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Ehemalige Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe

Friesenhof-Untersuchungsausschuss Ehemalige Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe

Friesenhof-Untersuchungsausschuss: Ehemalige Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen Heimleitung. Die Mädchen mussten morgens um 4 Uhr zum Strafsport antreten und im Winter klamme Wäsche anziehen, was zu Hautreizungen führte. Im Nebengebäude tummelten sich Ratten und Mäuse.

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Das Friesenhof-Jugendheim in Hedwigenkoog: Der Landtags-Untersuchungsausschuss befragte am Montag ehemalige Mitarbeiter zu den Missständen.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Freizeitmöglichkeiten gab es so gut wie keine, Spielzeug schon mal gar nicht. Kontaktmöglichkeit zu Gleichaltrigen außerhalb wurden unterbunden, und nur wenige Erzieher waren angemessen qualifiziert: Ehemalige Mitarbeiter der Friesenhof-Einrichtung Campina in Dithmarschen haben am Montag im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) gegen die Geschäftsleitung schwere Vorwürfe erhoben. Ihre Eindrücke hatten sie mehrfach der Kieler Heimaufsicht gemeldet.

 Ein Drittel der Mädchen wies nach Angaben eines heute 49-Jährigen hohes Aggressionspotenzial auf – „und kein Betreuer war dafür besonders ausgebildet“. Zugleich habe es junge Bewohnerinnen mit depressiven Verstimmungen, Suizidabsichten und eindeutigen Symptomen von Borderline gegeben. „Es gab Kinder, die sich ritzten oder absichtlich am Kopf stießen.“ Ihnen gegenüber standen nur dreieinhalb Stellen für Fachkräfte und vier bis fünf ungelernte Mitarbeiter. Der Mann selbst, von Beruf eigentlich Handwerker, hatte zunächst als Nachtwächter im Friesenhof angeheuert, wechselte dann aber schnell in den Tagesdienst.

 Der Wunsch nach Fortbildung sei ihm verwehrt worden. Seine Frau, eine staatlich geprüfte Erzieherin, hatte wenig später in der Einrichtung als Hausleiterin begonnen. Sie sagte im PUA, dass ihr nie ein pädagogisches Konzept ausgehändigt worden sei. Die Eheleute stellten fest, dass sich die Mädchen tagsüber nicht auf ihre Zimmer zurückziehen durften – diese wurden abgeschlossen. Ausflüge wurden immer wieder mit dem Verweis auf Kosten untersagt, und wenn Erzieher mit den Mädchen doch mal Ausflüge zum Koog oder nach Tönning unternahmen, habe es von der Geschäftsleitung Drohungen gehagelt.

 „Wir haben natürlich darüber nachgedacht, dass das alles Missstände sind, die an die Öffentlichkeit gehören“, sagte die ehemalige Hausleiterin. Warum sich kein Mitarbeiter schon mal früher beschwerte? Mancher Kollege, so die Antwort, sei im strukturschwachen Dithmarschen vom Arbeitgeber Friesenhof finanziell abhängig gewesen. Im Oktober 2013, kurz bevor er kündigte, hatte sich der Mann erstmals an die Heimaufsicht in Kiel gewandt und sich damit einem Verbot der Geschäftsführung widersetzt. Insgesamt zwölfmal nahm er Kontakt auf – erst telefonisch, dann per Mail. Nicht zuletzt aufgrund dieser Hinweise stattete die Aufsicht dem Haus Campina am 2. Dezember 2013 einen unangekündigten Besuch ab. Da hatte der Mann die Einrichtung bereits verlassen. Seine Frau ging zum Januar 2014.

 Während die CDU-Obfrau Heike Franzen dem Sozialministerium vorwarf, trotz Informationen über die „erschütternden Vorkommnisse“ nicht wirksam eingegriffen zu haben, stellte ihre SPD-Kollegin Beate Raudies fest, dass das Landesjugendamt zeitnah reagiert. habe. „Dieses führte letztlich auch zur Schließung dieser Einrichtung.“ Marret Bohn (Grüne) forderte einen Heim-Tüv, der unangemeldet Kontrollen vor Ort durchführt. „Außerdem muss es auch für Mitarbeiter eine Möglichkeit geben, auf Missstände anonym hinzuweisen.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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