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Friesenhof: Fragwürdige Methoden

Untersuchungsausschuss Friesenhof: Fragwürdige Methoden

Die mühsame Detailarbeit geht weiter: Die Bereichsleiterin Soziales im Kreis Dithmarschen redet im „Friesenhof“-Untersuchungsausschuss lange über Zuständigkeiten und über chaotische Zustände.

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Eine der "Friesenhof"-Einrichtungen in Hedwigenkoog, bei deren Schließung es im Juni 2015 zu chaotischen Zuständen gekommen sein soll.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Geheimniskrämerei? Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zur Aufklärung der Friesenhof-Affäre hat Staatsanwalt Marcus Marlie am Montag die Akten mitgebracht, die ein Mitarbeiter des Sozialministeriums im September im geräumten Dithmarscher Mädchenheim Nanna gefunden und eingelagert hatte. Vertreter der Piratenfraktion und der CDU hatten Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) Ende vergangener Woche vorgeworfen, diese Unterlagen dem Ausschuss bewusst vorzuenthalten. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich um Schulhefte, die vermutlich den jungen Bewohnerinnen gehören, Dienst- und Putzpläne. „Das Landesjugendamt hat keine Befugnis, in fremde Akten zu schauen“, stellte Marlie klar. Dies würde dem Insolvenzverwalter der inzwischen geschlossenen Mädchenheime obliegen. „Aber wir haben nichts zu verheimlichen.“

Am Montag befragte der PUA die Leiterin des Geschäftsbereichs Familie, Soziales und Gesundheit beim Kreis Dithmarschen, Renate Agnes Dümchen, als Zeugin. Sie berichtete insbesondere vom 3. Juni 2015, als es darum ging, die Heime zu schließen und alle Bewohnerinnen des Hauses Campina anderweitig unterzubringen. Aufgrund einer drohenden Retraumatisierung, die eine solche Inobhutnahme mit sich bringen kann, hatte das Amt eigene Mitarbeiter dabei. Trotzdem sei der Ablauf chaotisch gewesen. Einige Mädchen versuchten demnach, übers Feld zu flüchten, ein anderes verletzte sich schwer an der Hand und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

War es eine geschlossene Einrichtung?

Dümchen hat das Amt zum September 2013 übernommen. Immer wieder betonte sie, dass sie die pädagogischen Maßnahmen im Friesenhof für fragwürdig hielt: Die Verriegelung von Fenstern, der minutiös vorgeschriebene Tagesablauf und Methoden, wonach sich Mädchen Freizeit und Zigaretten verdienen mussten, würden die Frage aufwerfen, ob es sich nicht um eine quasi geschlossene Einrichtung gehandelt habe. „Dazu aber hätte es keine Betriebserlaubnis gegeben“, stellte sie klar. „Geschlossene Einrichtungen haben auch ganz andere Therapeuten- und Erzieherschlüssel.“

Binnen 15 Monaten hatte der Kreis Dithmarschen elf junge Bewohnerinnen in Obhut genommen. Ungewöhnlich hoch sei diese Zahl gewesen, „aber auch nicht mehr“. Alles, was man über die zweifelhaften Lebensumstände der Mädchen im Heim erfuhr, habe man ans Landesjugendamt weitergegeben und fest darauf gebaut, dass man sich dort kümmern werde. „Das mussten wir auch.“ Da Dithmarschen keine eigenen Mädchen in den Friesenhof-Heimen untergebracht hatte, sei man streng genommen nicht zuständig gewesen. Die Bewohnerinnen stammten aus anderen Bundesländern, entsprechend seien die Ämter dort verantwortlich gewesen. Gerade Ballungszentren hätten auf „reizarme Räume“ wie Dithmarschen gesetzt – und auf die Mode, Jugendliche vor allem mit Strenge und Konsequenz zu erziehen. „Das ist eine Sache der Haltung eines Jugendamtes. Wir haben diese Haltung nicht.“

PUA will jetzt Dithmarscher Akten sehen

Der PUA beantragt jetzt Einsicht in die Dithmarscher Akten. „Vermeintlich klare Zuständigkeiten von entsendenden Jugendämtern, örtlichen Jugendämtern und Landesjugendamt führen leider nicht immer dazu, dass das Kindeswohl im Mittelpunkt steht“, bedauerte die SPD-Obfrau Beate Raudies. Ein neues Gutachten soll klären, ob das pädagogische Konzept den anerkannten Standards entsprach. Eine weitere Expertise soll untersuchen, ob die Heimaufsicht ihre Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft hat.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Bereichsleiterin: chaotische Zustände bei Heim-Schließung.

Die Bereichsleiterin Soziales beim Kreis Dithmarschen, Renate Agnes Dümchen, hat im "Friesenhof"-Untersuchungsausschuss erneut von "chaotischen" Zuständen bei der Schließung der Mädchenheime im Kreis berichtet.

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