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„Es war menschenunwürdig“

Heimaffäre „Es war menschenunwürdig“

Nach den jüngsten Vorwürfen gegen das Therapiezentrum Rimmelsberg im Kreis Schleswig-Flensburg und die Landesheimaufsicht von Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) hat sich ein ehemaliger Bewohner zu Wort gemeldet.

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Das Essen wurde rationiert, im Herbst mussten Jugendliche in Unterhose im Schlamm und über Tannenzapfen robben, anschließend wurden sie mit kaltem Wasser aus dem Gartenschlauch abgespritzt – so beschreibt ein Betroffener die Misshandlungen im Therapiezentrum Rimmelsberg.

Quelle: Patrick Pleul/ dpa ( Archiv, Symbolbild)

Kiel. Marco (sein vollständiger Name ist der Redaktion bekannt) stammt aus dem Hamburger Norden und lebte bis März 2014 knapp zwei Jahre in der Einrichtung.Inzwischen wohnt der heute 18-Jährige im Kreis Rendsburg-Eckernförde und absolviert eine Kochlehre. „Vielleicht hilft es anderen Kindern und Jugendlichen, wenn ich von meinen Erlebnissen erzähle“, sagt er.

Gleich nach seiner Ankunft in der Wohngruppe Hof Seeland im Mai 2012 habe die Heimleitung beim Einzelgespräch einen Blick in die Akten geworfen und ihn dann mit Worten begrüßt, die in Marcos Ohren klingen, als wären sie gestern gesprochen worden: Dass man eigentlich ein Loch graben, Marco hineinwerfen, Beton darüber gießen und oben drauf noch einen Haufen machen müsste. Aber dass jetzt alles anders werde, weil Marco ja die Betreuer vom Rimmelsberg habe. Die lässige Atmosphäre eines Bauernhofs habe ihm tatsächlich gut gefallen, blickt der junge Mann zurück. Zwischen den 15 Jungs, untergebracht in zehn Zimmern, habe ein guter Zusammenhalt bestanden. Gegenüber vom Wohngebäude standen Pferde auf der Koppel, es gab keinen Stadtlärm, „und wir durften Kind sein, das wurde uns schon gewährt. Aber vieles war eben nicht okay“.

Früher in der Schule aufgefallen

Marco war in früheren Jahren wegen seiner Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) in der Schule aufgefallen und wurde in Rimmelsberg zum hausinternen Unterricht von den anderen getrennt. Auch am sogenannten Losertisch, dem Tisch für „Verlierer“, den die Landesheimaufsicht dem Betreiber inzwischen untersagte, habe er öfter sitzen müssen. Der Tisch stand dem regulären Esstisch gegenüber, man konnte und sollte die anderen sehen, bloß dass es dort nicht Marmelade, Aufschnitt und was auch immer gab, sondern lediglich zwei Scheiben Brot, einen Löffel Margarine, etwas Salz aus dem Streuer sowie ein Glas Wasser. Die Schilderung erinnert an den geschlossenen Friesenhof in Dithmarschen, wo man diese Praktik nach Angaben von betroffenen Mädchen „Hartz IV-Essen“ nannte. Einmal habe die Gruppe in Rimmelsberg einem separierten Jungen vom Essen etwas abgegeben, erzählt Marco, und als die Betreuer das mitbekamen, verhängte man den Essensentzug gleich für alle. Schlimmer noch: Auf dem Speiseplan am Schwarzen Brett stand angeblich eine ganze Woche lang „Für alle: Loosertisch“ geschrieben. „Ich finde das nicht in Ordnung“, sagt Marco. „Man sollte nicht mit Essen bestrafen.“ Zumal sich die Betreuer selbst Pizza bestellt haben sollen, die sie im selben Raum verspeisten.

Damals habe er seine Mutter alarmiert. Im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigt sie, dass sie zunächst das Hamburger Jugendamt verständigt habe, das seinerseits zum Telefonhörer griff. Die Betreuer hätten den Fall jedoch heruntergespielt. Als die Mutter einen Tag später persönlich vor der Tür stand, habe man sie nicht gerade freundlich empfangen. Und: „Am Schwarzen Brett hing plötzlich wieder ein ganz normaler Essensplan.“

Auf dem Boden über Tannenzapfen robben

So viel mehr sei in den knapp zwei Jahren passiert, was an ein Bootcamp erinnert. Ein paar Jungs hatten nach Angaben von Marco aus dem Kühlschrank zwei Packungen Salami entwendet, nicht ahnend, dass die Packungen abgezählt waren. Nachts, so erinnert er sich, wurden alle Jungen aus den Betten gescheucht, mussten in Unterhose oder Schlafanzug auf dem Hof im Kreis laufen und dann auf dem Boden über Tannenzapfen robben, bis die Delinquenten irgendwann ihre Missetat gestanden. Am nächsten Tag sollte Marco einem Betreuer irgendwelche Fragen beantworten, zum Beispiel, wie viele Wochenenden das Jahr habe und wie hoch der Mount Everest sei. Für falsch beantwortete Fragen musste er 52 Runden laufen, schwere Baumscheiben schleppen und Treppen hoch- und herunterrennen. Er habe auch schon mal im Rucksack Steine auf einen Berg tragen müssen. Und sei der Schrank nicht korrekt aufgeräumt gewesen, wurde alles herausgezogen.

Besonders schlimm sei dieser Fall gewesen: Im Herbst, es hatte gerade geregnet und die Betreuer – immer Männer und immer zu dritt – trugen bereits warme Jacken, mussten die Jungen nach Marcos Erinnerung mittags nur in Unterhose bekleidet durch den Schlamm robben. Da sie schmutzig nicht ins Haus zurück durften, griffen die Betreuer einen Gartenschlauch und spritzten die Jungen mit kaltem Wasser ab. „Irgendwie machten wir uns einen Spaß daraus“, blickt Marco zurück. „Aber ganz ehrlich? Das war menschenunwürdig.“ An den brütenden Sommertag, an dem es selbst für Sport zu heiß war und die Jungs zum Strand nach Wassersleben bei Flensburg gefahren wurden, erinnert sich der 18-Jährige auch noch genau. „Kaum waren wir angekommen, hieß es: ,Verarscht! Alles wieder einsteigen.’ Im Heim mussten wir dann doch Sport machen.“ Und dass ein Betreuer einen Putzeimer mit Schmutzwasser über ihn und andere Jungs auskippte, weil sie das Wasser nicht ausreichend gewechselt hatten, kann er auch nicht vergessen.

Die Betreuer hatten laut Marco ein Motto ausgegeben, das sie zwischenzeitlich sogar auf T-Shirts drucken wollten: „Seeland – einfach mal die Fresse halten“. Daran will er sich nicht mehr halten. „Es gibt doch Richtlinien“, sagt er. „Erziehungserfolge erreicht man nicht, indem man einen Menschen bricht, sondern indem man seine Persönlichkeit aufbaut. Klingt das zu geschwollen?“ Das Problem: Sobald drei Betreuer behaupten würden, dass die Kinder lügen, glaube die Heimaufsicht lieber ihnen. „Deshalb wären unangekündigte Besuche am besten. Und zwar möglichst zu einem Zeitpunkt, an dem alle draußen in Unterhose stehen müssen.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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Was Druck von oben doch manchmal bewirken kann. Jahrelang ließ der Inhaber der Kinder- und Jugendhilfe Rimmelsberg, Manuel Feldhues, die Zügel bei seinen Mitarbeitern mächtig schleifen.

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