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Bis zu 18 Stunden auf dem Boden sitzen

„Friesenhof“ Bis zu 18 Stunden auf dem Boden sitzen

Strafen, Aggressionen und Herabwürdigungen: Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) zur inzwischen geschlossenen Dithmarscher Mädchenheim-Einrichtung Friesenhof und der politischen Verantwortung haben am Montag erstmals zwei ehemalige Bewohnerinnen von ihren Erfahrungen berichtet.

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Eine frühere Bewohnerin der geschlossenen „Friesenhof“-Mädchenheime hat von unhaltbaren Zuständen im Camp gesprochen.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Kiel. Nicht nur die kargen Zimmereinrichtungen mit Metallbetten und Metallspinden erinnerten an Kriegscamps.

Bis zu 18 Stunden habe ihre Gruppe im Haus Nanna schon mal auf dem Boden sitzen müssen, erzählte Rebecca R. (22) aus Hamburg. Eine Packung Smarties war gestohlen worden, und weil sich die Täterin nicht zu erkennen gab, wurden zum berüchtigten Aussitzen mal wieder alle kollektiv gestraft. Das erhöhte den internen Druck. Oft hätten Betreuer den Mädchen auch die Arme hinterm Rücken gebogen und sie dann gegen die Wand gedonnert oder auf den Boden gedrückt. Fixieren nannte man diese Methode. „15 bis 20 Minuten konnte das schon mal dauern“, erzählte Denise K. (21), ebenfalls aus Hamburg. Nachdem sie ein Betreuer mit Alkohol erwischt hatte, sei sie von einem Betreuer mit dem Kopf so stark gegen die Wand geschlagen worden, dass ihr ganzer Körper vibrierte.

Strafen an der Tagesordnung

Zur Strafe setzte man den Bewohnerinnen öfter bis zu zwei Wochen lang ungewürzten Grünkohl aus der Dose vor – aufgewärmt, aber ohne Kartoffeln und ohne Fleisch. Schrecklich sei das gewesen, sagte Rebecca. „Das mussten wir dann aufessen, nur die letzten zwei Wochen durften wir etwas Ketchup dazu nehmen.“ Strafsport sei an der Tagesordnung gewesen: Mal waren es 100 Liegestütze („Wie sollte ich das jemals schaffen?“), mal Übungen in der ungeheizten Halle früh morgens um 5 Uhr, mal Laufrunden um ein benachbartes Feld, wobei die Betreuer mit dem Auto hinterher fuhren.

Unzählige Male mussten die Bewohnerinnen Schillers Gedicht von der Glocke abschreiben. Und dann gehörte auch Isolationsstrafe zum Repressionsprogramm. Beide junge Frauen berichteten davon, dass sie für jeweils eine Woche in einem kleinen Apartment leben mussten, wo sie einen dreiseitigen Brief zu schreiben hatten: „Was an meinem Verhalten nicht in Ordnung ist.“

Nie von Heimaufsicht gehört

Nach Angaben von Rebecca waren die Zimmertüren im Haus mit Alarmanlagen ausgerüstet, die nachts anschlugen, wenn eine Bewohnerin sie von innen öffnete, wenn sie auf die Toilette wollte. Fenstergriffe waren abmontiert, die Vordertüren abgeschlossen. Auf Unterstützung der Eltern habe man in diesem Gefängnis nicht bauen können. „Die meisten waren doch froh, dass wir geschützt waren und nachts ein Bett hatten“, winkte Rebecca ab. Eingehende Post wurde kontrolliert, ausgehende zensiert. Und Telefonate, erlaubt ausschließlich mit den Eltern, waren nur zu bestimmten Zeiten im Betreuerbüro erlaubt. Mit eingeschaltetem Lautsprecher. „Hätte ich gesagt, ’Die Einrichtung ist Scheiße, holt mich hier raus’, hätte ich sofort auflegen müssen“, sagte Denise. Von einer Heimaufsicht in Kiel habe sie nie gehört.

Die Abgeordneten reagierten entsetzt. „Im Vergleich zum Friesenhof war die Justizvollzugsanstalt in Lübeck-Lauerhof ein Sanatorium“, sagte Wolfgang Kubicki (FDP). Heike Franzen (CDU) sieht ihre schlimmsten Befürchtungen übertroffen. „Mit solchen Methoden werden Kinder seelisch zerstört.“ Beate Raudies (SPD) wies darauf hin, wie wichtig die Einrichtung einer unabhängigen Ansprechstelle für Heiminder sei. Unterdessen macht die ehemalige Heimbetreiberin Barbara Janssen von ihren Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch. Gegen sie ermittelt die Staatsanwaltschaft.

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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