen zurückgreifen, die Händler aber immer häufiger passen. „Die ganze Branche ist von der immensen Nachfrage überrascht worden“, sagt Peter Niemann, Geschäftsführer der Firma FN in Kronshagen. Die 2500 mobilen Module, die sein Unternehmen besitzt, seien fast komplett weg. „Neben Unterkünften für Flüchtlinge ist in den vergangenen Monaten aber auch die Nachfrage von Schulen stark gestiegen“, sagt Niemand. Schließlich habe auch die Konjunktur bei Bau und Industrie spürbar angezogen. „entsprechend groß war auch in dieser Branche die nachfrage nach Einheiten“, so der Geschäftsführer. Sein Problem: „Wenn bei uns ein Auftrag eingeht, bestelle ich 100 Module, aber die Frage ist, ob es überhaupt noch welche gibt.“

 Ein Problem, mit dem Günter Schilling, Inhaber der Ne Ka Container Handelsgesellschaft, bereits konfrontiert worden ist. „Es gibt kaum Hersteller von Containern – und die sind mit Auftragen total ausgebucht“, sagt der Geschäftsmann aus Quickborn. Selbst im Ausland sind die Auftragsbücher voll: „Wenn ich jetzt größere Mengen Wohncontainer bestelle, dann habe ich Lieferzeiten von mehreren Monaten“, sagt er. Selbst kleine Mengen seien rar: „Ich habe vor vier Wochen drei Container bei einem Hersteller in der Tschechei bestellt, die Ende Juni geliefert werden sollen“, sagt Schilling.

 Vermietquote liegt bei 95 Prozent

 Stephan Acker, Inhaber des gleichnamigen Firma für Container und Modulbauten, schließt sich der Einschätzung seiner Mitbewerber an. „Wir besitzen etwa 3000 Container – unsere Vermietquote liegt derzeit bei 95 Prozent“, sagt er. Und auch Michael Struck, Abteilungsleiter von Hansa Baustahl in Hamburg, sagt: „Langsam wird es in Norddeutschland eng.“ 1500 Einheiten hat sein Unternehmen bereits vermietet – und obwohl die Nachfrage in den nächsten Monaten schätzungsweise eher steigen als sinken wird, nicht zuletzt aufgrund erhörten Bedarfs von Schulen und Kindergärten, sei die Branche eher abwartend.

 „Ein paar Einheiten kann man immer zusätzlich produzieren lassen, allerdings stellt sich irgendwann die Frage der Wirtschaftlichkeit bei Mietcontainern“, so Struck. Vor 20 Jahren habe es – nicht zuletzt aufgrund starker Flüchtlingsströme – eine sprunghaft hohe Nachfrage nach Wohncontainern gegeben. „Als die Welle nach zwei, drei Jahren abebbte, wurden die Module plötzlich nicht mehr gebraucht“, sagt er. Die Folge: Nicht nur die Mietpreise wurden durch das Überangebot gedrückt, es stellten sich auch gewaltige Logistikprobleme für die Unternehmen, weil es an Lagerplätzen mangelte.

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Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

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Kommentar

Dass die neue Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Kiel auf dem CAU-Campus entstehen soll, ist die richtige Entscheidung. Der Alternativstandort in der alten Marinetechnikschule in der Wik hätte horrende Baukosten verschlungen und wäre dennoch kaum nachhaltig nutzbar gewesen.

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