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Giftig tickende Bohrschlamm-Bomben

Mit Karte Giftig tickende Bohrschlamm-Bomben

An 100 Stellen im Land lagern möglicherweise giftige Bohrschlämme. Das hat das Umweltministerium in der Antwort auf eine Anfrage der Piraten-Fraktion bekanntgegeben. Wie viele Tonnen es sind und ob die Abfälle aus der Erdölförderung gefährlich sind – das kann bisher niemand beantworten.

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An die Zeit der Erdölförderung in Schwedeneck erinnert diese Pferdekopfpumpe im Ortsteil Sprenge.

Quelle: Kerstin v. Schmidt-Phiseldeck

Kiel. In den 74 betroffenen Gemeinden löste die Nachricht am Donnerstag Besorgnis und die Forderung nach schneller Aufklärung aus. Denn dort weiß man von Bohrschlammgruben oft gar nichts (mehr).

Beim Bohren nach Öl und Gas fallen größere Mengen Schlamm an, mit denen im vergangenen Jahrhundert offenbar zum Teil sorglos umgegangen wurde: Mal wurden die Schlämme direkt an Ort und Stelle, mal in Gruben an andere Orten oder zu Deponien transportiert. 2014 hat das Land beschlossen, diese Bohrschlämme gesondert zu erfassen. So soll das Grund- und Trinkwasser vor möglichen Giften geschützt werden. Denn die Schlämme können Öl-Rückstände wie die krebserregenden polyzyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten, aber auch Schwermetalle wie Quecksilber und Arsen sowie radioaktives Radium 226. Die Liste mit den 100 Verdachtsflächen ist dabei nur ein erster Schritt.

Grundwasser wird überwacht

Nach Auskunft des Umweltministeriums liegen vier Flächen davon in Wasserschutzgebieten, und zwar in den Gemeinden Schwentinental, im Grenzbereich Preetz/Pohnsdorf, und in Glinde. Bei der zuständigen unteren Bodenschutzbehörde (uBB) vom Kreis Plön ist allerdings eine Bohrschlammgrube im Wasserschutzgebiet bei Preetz/Pohnsdorf bisher nicht bekannt. Die Schlammgrube in Schwentinental soll hingegen bereits 1986 überprüft worden sein. Der Gutachter riet damals, das oberflächennahe Grundwasser zu überwachen. Dabei seien vereinzelt Überschreitungen von Prüfwerten gemessen worden. Diese könnten aber Folge ungünstiger Prüfverhältnisse sein. Die Behörde sieht zurzeit keine Gefährdung durch den Bohrschlamm. Aber: „Eine weitergehende Überwachung des Grundwassers ist vorgesehen.“

Außerdem seien auch ehemalige Schlammgruben in den Gemeinden Ascheberg, Rendswühren, Passade, Kühren und Hohenfelde untersucht worden. Ergebnis: keine Gefährdung. Zum Teil sollen aber weitere Untersuchungen folgen.

Neun Verdachtsflächen im Land liegen in Trinkwassereinzugsgebieten: unter anderem eine in Boksee südlich von Kiel und in Schwedeneck im Dänischen Wohld. Doris Hinrichsen, Bürgermeisterin in Boksee, ist von dieser Nachricht überrascht, aber nicht beunruhigt. „Ich bin 1951 hier geboren und kann mich nicht an eine Erdölförderung erinnern. Das muss schon sehr lange her sein.“

In Schwedeneck ist die Aufregung groß

Der Bürgermeister von Schwedeneck war gleich auf der Zinne, als er die Nachricht am Morgen auf NDR Info hörte. Er fordert nun schnell Informationen vom Kreis. Eine Grube kennt er immerhin. „Sie liegt auf Privatgrund, ist eingezäunt, oben versiegelt, das Betreten ist verboten. Aber wie sie nach unten abgesichert ist, möchte ich jetzt wissen“, sagt Otto Jonas. „Und ich möchte schnellstmöglich wissen, wo die zweite Grube liegt und was da an Giftstoffen drin ist.“ Auf jeden Fall fühlt er sich in seinem Kampf gegen Fracking und weitere Bohrungen in Schwedeneck betätigt. „Wir haben die Altlasten noch nicht im Griff, da können wir uns doch nicht neue Risiken aufladen.“ Der Kreis Rendsburg-Eckernförde wollte sich wie auch andere am Donnerstag noch nicht zu den Verdachtsflächen im Kreisgebiet äußern oder eine Risikoabschätzung für das Trinkwasser abgeben.

Umweltminister Robert Habeck betonte, dass die engmaschigen Untersuchungen des Trinkwassers keine Folgen fürs Trinkwasser ergeben haben: „Wir können weiter Kaffee kochen und unsere Wasser trinken.“ „Altablagerungen – und davon gibt es 1800 im Land – seien aber insgesamt das belastende Erbe von mehr als 100 Jahren Gewerbe- und Industriegeschichte: „Es ist eine Mammutaufgabe für die Behörden, solche Altlasten abzuarbeiten.“

Umweltverbände wie der BUND warnen hingegen von einer schleichenden Gefahr und fordern eine schnelle Untersuchung und die notwendigen Gegenmaßnahmen. In Sülfeld im Kreis Segeberg ist das nicht notwendig. Der Bohrschlamm dort wurde geprüft und als ungefährlich eingestuft. Wann auch alle anderen Gemeinden im Land Gewissheit haben, ist offen.

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